Freitag , 18. September 2020
571 Zugfahrten pro Tag unterstellen die Gutachter im Jahr 2030 für die Strecke Lüneburg-Uelzen. Davon 411 im Güterverkehr. (Foto: t&w)

Wo sollen all die Züge hin?

Lüneburg/Berlin. Jetzt meldet sich das Bundesverkehrsministerium zum Schienenausbau in der Lüneburger Region zu Wort. Zuvor hatte der regionale Projektbeirat Al pha-E den Bahnplanern vorgeworfen, heimlich mit mehr Gleisen bis 2030 zwischen Lüneburg, Uelzen und Celle zu planen, als es im Dialogforum Schiene Nord zwischen Kommunen, Bürgerinitiativen, Land, Bund und Bahn verabredet worden war – zur besseren Anbindung der norddeutschen Seehäfen ans Hinterland. Ein viertes Gleis beispielsweise durch Bardowick und Lüneburg würde den Abriss ganzer Häuserzeilen bedeuten.

Vorwurf der Trickserei

Während der parlamentarische Staatssekretär Enak Ferlemann (CDU) im Bundesverkehrsministerium den Vorhalten gegen die Bahnplaner widersprach, sparte jüngst im LZ-Interview die Uelzener SPD-Bundestagsabgeordnete Kirsten Lühmann nicht mit Kritik an der Bahn. Sie ist Aufsichtsratsmitglied bei der DB AG. Und sie warf den Bahnplanern Trickserei vor.

Vor diesem Hintergrund hatte die LZ auch einige Fragen an den Sprecher Großprojekte der Bahn zu den Berechnungsgrundlagen der Gutachter, die die beste Trassenvariante in der Lüneburger Region herausfinden sollen. Darauf wollte der Bahnsprecher jedoch nicht antworten, verwies auf das Bundesverkehrsministerium. Und das lieferte nun Antworten. Die LZ bat wiederum Peter Dörsam vom Projektbeirat Alpha-E um seine Einschätzung dazu. Es ist ein Katz- und Mausspiel um klare Aussagen:

Trifft es zu, dass Bahn-Gutachter für Alpha-E mit einem viergleisigen Ausbau zwischen Ashausen-Lüneburg-Uelzen planen sowie dreigleisig zwischen Uelzen und Celle?

Dazu schreibt das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI): „Dies trifft nicht zu.“ Für den Bund und die DB Netz AG sei „nach wie vor die Projektdefinition aus dem Bundesverkehrswegeplan (BVWP) 2030 verbindlich“. Für die Gesamtstrecke Hamburg-Hannover ist da die Rede vom „3. Gleis Lüneburg-Uelzen“, zudem wird die weiter gefasste Strecke Ashausen-Uelzen-Celle für den Ausbau vorgesehen. Dort sollen dann Züge mit Höchstgeschwindigkeiten (Vmax) von 250 km/h beziehungsweise 230 km/h fahren können. Um noch mehr Kapazitäten zu ermöglichen, ist „gegebenenfalls“ von „zusätzlichen fahrplanbasierten Maßnahmen“ die Rede. Und eben die heißdiskutierten „Ortsumfahrungen“.

Ortsumfahrungen waren bisher für Lüneburg, Deutsch Evern, Bad Bevensen und Uelzen im Gespräch – und zwar als Alternative zum dreigleisigen Ausbau der vorhandenen zweigleisigen Strecke zwischen Lüneburg und Uelzen. Über den genauen Trassenverlauf für Ortsumfahrungen herrscht in der Öffentlichkeit aber immer noch Rätselraten.

Ein weiteres Teilstück

Mit Verweis auf den Bundesverkehrswegeplan nennt das Ministerium außerdem ein weiteres Teilstück: die „Ausbaustrecke Celle–Hannover-Vinnhorst“ (Vmax 230 km/h).

Das Ministerium teilt mit: „Für das anstehende Planfeststellungsverfahren müssen zwingend alle vernünftig denkbaren Varianten betrachtet und ausgearbeitet werden.“ Nur so könne eine Vorzugsvariante ermittelt werden, die später einer gerichtlichen Überprüfung standhält. „Bei der Ermittlung der Vorzugsvariante spielen die Diskussionsergebnisse des Dialogforums Schiene Nord, in dem auch zahlreiche Varianten erörtert wurden, eine wichtige Rolle.“

Peter Dörsam: „ Die Stellungnahme pro Alpha-E ist erfreulich. Auch sonst ist Bewegung in die Sache gekommen und das zeigt auch, dass es nötig war, diese Diskussion anzustoßen.“

Von welchen Streckenkapazitäten (Güterzüge und Personenverkehr) geht die Bahn aus, die auf der Hauptstrecke Hamburg-Hannover in Zukunft geleistet werden sollen?

Das Ministerium spricht von „Gutachtern des Bundes“. Und die „gehen in 2030 davon aus, dass im Bereich des Alpha-E zwischen Lüneburg und Uelzen rund 550 Züge pro Tag“ fahren werden, davon allein rund 390 im Güterverkehr. Und zwischen Uelzen und Celle wird mit rund 410 Züge pro Tag gerechnet, davon rund 250 im Güterverkehr. Aber das ist nicht alles. Der Ministeriumssprecher weiter: „Die DB Netz AG hat eine zusätzliche Grundlast von Betriebsfahrten berücksichtigt, sodass sie ein Betriebsprogramm von rund 571 Zügen/Tag (davon rund 411 im Güterverkehr) zwischen Lüneburg und Uelzen und rund 425 Zügen/Tag (davon rund 265 im Güterverkehr) zwischen Uelzen und Celle unterstellt.“

Dörsam: „Es waren schon die rund 390 Züge am Tag im Güterverkehr, die uns stutzig gemacht haben, wie die plötzlich auf drei Gleise passen sollen. Entscheidend ist, dass die Anzahl der prognostizierten Güterzüge ab Hamburg gar nicht zugenommen hat. Die Züge werden nur anders auf die vorhandenen Strecken verteilt. Auf der alternativen Route über Büchen und Wittenberge verbleiben in dieser Modellrechnung nur noch zirka 30 Güterzüge am Tag.“

Laut Projektbeirat ist doch mit einem viergleisigen Ausbau gerechnet worden. Das belegten jene prognostizierten Zugzahlen für die Strecke Ashausen-Lüneburg-Uelzen, die auch im Projektinformationssystem „Prins“ des Bundesverkehrswegeplans zu finden sind. Kritiker werfen der Bahn deshalb „Trickserei“ vor. Doch wie reagiert das Verkehrsministerium auf diesen Vorhalt?

Das Ministerium verweist erstmal darauf, was im Projektinformationssystem dargestellt wird. Das ist einerseits „das Ursprungs-Alpha aus dem Beschluss des Projektbeirates – mit der Dreigleisigkeit Lüneburg-Uelzen“. Andererseits ist auch die „im Sommer 2016 optimierte Variante enthalten mit der Kapazitätserweiterung nach Bremen“. Auch bei der optimierten Variante gehört das dritte Gleis Lüneburg-Uelzen dazu sowie die größer gefasste „Ausbaustrecke Ashausen-Uelzen-Celle“. Darauf würden sich die Zugzahlen beziehen.

Im Projektdossier zur optimierten Variante wird erklärt, was zur Bewertung des Konzeptentwurfs der Ausbaustrecke Ashausen-Uelzen-Celle betrachtet wurde, und zwar „Ausbauten Ashausen-Uelzen Süd mit Umfahrungen der Orte Lüneburg, Deutsch Evern, Bad Bevensen und Uelzen“, darauf weist das Ministerium extra hin. So weit, so gut. Und weiter ist die Rede von „Ausbauten Uelzen Süd bis Celle“, die betrachtet werden sollen. Der Rest bleibt im Ungefähren. Dennoch betont das Ministerium: „Er stellt keine Vorfestlegung für den folgenden Planungsprozess dar, der den konkreten Verlauf im Dialog mit der Bevölkerung bestimmt.“

Schwammige Formulierung

Dörsam: „Diese Antwort des BMVI verdeutlicht die Problematik. Das Zitat aus PRINS ist Teil der Begründung für die Dringlichkeitseinstufung, aber es bezieht sich nicht auf die Maßnahmenbeschreibung. Mit dieser schwammigen Formulierung könnte versucht werden, eine umfassendere Baumaßnahme zu begründen. Obwohl die Maßnahmenbeschreibung im selben Dokument ganz klar ist und ein 4. Gleis von Ashausen bis Uelzen bzw. ein 3. Gleis von Uelzen bis Celle nicht vorgesehen ist.“

Inwiefern tritt das Ministerium dafür ein, dass die Ergebnisse des „Dialogforums Schiene Nord“ umgesetzt werden?

Dazu das Ministerium: „Das BMVI strebt an, die im Vordringlichen Bedarf des geltenden Bedarfsplans enthaltene ‚Optimierte Alpha-E Variante‘, welche auf Grundlage der Ergebnisse des Dialogforums Schiene Nord entwickelt wurde, zügig umzusetzen und finanziert dazu die Planungen in allen Abschnitten mit Bundesmitteln.“

Dörsam: „Hier kann ich mich nur anschließen. Wie aus den vorherigen Antworten deutlich wird, bedarf es aber dringend zunächst einiger Klarstellungen. Mit der DB sind wir in Vorgesprächen und hoffen darauf, dass wir wieder eine Basis für eine konstruktive Zusammenarbeit finden.

Von Dennis Thomas