Freitag , 23. Oktober 2020
Sabrina Zubke (l.) und Leonie Peters sind Bildungswissenschaftlerinnen. Dass andere dieses Fach nun seit diesem Wintersemester nicht mehr im Master an der Leuphana Universität studieren können, macht die beiden Frauen wütend. Foto: t&w

„Mit dem Hammer zerschlagen“

Lüneburg. Das Wintersemester hat gerade begonnen, Hunderte neuer Studenten bevölkern den Campus. Darunter viele junge Männer und Frauen, die schon einen Bachelor absolviert haben und nun mit dem Master beginnen. Bildungswissenschaftler fehlen. Bewerber hat die Leuphana in diesem Jahr nicht mehr zugelassen, der Masterstudiengang ist ein Auslaufmodell. Zum Leidwesen vieler Studenten, die bis heute nicht verstehen können, wieso sich das Präsidium gegen das Programm entschieden hat. Mit einer Veranstaltungsreihe, bei der sich auch etliche Lehrende mit kritischen Beiträgen beteiligen, machen sie auf die Bedeutung der Bildungswissenschaften aufmerksam.

Wie berichtet, hat die Uni-Spitze vor etwas mehr als einem Jahr aus wirtschaftlichen Gründen entschieden, den Master abzuschaffen. Sabrina Zubke (29) gehört dem letzten Durchgang an, sie ist im vergangenen Wintersemester gestartet. In einem Seminar hat sie mit Kommilitonen ein Konzept für die Veranstaltungsreihe erarbeitet. „Die Bildungswissenschaften sollen hier nicht sang- und klanglos untergehen, wir zeigen, dass es diesen Studiengang hier mal gab.“

Wer das Fach jetzt studieren möchte, muss nach Hamburg, Hannover, Bremen oder Oldenburg gehen. Das Lüneburger Profil sei an keiner anderen niedersächsischen Uni zu finden, sagt Zubke. „Das war einmalig.“ So gab es hier den Schwerpunkt „Community Education“, der das Feld über die Schulbildung hi­naus weitet, auch in Richtung außerschulische Lernorte und Kooperationen blickt.

Es ist nicht das erste eingestampfte Programm

Leonie Peters (27) gehört zu jenen, die 2017 viel unternommen haben, um die Schließung des Masters zu verhindern. Ihren Abschluss hat sie in der Tasche, promoviert inzwischen. „An eine Fakultät Bildung gehört für mich mehr als nur die Auseinandersetzung mit Schule“, sagt sie. Die Leuphana sei nun die einzige Uni in Niedersachsen, die neben Lehramtsstudiengängen keinen bildungswissenschaftlichen Zweig mehr anbietet. Dabei gäbe es viele, die gern im Bereich Bildung arbeiten, aber nicht an einer Schule unterrichten möchten. „Manche gehen in die Umwelt- oder Sozialpädagogik, in die Forschung, zu Bildungsstiftungen oder auch zum Zentrum für Hochschulentwicklung.“

Es ist nicht das erste Programm, das an der Leuphana eingestampft wurde. So hat die Uni zum Beispiel 2008 unter großem Protest, auch von Seiten der Politik, den Studiengang Sozialarbeit/Sozialpädagogik auslaufen lassen. Prof. Dr. Horst Kowalews­ki, er wird beim Auftakt der Reihe einen kritischen Vortrag zum Thema Bildung an der Leuphana halten, erinnert sich gut an das Ende. Er war unmittelbar betroffen. In der Lehre habe es damals 17 Professuren gegeben, zusätzlich fünf Sozialarbeiter. „Das Präsidium hat eine Zeit abgepasst, in der viele Stellen durch Pensionierung frei wurden.“

Das Machtzentrum hat sich auf den Präsidenten verlagert

Trotz stetig steigender Studentenzahlen sei bis heute keine einzige eingesparte Stelle wiederbesetzt worden. Kowalewski, der je eine halbe Professur in den Fakultäten Bildung und Nachhaltigkeit hat, erzählt, dass er die Arbeit über all die Jahre hinweg mit drei Kollegen vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik aufgefangen habe. „Ohne zu murren.“ Die Schließung eines weiteren wichtigen Studiengangs habe das Fass nun zum Überlaufen gebracht.

Er gibt zu bedenken, dass hinter einem solchen Programm stets auch ein großes Netzwerk stehe. „Wir hatten einen Adressenpool von 1000 Trägern der Sozialen Arbeit, Jugendzentren, Wohlfahrtsverbänden, nur für den norddeutschen Raum.“ Darüber seien unter anderem unzählige Praktika an Studenten vermittelt worden. „Das ist alles abgebrochen.“ Genau das geschehe nun auch mit den Bildungswissenschaften. Mit all diesen Argumenten habe sich das Präsidium „nicht qualifiziert auseinandergesetzt, da wurde ein weiteres Netzwerk mit dem Hammer zerschlagen“. Die Kritik des Professors geht weiter: Er bezeichnet es als „Politikum“, dass sich ein Präsident über die Entscheidung mehrerer Gremien hinwegsetzt. Obwohl die Bundesländer im Bereich Bildung stets auf ihre Eigenständigkeit pochen, habe sich das Machtzentrum an modernen, neoliberalen Hochschulen „total verlagert“. Präsidenten und Stiftungsräte seien massiv gestärkt worden – mit der Folge, dass sie sich heutzutage immer gegen das Votum von Studenten, Mitarbeitern und Professoren stellen könnten.

Von Anna Paarmann

Veranstaltungsreihe

„Macht, Bildung, Gesellschaft“

  • 23. Oktober: Auftakt
  • 30. Oktober: Prof. Dr. Cornelie Dietrich spricht über „Was ist Bildung?“
  • 6. November: Dr. Anke Wischmann widmet sich dem Thema Bildungsgerechtigkeit
  • 13. November: Gesellschaftlichen Bedingungen von Bildung und Macht widmet sich Dr. Wolf-Reinhard Kemper
  • 20. November: Florian Grawan referiert über Postkolonialismus im Bildungswesen
  • 27. November: Niels Uhlendorff über „Selbstoptimierung“
  • 4. Dezember: Ein möglicher Lösungsansatz aus der Praxis wird präsentiert
  • 11. Dezember: Abschlussdiskussion

Die Veranstaltungen finden statt dienstags um 18.15 Uhr in Gebäude 14 (Raum 006), Campus Scharnhorststraße.