Dienstag , 20. Oktober 2020
Ein Bild der Zerstörung: So wie hier sieht es nach Erdbeben und Tsunami vielerorts auf der Insel Sulawesi aus. Viele Häuser liegen in Trümmern. (Foto: privat)

Der Leichengeruch liegt über allem

Lüneburg/Palu. „Überall sitzen die Überlebenden verzweifelt auf den Trümmern ihrer ehemaligen Häuser.“ So beschreibt der Lüneburger Gerhard Klaiber die Situation auf der indonesischen Insel Sulawesi: „Über allem liegt ein intensiver Leichengeruch.“ Der Westen Sulawesis wurde am 28. September gegen 18 Uhr von einem Erdbeben der Stärke 7,4 erschüttert, das Beben löste einen Tsunami aus, der Menschen, Vieh und zerstörte Häuser hinwegriss. Ganze Stadtteile der Küstenstadt Palu und umliegende Orte verschwanden.

„Dass Menschen vom anderen Ende der Erde ihnen helfen, war für sie so unfassbar, sodass viele lauthals weinten vor Freude.“
Gerhard Klaiber

Behörden bestätigten bisher offiziell mehr als 2000 Tote. Unzählige Einwohner gelten weiter als vermisst. Am vergangenen Sonnabend gab es einen weiteren Erdstoß. Die Hilfswelle ist groß, einer der Helfer ist Gerhard Klaiber, einst Leiter der Lüneburger Polizei-Werkstatt. Er engagiert sich mit seiner Frau Hilla für die christliche Hilfsorganisation Nehemia seit mehr als zwölf Jahren in Indonesien.

Erst das Erdbeben, dann der Tsunami

Klaiber schildert die aktuelle Situation in Palu so: „Jetzt, wo es schon etwas trockener ist, suchen die Angehörigen, ob sie vielleicht noch ihre Familien und Freunde finden können. Am einst wunderschönen Strand mit vielen Geschäften und Hotels hat das Erdbeben alle Gebäude zerstört, der Tsunami hat die Mauern und was sonst noch von den Hotels und Geschäften übrig war, mehr als 100 Meter weggespült. Die geborgenen Toten sind alle in ein Massengrab gekommen. Es wird viel für Entseuchung getan. Selbst im Flugzeug wurden wir mit Desinfektionsmitteln besprüht.“

Viele der Überlebenden hätten nur noch das, was sie während der Katastrophe auf dem Leibe trugen. Untergebracht sind sie in sogenannten Poskos, den Sammelstellen für die Opfer, in denen sie – so gut es geht – mit Nahrungsmitteln versorgt werden. Klaiber erzählt: „Sie baten uns um Decken, weil es für sie – im Gegensatz zu uns – in der Nacht bei 26 bis 30 Grad zu kalt ist. Dass Menschen vom anderen Ende der Erde ihnen helfen, war für sie so unfassbar, sodass viele lauthals weinten vor Freude.“

Gerhard Klaiber brachte die Hilfsgüter selbst zu den Katastrophenopfern. (Foto: privat)

In den Gesprächen mit ihm hätten die Einwohner besonders Wert auf eine Feststellung gelegt: „Nicht sie, die Palauanesen, plünderten und plündern noch die Geschäfte, sondern Kriminelle, die im Gefängnis waren. Dort saßen rund 500 Sträflinge ein.“ Die Türen seien geöffnet worden, damit die Gefangenen nicht durch das Erdbeben getötet würden. „Von 500 Gefangenen kehrten allerdings nur etwa 50 wieder zurück. Deshalb gibt es in der gesamten Provinz eine große Militärpräsenz. Überall stehen bewaffnete Soldaten, um die Sicherheit zu gewährleisten.“

Die Behörden hatten schon schnell angeordnet, dass alle Geschäfte, denen das möglich war, wieder geöffnet werden, damit die Versorgungsengpässe möglichst minimal sind. Sämtliche Restaurants, Bäckereien und sonstige Lebensmittelläden hatten geschlossen, weil die Wasserleitungen durch das Erdbeben zerstört waren und aus Furcht vor Raubüberfällen. Ein großes Einkaufszentrum in der Stadt war total zerstört, mitten im Einkaufsbetrieb stürzte das Kaufhaus beim Erdbeben zusammen, mehr als 100 Menschen starben allein dort. So kaufte Klaiber seine Hilfsgüter für mehr als 1000 Menschen in einem weniger zerstörten Kaufhaus: „Verkauft wurde wegen des großen Andrangs und aus Furcht vor Raubüberfall vor dem Kaufhaus, gesichert von schwerbewaffneten Militärs, sogar Panzerwagen standen da.“

Tiefste Dankbarkeit für die Hilfe erfahren

Gerhard Klaiber wollte die Hilfsgüter nicht anonym irgendwo abgeben: „So gab mir die Behörde die Genehmigung, sie selbst den Opfern in den einzelnen Poskos zu überreichen. Die Frau des Armeechefs und ein Soldat als Fahrer waren unsere ständigen Begleiter und Helfer, oft bis tief in die Nacht hinein.“ Und dabei erfuhr er tiefste Dankbarkeit: „Aus meinen früheren Erfahrungen wusste ich, wie wichtig die persönliche Ansprache, die menschliche Nähe ist. Die Umarmungen, das gemeinsame Weinen. So durften wir mehr als 1000 Familien oder Überreste davon segnen, für sie beten, vor allen Dingen die Muslime baten mich darum.“ Klaiber wird weiter auf der Insel helfen.

Hintergrund

Schnelle Hilfe im Katastrophenfall

Motiviert durch das christliche Gebot der Nächstenliebe hilft Nehemia nachhaltig durch humanitäre und Katastrophenhilfe. Der Verein Nehemia Christliches Hilfswerk wurde 1990 ins Leben gerufen und ist als gemeinnützige Organisation anerkannt. Seit seiner Gründung hilft Nehemia weltweit, auf vielfältige Weise. Dabei lassen sich die Mitglieder als überzeugte Christen von dem Grundsatz der christlichen Nächstenliebe leiten. Hilfe wird ohne Ansehen der Person gewährt. Im Bereich der Katastrophenhilfe arbeitet Nehemia seit Jahren gut und erfolgreich mit dem Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland zusammen. Etliche Entwicklungshilfeprojekte wurden durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gefördert.

Das Spendenkonto von Nehemia, Christliches Hilfswerk, Evangelische Bank, BIC: GENODEF1EK1, IBAN: DE56 5206 0410 0004 0015 08.

Von Rainer Schubert