Montag , 21. September 2020
Uni-Vizepräsident Christian Brei (v.l.), Prof. Ulf Wuggenig, Bürgermeisterin Christel John und Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung, eröffneten die Ausstellung. Foto: be

Die dunkle Spur nach Lüneburg

Lüneburg. Im Stadtbild erinnern nur noch Stolpersteine an Lucie Baden-Behr, Regine Behr, Paula Horwitz sowie Ernst und Otto Levy. Jetzt sind die wenigen verblie benen Familienfotos und Aufnahmen ihrer Lüneburger Wohnorte im Zentralgebäude der Universität auf einer Schautafel zusammengefasst.

„Deportiert nach Minsk“ – das Leben der fünf Lüneburger endete zwischen 1942 und 1944 im dortigen Vorort Malyj Trostenez, der größten Vernichtungsstätte der Nationalsozialisten in der ehemaligen Sowjetunion. Es ist ein Schicksal von rund 200.000 europäischen Jüdinnen und Juden, die dort getötet wurden.

Malyi Trostenez galt lange als „vergessenes Lager“. Wohl auch deshalb, weil hier hinter einem abgeschiedenen Waldstück die Vernichtungsmaschinerie der Nazis so perfekt funktionierte, dass es kaum Überlebende gab, die die grausame Geschichte weitertragen konnten.

Erst vor wenigen Wochen sprach Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Eröffnung eines dortigen Erinnerungszentrums von einem „Ort des Todes“. „Ihn in das historische Bewusstsein Europas zurückzuholen, ist ein lange überfälliger Schritt.“

Der Schritt war überfällig

Diesen Schritt geht die deutsch-belarussische Wanderausstellung „Vernichtungsort Malyj Trostenez. Geschichte und Erinnerung“, die zwischen Stationen in Hamburg und Düsseldorf bis zum 4. November etwas versteckt im Saal 51 des Libeskind-Baus zu sehen ist.

Beispielhaft skizzieren die zweisprachig gehaltenen Tafeln Biografien von Menschen, die in Trostenez ermordet wurden. Die Ausstellung erklärt aber auch das System dieses einzigartigen Vernichtungsfeldzuges und beleuchtet die unterschiedliche Erinnerungskultur in Deutschland und Weißrussland.

Als Beitrag der Universität für die Erinnerungskultur in Lüneburg sieht Prof. Ulf Wuggenig die Ausstellung, die er als Dekan der Kulturwissenschaften mit dem Kunstraum und dem Arbeitskreis Gedenkkultur an der Leuphana in die Hansestadt geholt hat. Zu lange sei hier eine „Täter-zentrierte Perspektive“ eingenommen worden, die Erinnerung müsse aber vielmehr „von der Zivilgesellschaft wachgehalten werden“.

Die Universität bekenne sich da zu einer besonderen Verantwortung, betonte am Dienstagabend zur Ausstellungseröffnung ihr Vizepräsident Christian Brei. Das einstige Kasernengelände war „ein Ort, von dem Schlimmes ausging“, erinnerte er an den einstigen Standort der 110. Infanteriedivision der Wehrmacht, die übrigens 1944 unweit von Malyj Trostenez eingekesselt wurde. Zwei Tafeln der Ausstellung thematisieren ihre Kriegsverbrechen an rund 9000 Menschen der Zivilbevölkerung im Raum Ozarichi.

Brei unterstrich: Als Ort der Wahrheit und Erkenntnis gehe es der Universität um eine Erinnerungskultur, bei der es nicht nur um das Nicht-Vergessen gehe, sondern nicht zuletzt da­rum, Schlussfolgerungen für die Zukunft zu ziehen.

Noch immer nicht im Bewusstsein verankert

Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung „Für die ermordeten Juden Europas“ bekräftigte in seiner Einführung, dass das Zusammenführen von deutscher und weißrussischer Sichtweise in der Ausstellung „für beide Seiten erhellend“ gewesen sei. Die Verbrechen im deutschen Namen seien im Bewusstsein immer noch nicht ausreichend verankert.

Mit einer Vortragsreihe renommierter Historiker (siehe Infobox) und einem Filmprogramm bis zum Jahresende wird die Ausstellung auch nach ihrem Abbau am 5. November begleitet. Die Mitglieder der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) bieten Führungen an. Peter Raykowski wünscht sich, dass möglichst viele Schulklassen die besondere Ausstellung besuchen werden.

Für Bürgermeisterin Christel John (CDU) dokumentiert die Ausstellung den „unvorstellbaren Bruch mit Zivilisation und Menschlichkeit“. Diese Auseinandersetzung sei heute wichtiger denn je, „wo Antisemitismus und Rechtsex­tremismus in die Mitte der Gesellschaft vordringen“, betont John.

Das im Frühjahr vom Stadtrat beschlossene Forum zur Erinnerungskultur in Lüneburg wird im November beginnen. Christel John nannte am Dienstag die ersten Termine: Am 10. November gibt es ein Forum zur Einführung, ein wissenschaftliches Symposium ist am 30. November geplant.

Von Marc Rath

Begleitprogramm

Vorträge und Führungen

Die Ausstellung ist bis zum 4. November täglich außer Mi. und So. von 10 bis 13 Uhr und von 14-18 Uhr (außer Sa.) geöffnet.

Führungen können ab 9. Oktober vorab vereinbart werden: Tel. 0170 4519909, ab 15. Oktober: 04131 677-2601 oder -1750.

Vorträge im Oktober:
8. Oktober, 19 Uhr: Dr. Aliaksandr Dalhouski, Historiker und Kurator, Geschichtswerkstatt Minsk, „Zur Transformation des sowjetischen Gedenkortes bei Trostenez in einen gesamteuropäischen Erinnerungsort“,
19.45 Uhr: Adam Kerpel-Fronius, Historiker und Kurator, Stiftung für die ermordeten Juden Europas, Berlin, „Wanderausstellung Malyj Trostenez – Geschichte einer Ausstellung“;
25. Oktober, 20 Uhr: Prof. Dr. Christian Gerlach, Historiker, Universität Bern, “Maly Trostinez und die vielen Gesichter deutscher Gewalt in Weissrussland 1941-1944“.