Montag , 26. Oktober 2020
Die Glocke mit dem Kürzel des Deutschen Siedlerbundes gehört zu den letzten Erinnerungsstücken der Ortsgruppe Vögelsen, die Silke Rogge noch aufgehoben hat. Foto: phs

Totenglöckchen für die Siedler

Vögelsen. Eigentum verpflichtet. Davon kann jeder Hausbesitzer ein Lied singen. Und jene, die in den 60er-Jahren in die Siedlung am Stadtberg in Vögelsen zogen, wahrscheinlich noch ein bisschen lauter. Denn das Land war vor allem zur Selbstversorgung gedacht: Hier wurde nach Ende des Zweiten Weltkriegs der Anbau von Obst und Gemüse und Kleintierhaltung praktiziert. In der Siedlergemeinschaft Vögelsen wurden diese Pflichten lange Zeit gemeinsam getragen. Jetzt löst sie sich auf.

In den zurückliegenden Jahrzehnten haben die Mitglieder der Gemeinschaft vor allem Feste gefeiert und Ausflüge unternommen, das letzte Relikt des kollektiven Schuftens – ein alter Vertikutierer – ruhte im dunklen Schuppen. Für Peter Wegner kommt die Nachricht von der Auflösung nicht überraschend. Spätestens, nachdem im vergangenen Jahr auch die Siedlergemeinschaft Ebensberg aufgelöst wurde, ist klar: Der Verband Wohneigentum muss sich etwas einfallen lassen, um die Gemeinschaftskultur unter seinem Dach am Leben zu halten.

Votum für das Ende fiel einstimmig

„Eine Idee ist, irgendwann die Gemeinschaften in Lüneburg zu einer großen zusammenzuführen“, verrät der Vorsitzende auf Landesebene und der Kreisgruppe Lüneburg-Uelzen-Harburg/Land. 30 Siedlergemeinschaften mit insgesamt 2000 Mitgliedern gehören der Kreisgruppe an.

In Vögelsen hatte sich Anfang des Jahres schlichtweg niemand mehr für einen Vorstandsposten zur Wahl gestellt. „Ich habe gesagt, ich halte hier die Fahne so lange hoch, bis die Mitglieder nicht mehr wollen“, berichtet Silke Rogge, die neben ihrem Ehrenamt als Bürgermeisterin in den letzten zehn Jahren den Vorsitz inne hatte. Jetzt ist es soweit: Das Votum für die Auflösung fiel einstimmig. Darin erkennt Rogge nicht zuletzt eine Folge des demografischen Wandels. Die meisten der insgesamt 30 Mitglieder seien über 70 Jahre alt. Wer nun weiterhin von den Angeboten des Dachverbandes Wohneigentum profitieren möchte, wechselt in eine andere Gemeinschaft oder den Sammelpool „Nord-Ost-Niedersachsen“, der eigens für solche Situationen eingeführt wurde.

Nachbarschaftshilfe funktioniert auch ohne Verein

Wann darf ich welchen Baum beschneiden? Wie kann ich Energie im Haushalt sparen? Darf mein Nachbar das? Bei solchen Fragen können professionelle Berater des Verbandes Wohneigentum – früher Deutscher Siedlerbund – weiterhelfen. Und auch auf politischer Ebene werden Hausbesitzer vom Verband vertreten – wenn es zum Beispiel mal wieder um die heiß diskutierte Straßenausbaubeitragssatzung geht. Vielen Menschen seien diese Vorteile überhaupt nicht bekannt, bedauert Wegner. Er rät den Siedlergemeinschaften, darauf und auch auf die Rabatte bei diversen Fachmärkten und Freizeitangeboten stärker hinzuweisen: „Wenn es um den monetären Vorteil geht, können sie wieder neue Mitglieder erreichen.“

Mit der Auflösung der Siedlergemeinschaft in Vögelsen stirbt nun auch ein Stück Dorfgemeinschaft, da ist sich Silke Rogge sicher. Der Vertikutierer werde seine letzten Jahre noch bei einem ehemaligen Mitglied verbringen, kann bei Bedarf ausgeliehen werden, denn, so Rogge: „Die Nachbarschaftshilfe funktioniert auch ohne Verein.“

Von Anna Petersen