Samstag , 26. September 2020
Bianca und Robin Fox haben mit ihren Mitstreiter Henning Müller und Jürgen Thiele das Gerät EMLA entwickelt. Foto: bau

Muskeln, Macher und ein Mythos

Jameln/Lüneburg. Der Raum hat diskreten, spartanischen Charme: Zwei Bürostühle mit Kissenauflage. Zwei mit durcheinander liegendem Werkzeug, Kabelsträngen und R ohlingen bestückte Arbeitsflächen. Acht angebrachte Regalbretter und eine an der weiß gestrichenen Wand angelehnte Anleitung „Dokumentation Zusammenbau“. Hier sieht es auf zwölf Quadratmetern aus wie in einer x-beliebigen Tüftler-Werkstatt. Doch der Eindruck täuscht.

Tatsächlich ist die bei Jameln im Wendland im Landkreis Lüchow-Dannenberg auf einem Privatgrundstück stehende Garage die Produktionsstätte des Start-up-Unternehmens Fox Health Systems GmbH. In diesem kleinen Raum hat eine Gruppe von Freunden um Firmeninhaber und Personaltrainer Robin Fox mehr als vier Jahre lang ein weltweit einzigartiges Gerät für den Fitness- und Reha-/Gesundheitssportbereich entwickelt: EMLA.

Gerät misst den Muskelaufbau

Die vier Buchstaben stehen für ein innovatives Kraft-Messinstrument voller modernster Elektronik. Die wie eine überdimensionale Hantel aussehende Erfindung ist im Gegensatz zu wenigen bestehenden stationären Großgeräten mobil, individuell und vielfältig für Übungen und detaillierte Tests zur menschlichen Muskelleistung einsetzbar. „Zukünftig können Trainer und Physiotherapeuten in ihrem Studio oder in ihrer Praxis für ihre Sportler oder Patienten den Muskelaufbau einzeln genauestens bestimmen und dokumentieren“, sagt Robin Fox. Auch die Entdeckung muskulärer Dysbalancen und die Therapie mit entsprechenden Zug- und Druckleistungsübungen sind mit dem Gerät genauso möglich wie der normale sportliche Vergleich unter Kraftsportlern.

Verschworenes Tüftler-Team

Hinter EMLA steckt aber nicht nur eine erfolgversprechende, hilfreiche Erfindung, sondern auch eine außergewöhnliche Geschichte einer verschworenen Gemeinschaft. Dazu gehören neben dem 36-Jährigen noch dessen Frau Bianca Fox, Henning Müller, Kay Zimmermann, Jeffrey Reichardt, Christian Kölsch und Jürgen Thiele. In ihrer Freizeit haben sie gemeinsam in unzähligen Stunden ihr berufliches Expertenwissen als Elektroingenieur, Industriemechaniker, Informatiker, Deutsch-Lehrer oder Diplom-Mathematiker in das Projekt gesteckt.

Der Produktionssitz der Firma ist auf dem Grundstück von Jürgen Thiele. Der ehemalige Schulleiter des Fritz-Reuter-Gymnasiums in Dannenberg tüftelt an diversen Software-Komponenten für das Gerät. Als Mathematiker ist er dafür prädestiniert. In Anlehnung an den erfindungsreichen Dr. Emmett Lathrop Brown in der „Zurück-in-die-Zukunft“-Film-Trilogie wird er von seinen Freuden nur „Doc“ gerufen.

Robin Fox lebt für seine Arbeit und den Sport

Die Geschäftsidee ist 2015 nach der internationalen Leitmesse für Fitness, Wellness und Gesundheit (FIBO) in Köln entstanden. Robin Fox war dort mit seinem Freund Henning Müller auf der Suche nach eben so einem mobilen Gerät für seine Arbeit als Personaltrainer. Fündig wurden sie nicht. Auf der langen Fahrt zurück vom Rheinland ins Wendland reden sich die beiden die Köpfe heiß. Ist es möglich, so etwas selbst zu erfinden? „Robin meinte ja. Und wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann verfolgt er sein Ziel mit unheimlich viel Ehrgeiz und Hartnäckigkeit“, sagt Henning Müller.

Robin Fox lebt für seine Arbeit und den Sport. Sein Werdegang ist nicht alltäglich. „Ich war Spätstarter und hatte auf Schule nicht so viel Lust“, sagt der 36-Jährge. Die Schule verließ er 1997 mit einem Hauptschulabschluss. „Mein Geschichtslehrer hat zu mir gesagt, ich soll auf den Bau gehen, zu etwas anderem würde es nicht reichen.“ Eine Fehleinschätzung.

Spätstarter startet durch

Nach der Hauptschule startet Fox durch, absolviert eine Ausbildung zum Fachangestellten für Bäderbetriebe und arbeitet bis 2013 als leitender Angestellter bei der Wendland-Therme in Gartow. In dieser Zeit macht er seine Fachschulreife und beginnt ein Studium. Heute ist Robin Fox Gesundheitsmanager mit Masterabschluss und zertifizierter Personal-, Cardio- und Selbstverteidigungstrainer. „Ich wollte nicht mein Leben lang als Angestellter arbeiten, sondern meine Leidenschaft für den Sport auch beruflich umsetzen“, sagt er.

2017 gründet er die Firma Fox Health Systems GmbH, deren alleiniger Gesellschafter er ist. Damit trägt Fox die finanzielle Hauptlast. Mehrere Zehntausend Euro hat er schon in die Entwicklung des jetzt marktreifen Gerätes gesteckt. Seine Freunde sollen für ihr Engagement vom möglichen Gewinn des Unternehmens partizipieren. Alle sind zuversichtlich, dass EMLA ein Verkaufsschlager wird. „Zwischendurch hat es schon mal Tiefen gegeben“, sagt Robin Fox. Vor allem die benötigte Zeit für die Zertifizierung, Behandlung rechtlicher Fragen rund um kostenintensiven Patentschutz sowie immer wieder neue Verfeinerungen bei Software und Equipment sind die Gründe.

Start-up in Wendländer Garage

Zuletzt hat das Start-up-Unternehmen auch begleitende Unterstützung über die N-Bank und die Wirtschaftsförderungsgesellschaft Lüneburg im vom Land Niedersachsen aufgelegten Accelerator-Programm „Elevator Lüneburg“ erhalten. Stärken-/Schwächen-Analyse und Coaching-Maßnahmen im Bereich internationales Patentrecht, Vertrieb und Marketing standen auf dem Plan. „Das hat uns sehr weitergeholfen“, freute sich Robin Fox. Jetzt hoffen er und seine Freunde, dass EMLA den Markt erobert und im Wendland der Mythos einer erfolgreichen Garagenfirma auflebt.

Von Marcel Baukloh

Hintergrund

So funktioniert EMLA

Die elektronische Muskelleistungs-Auswertung verfügt über einen elektronischen Zug- und Drucksensor zur Messung von isometrischen Belastungen. Dabei handelt es sich um ein digital gesteuertes Messgerät mit hoher Reproduzierbarkeit der Messergebnisse. Die Handlichkeit ermöglicht einen vielfältigen und flexiblen Einsatz. Das Gerät mit integriertem Bluetooth-Sender und Visualisierungssoftware wird mittels Magnetschalter in Betrieb genommen. Weitere Infos unter www.fox-health-systems.de.