Freitag , 25. September 2020
Politikerin Elisabeth Motschmann. (Foto: t&w)

„Frauen müssen an Verhandlungstische“

Was glauben Sie, warum ist Politik auch im 21. Jahrhundert auf nationaler und internationaler Ebene noch immer eine Männerdomäne?

Elisabeth Motschmann: Das hat verschiedene Gründe. Männer suchen offensichtlich bei der Besetzung von Stellen ihresgleichen, das hängt auch damit zusammen, dass Frauen sich nicht offensiv genug für bestimmte Positionen melden. Sie fragen sich, ob sie gut genug ausgebildet sind, das zeitlich hinbekommen können. Sie haben oftmals viele Selbstzweifel. Währenddessen haben sich schon drei Männer gemeldet. Darüber hinaus sehen wir in den Medien, dass zu bestimmten Themen, die die Außen-, Wirtschafts- oder Finanzpolitik betreffen, überwiegend Männer befragt werden. Wir haben eine Vielzahl von männlichen Terrorismusexperten, das sind Politikwissenschaftler, Historiker. Dabei gibt es inzwischen genau so viele Frauen, die auf diesen Feldern kompetent sind. Auch die Beförderungspraxis ist immer noch so, dass es offensichtlich besser für die Männer läuft. Im Innenministerium gibt es zum Beispiel mehr Spitzenpositionen für Männer, die „Hans“ heißen, als für Frauen.

Ist es eine Frage des Mutes? Trauen sich Frauen nicht genug zu?

Ja, sie könnten sich viel mehr zutrauen. Wir haben genug hoch qualifizierte Frauen, die für alle Positionen geeignet sind. Es ist aber auch wichtig, dass sie sich auf bestimmte Felder begeben. Wenn Sie in die Ausschüsse des Bundestages schauen, werden Sie sehen, dass Frauen im Familienausschuss oder im Bereich Gesundheit, sozusagen in den weichen Politikfeldern, gut vertreten sind. In Finanzen, Wirtschaft, Verteidigung, Außenpolitik aber deutlich weniger. Ich sage ganz klar: Wenn es um Krieg und Frieden geht, dann müssen auch Frauen an die Verhandlungstische. Wir haben eine Bundeskanzlerin und eine Verteidigungsministerin, das ist gut, aber gerade auch in der Riege der Staatssekretäre oder derjenigen, die wirklich verhandeln, sind zu wenig Frauen. Auch Botschafterinnen gibt es verhältnismäßig sehr wenige. Wir müssen zusehen, dass in Stiftungsräten, in Jurys, in Findungskommissionen mehr Frauen sitzen. Es muss normal werden, dass Frauen in diesen Gremien beteiligt sind.

Man darf nicht vergessen, dass viele Frauen vor dem Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf stehen. Und andersherum werden Frauen, die vermeintlich im „geburtsfähigen Alter“ sind, schon per se für bestimmte Positionen ausgeschlossen, oder?

Genau diese Stimmung führt dazu, dass sie sich auch kaum trauen, sich zu bewerben. Das wird zwar kaum jemand aussprechen, aber unausgesprochen steht die ganze Zeit im Raum, dass eine Frau auch mal vorübergehend ausfallen kann, wenn sie ein Kind bekommt. Zur Vereinbarkeit: Wir brauchen Teilzeit auch in Spitzenpositionen, Job-Sharing in bestimmten Funktionen. Ebenso muss man im Auswärtigen Amt flexibler werden. Dort wechseln die Intervalle, in denen man entweder im Ausland oder in Deutschland ist, alle drei Jahre. Es gibt noch eine Menge zu tun.

Wie ist es Ihnen als Frau unter vielen Männern ergangen? Was war Ihre Strategie?

Ich musste viel kämpfen, habe aber auch Glück gehabt, das muss ich ehrlicherweise sagen. Meine Devise ist: Arbeit, Arbeit, Arbeit. Wir müssen zeigen, dass wir hart arbeiten können, mittendrin sind, und dass wir nicht erwarten, dass uns etwas zufällt.

Der Frauenanteil im Bundestag ist mit 30,9 Prozent auf den Stand von vor 20 Jahren gesunken, die Unionsfraktion ist mit 19,9 Prozent noch weniger weiblich aufgestellt – 197 Männer, 49 Frauen. Stoßen Sie auch in Ihren Reihen auf Widerstand?

Das wird inzwischen von allen als ungute Situation empfunden, und zwar nicht nur von den Frauen. Aber dann muss ja der nächste Schritt folgen: Wie können wir das ändern? Wie kann es gelingen, dass mehr Frauen ein Mandat bekommen? Bei der Bayern-Wahl ist keine Frau über die Liste reingekommen. Uns nützen die Listen nichts, wenn wir auf jeder zweiten, dritten oder vierten Position eine Frau haben, die Wahlkreise, in denen mehrheitlich Männer aufgestellt werden, aber direkt gewonnen werden. Bei den Grünen ist das nicht das Problem: Sie gewinnen wenig Wahlkreise direkt, da läuft alles über die Liste. In den Direktwahlkreisen müssen sich einfach mehr Frauen in den Wettbewerb begeben und kandidieren, vielleicht auch mal eine Gegenkandidatur riskieren.

Deutschland steht auch im Vergleich schlecht da. Im schwedischen Parlament sitzen fast zur Hälfte Frauen, in Spanien und Frankreich sind es knapp 40 Prozent. Woran liegt das?

Auch der Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen ist hier im europäischen Vergleich besonders groß. Wir müssen Mehrheiten für uns gewinnen. Das ist aber schwer, weil in den Parteien natürlich auch weniger Frauen Mitglied sind als Männer. Hinzu kommt, dass die Konkurrenz zwischen Frauen groß ist. Es gibt weniger Ämter. Wenn ein Mann eine Stelle nicht bekommt, kann er auf drei andere Positionen ausweichen.

Es ist sicher auch nicht förderlich, dass in Talkshows ganz häufig gar keine oder nur eine Frau sitzt. Wie kann das sein? Was ist das für ein Vorbild? Da macht man eine Gesprächsrunde über die Pflege und da ist überhaupt keine Frau dabei, ebenso bei einer über Donald Trump. Wir machen die Pflege und die Männer reden drüber. Gerade beim amerikanischen Präsidenten ist der Blick der Frauen wichtig, weil er nochmal anders ist als der von Männern. Ich möchte gar nicht sagen, dass wir besser sind. Ich bin auch keine Feministin, aber es kann nicht sein, dass so wenige herausragende Positionen mit Frauen besetzt sind.

Männern wird oft nachgesagt, dass sie gut vernetzt sind. Gibt es auch für Frauen in der Politik funktionierende Netzwerke?

Wir haben da ein objektives Problem: Wenn wir Familie und Beruf vereinbaren, dann sind wir froh, wenn wir abends zu Hause sind. Wir sehnen uns nicht unbedingt danach, am Wochenende auf Kongresse oder Parteitage zu gehen. Das weiß ich noch gut aus der Zeit, als meine Kinder zu Hause waren. Männer haben im Zweifelsfall eine Frau, die ihnen den Rücken freihält. Sie können also diese ganzen Veranstaltungen, bei denen genetzwerkt wird, wahrnehmen. Wir könnten das eigentlich jetzt auch wunderbar über Facebook oder Twitter tun. Leider nutzen wir aber die Möglichkeit nicht so so sehr wie unsere männliche Kollegen. Wir müssen uns untereinander viel mehr unterstützen – durch eigene Profile, stärkeres Vernetzen, gegenseitiges Liken.

Außenpolitik ist ein besonderes Feld, da ist der Mangel an Frauen besonders groß. Da haben Sie sich ja auch schon des Öfteren drüber empört…

So ein besonderes Erlebnis war für mich die Münchener Sicherheitskonferenz, bei der maximal zehn Prozent Frauen vertreten waren. Und die Frauen, die teilgenommen haben, waren zum Teil als Moderatorinnen auf dem Podium. Spitzenfrauen übrigens. Sie durften die Fragen stellen, aber die Männer erklären uns die Welt. Die Frauen trafen sich am Rande dieser Konferenz, morgens um 7 Uhr zum Frühstück, waren aber nicht integraler Bestandteil. Das sind so Sachen, die nicht gehen.

Ihr neues Buch trägt den Titel „Female Diplomacy“ (übersetzt: weibliche Diplomatie). Sind Frauen die besseren Verhandlungskünstler?

Zumindest glaube ich, dass Frauen sehr ausgleichend und friedenstiftend sind und einen anderen Blickwinkel auf Krieg und Frieden einbringen können. Dass man auf diese Kompetenzen verzichtet, finde ich sträflich. Wenn es um das Zusammenhalten von Ländern, von Gesellschaften geht, können Frauen Hervorragendes beitragen.

Das Frauenwahlrecht gibt es seit 100 Jahren, damit wurde ein wichtiger Grundstein für die gesetzliche Gleichberechtigung gelegt. Wie beurteilen Sie die Entwicklungen in dem Jahrhundert?

100 Jahre sind keine so lange Zeit, wenn man bedenkt, dass Frauen vorher weder das aktive noch das passive Wahlrecht hatten. Hier ist ein Wandel eingetreten, für den wir dankbar sind. Ich glaube auch, dass wir deutlich weitergekommen sind, was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf anbelangt. Aber es gibt auch noch viel zu tun: Wir haben inzwischen Kita-Plätze. Aber es fehlt an ausreichenden Ganztagsschulplätzen. Wenn die Kinder mittags aus der Schule kommen, stehen sie vor der Tür. Ich will durchaus nicht allen Frauen den Rat geben, in Vollzeit berufstätig zu sein, solange sie kleine Kinder haben. Aber es muss ja zumindest die Möglichkeit geben. Ich möchte wirklich, dass Frauen frei entscheiden können, wie sie ihren beruflichen und familiären Weg gehen möchten. Diese Freiheit hat man bislang noch nicht, zumindest nicht so wie gewünscht.

Es ist inzwischen ein Jahr her, dass Alyssa Milano als Reaktion auf die Vorwürfe gegen Filmproduzent Harvey Weinstein Frauen dazu aufgerufen hat, über sexualisierte Gewalt zu berichten. Millionen haben sich unter dem Hashtag #MeToo zu Wort gemeldet. Inzwischen wird über den Stand der Gleichberechtigung von Frauen und Männern diskutiert. Was hat diese Bewegung in Ihren Augen bewirkt?

Ich halte das für eine ganz wichtige Bewegung, weil wir das Problem hatten und auch nach wie vor haben, dass ganz viele Frauen gar nicht wagen, an die Öffentlichkeit zu gehen oder zu benennen, was ihnen widerfährt. Dass es jetzt zunehmend Anlaufstellen und Möglichkeiten gibt, so etwas öffentlich zu machen, ist gut. Die Bewegung darf aber auch nicht übers Ziel hinaus schießen. Wenn man höflich ist, einer Frau ein Kompliment macht, dann ist das noch nicht ein Fall für #MeToo. Aber wenn ein Mann seine Macht ausübt, indem er Forderungen stellt, ist das natürlich eine Grenzüberschreitung, die nicht geht. Deshalb finde ich es gut, dass diese Bewegung gestartet ist. Mehr ist es übrigens auch noch nicht. Es hat noch längst nicht alle Bereiche unserer Gesellschaft erreicht.

Zur Person

Elisabeth Motschmann

42 Jahre ist die Politikerin inzwischen in der CDU aktiv. Sie ist stellvertretende Vorsitzende der Bremer CDU und seit 2013 Bundestagsabgeordnete. Innerhalb ihrer Fraktion ist die 66-jährige Motschmann Sprecherin für Kultur und Medien, außerdem gehört sie dem Auswärtigen Ausschuss an. Die gebürtige Lübeckerin hat Theologie, Romanistik und Pädagogik in Hamburg und Kiel studiert. In der Zeit, in der sie ihre drei Kinder großgezogen hat, hat sie als freie Journalistin gearbeitet, sich vor allem mit familien- und frauenpolitischen Themen befasst.

Von Anna Paarmann