Dienstag , 29. September 2020
Adrian Wachendorf (stehend) fährt mit Rollstuhlfahrerinnen auf einem speziellen Stand-Up-Paddling-Board über die Ilmenau. Die Boards sind mit zwei Metern Breite und fünf Metern Länge größer als normale Bretter für Nicht-Behinderte. Foto: phs

Mit dem Rollstuhl aufs Wasser

Lüneburg. Stand Up Paddling (SUP), auch Stehpaddeln genannt, bietet der Lüneburger Verein SUP & Outdoor seit zwei Jahren auf der Ilmenau an. Seit Anfang Mai macht der Verein nun den Wassersport auch Rollstuhlfahrern zugänglich – mit einem speziellen Board, das von der Lüneburger Firma Nature-Guides entwickelt wurde. Die Lüneburger Rollstuhlfahrerin Margret Homola hatte von dem Angebot gehört und hat es jetzt ausprobiert: „Es ist eine tolle Erfahrung, Lüneburg einmal vom Wasser zu erleben“, bilanziert die 42-Jährige.

Gar aus Hamburg mit ihrem Rollstuhl angereist ist Anna Weber. „Ich habe immer am Goldbekkanal gesessen und den Stand-Up-Paddlern zugeschaut. Da habe ich gedacht: Das will ich auch machen“, sagt die 63-Jährige. „Es ist ganz schön anstrengend, aber es ist ganz anders als im Rollstuhl zu fahren“, meint sie. „Das ist ein bisschen wie fliegen.“

Touren und Events auf großen Boards

Die Idee, Rollstuhlfahrer aufs Wasser zu bringen, hatte Adrian Wachendorf. Er ist Gründer und Geschäftsführer von Nature-Guide. Die Firma bietet seit drei Jahren Touren und Events auf großen Boards deutschlandweit an. Wachendorf, er ist auch Mitglied im Verein SUP & Outdoor, überlegte, dass es doch „cool“ wäre, auch Rollstuhlfahrern die Möglichkeit zu bieten, diesen Wassersport auszuüben. „Voraussetzung dafür ist aber, dass der eigene Rollstuhl genutzt werden kann. Normale Boards sind dazu allerdings nicht geeignet.“ Deshalb entwickelte er ein Brett mit zwei Metern Breite und fünf Metern Länge, gefertigt von einer französischen Firma in China. „Auf dieses werden Fixierpunkte geklebt, der Rollstuhl wird dann mit einem Schnellspannsystem fixiert“, erklärt er. „Der Fahrer kann sich frei bewegen und paddeln.“

Bevor er das Board in die Produktion gab, stellte er es zum Test beim Deutschen Rollstuhlverband und beim Behinderten-Sportverband Niedersachsen vor. Der Zuspruch war groß. Begeistert war auch der Verein SUP & Outdoor. Gründungsmitglied Ela Gilleßen spricht vom „weltweit ersten Projekt dieser Art“, sie wandte sich an die Aktion Mensch, die das Projekt nun finanziell unterstützt. „Dank der Förderung konnten wir zwei der Spezialanfertigungen kaufen. Außerdem konnte der DLRG-Steg rollitauglich umgebaut werden.“

Nicht der einzige Sport, den Rollstuhlfahrer für sich entdecken

Damit noch mehr Rolli-Fahrer aufs Wasser kommen, wird der Verein dazu bundesweit Rollstuhl-Events anbieten. Auch auf der Alster in Hamburg hätten sie es schon probiert. „Außerdem werden wird ab dem kommenden Jahr in Lüneburg ein inklusives Training geben“, kündigt Ela Gilleßen an.

Das Stand Up Paddling ist aber offenbar nicht der einzige Sport, den Rollstuhlfahrer für sich entdecken. „Wir hatten gerade eine Anfrage, ob man mit Rollstühlen auch surfen kann“, sagt Alexander Groth vom deutschen Rollstuhl-Sportverband DRS in Hamburg. Dort fand im August eine WCMX-Meisterschaft statt – das Kürzel steht für eine Art Rollstuhl-Skating. Alexander Groth, der ein zunehmendes Interesse junger Rollstuhlfahrer beobachtet, glaubt: „Die unterschiedlichen Anbieter versuchen gerade, den Markt zu öffnen.“ as/rnd/dpa