Dienstag , 29. September 2020
Dem Charakter des Waldfriedhofs angepasst, so müssen sich dort bislang auch die Grabstätten präsentieren. Ob es dabei bleibt, soll im Umweltausschuss beraten werden. Foto: be

Waldfriedhof soll bunter werden

Lüneburg. Große Hecken sind verpönt, Lichtbilder oder aus Prozellan gegossene Figuren oder Reliefs gehen gar nicht, und auch blank polierte Flächen will man dor t nicht sehen. Selbst Schriftzüge und Gravuren sollen sich in Farbe und Charakter dem Umfeld anpassen. Lüneburgs Waldfriedhof nimmt eine Sonderstellung unter den städtischen Friedhöfen ein, sein Name ist gleichsam Programm, so wurde es beim Anlegen des größten Friedhofs der Stadt beschlossen. Doch damit soll nun Schluss sein, zumindest für eine begrenzte Zeit.

„Maßnahme zur Attraktivitätssteigerung“

Als „Maßnahme zur Attraktivitätssteigerung“ will die Stadtverwaltung ihren Vorschlag verstanden wissen, den sie dem Umweltausschuss in seiner Sitzung am Dienstag, 16. Oktober, vorstellen will. So sollen Grabanlagen auf dem gesamten Friedhof frei gestaltet werden können, genau so also, wie es auch auf den anderen Friedhöfen schon von jeher möglich ist.

„Wir wollen testen, ob dieses Angebot angenommen wird“, erläutert Peter Zurheide, bei der Stadt für Friedhöfe zuständig, das Vorhaben. Für zunächst 18 Monate soll deshalb die sogenannte Grabfeldrichtlinie außer Kraft gesetzt werden, die 1983 erlassen wurde, um den besonderen Charakter des Waldfriedhofs zu erhalten. Sie legt unter anderem fest, wie groß Grabmale sein dürfen, dass großflächige Grabplatten verboten sind und Denkmale nur aus Naturstein, Holz, Schmiedeeisen oder Bronze gesetzt werden dürfen. Selbst Grabeinfassungen sind untersagt. Ausgenommen von dieser Sonderregelung sind lediglich drei kleinere Grabfelder, darunter für Urnengräber und Baumbestattungen.

Die Würde muss aber gewahrt bleiben

Vollkommene Freiheit in der Grabgestaltung werde es damit aber auch künftig nicht geben, „die Würde des Friedhofs muss natürlich gewahrt werden“, sagt Zurheide mit Hinweis auf die für alle Friedhöfe geltende Friedhofssatzung. Ein Grabstein mit Mickey-Maus-Ohren etwa oder ein Bandfoto von AC/DC als Lieblingsband des Verstorbenen auf der Grabplatte sind weiterhin ebenso tabu wie ein Glasgrabstein, den die Stadt vor Jahren untersagte.

Die Anregung zur Aussetzung der Grabfeldrichtlinie kam aus der Arbeitsgruppe, die für den Umweltausschuss im vergangenen Jahr Vorschläge zur Steigerung der Attraktivität der Lüneburger Friedhöfe erarbeitet hatte.

Hintergrund dafür sind wie berichtet die enormen Kosten für die Unterhaltung der seit Jahren defizitären Friedhöfe. Rund 100.000 Euro muss die Stadt jährlich zusetzen, die auch von der im vergangenen Jahr beschlossenen Erhöhung der Friedhofsgebühren längst nicht vollständig aufgefangen werden.

Erfahrungen sollen gesammelt werden

Ob von der befristeten Aussetzung der Grabfeldrichtlinie ein neuer Attraktivitätsschub für den Waldfriedhof ausgehen wird, ist laut Zurheide aber noch ungewiss. Deshalb sollen nach Ablauf von zwölf Monaten die gewonnenen Erkenntnisse zusammengestellt und im Ausschuss dann darüber diskutiert werden, ob aus der Ausnahme die Regel wird.

Völlig geräuschlos dürfte die Aussetzung aber wohl nicht über die Bühne gehen. Denn nicht jeder, der sich wegen des besonderen Charakters für den Waldfriedhof entschieden hat, dürfte über neu entstehende artfremde Nachbarschafts-Gräber erfreut sein. „Das könnte Ärger geben“, räumt auch Peter Zurheide ein. Um dem entgegenzuwirken, sollen die Betroffenen rechtzeitig informiert werden: „Wir versuchen in Grabauswahlgesprächen herauszufinden, wo die Reise hingehen kann.“

Ob der Ausschuss dem Vorschlag zustimmen wird, dürfte aber auch aus einem anderen Grund spannend werden. Schließlich hatte die Verwaltung zuletzt noch dafür geworben, zur Attraktivitätssteigerung mehr Bäume auf dem Waldfriedhof zu pflanzen. Ziel sei es, „den Charakter des Waldfriedhofs zu erhalten“.

Von Ulf Stüwe