Samstag , 26. September 2020
Christina Fischer erinnert morgen mit ihrer Stadtführung durch Lauenburg an die Zeit der DDR und der Grenzöffnung. Foto: kre

„Wie sich ein Wessi anfühlt…“

Lauenburg. Es gibt Ereignisse, die vergisst man nie. Sie brennen sich auf ewig ins Gedächtnis ein. Der Abend des 9. November 1989 ist so ein Moment: „Bitterkalt war es,“ erinnert sich Christina Fischer an die Nacht vor 29 Jahren. Aber schließlich hatte die damals 19-Jährige deutsch-deutsche Geschichte hautnah miterlebt – als die innerdeutsche Grenze aufging und Ostbürger sich in langen Trabi-Kolonnen auf den Weg machten, den Westen zu erkunden. „Wir standen am ehemaligen Grenzübergang Horst“, erzählt Fischer – zum „‘Trabi-Klatschen‘“.

Die heute 49-Jährige ist eine der ehrenamtlichen Stadtführerinnen in Lauenburg. Am Mittwoch, 3. Oktober, werden die Ereignisse von damals bei ihr wieder wach. Zum Tag der Deutschen Einheit bietet Lauenburg als ehemalige innerdeutsche Grenzstadt eine ganz besondere Stadtführung an – mit Christina Fischer als Zeitzeugin.

Christina Fischer ist in Lauenburg aufgewachsen

Vorab hat sich die Stadtführerin mit der LZ am Lauenburger Schlossturm verabredet – mit grandiosem Blick auf und über die Elbe. Christina Fischer ist in Lauenburg aufgewachsen. „Da unten, in der Altstadt“, sagt sie und deutet mit dem Arm den Berg hinab. Lauenburg war die letzte Bastion im Westen vor der Grenze. „Heute werde ich oft gefragt, ob Lauenburg damals zur DDR gehörte“, berichtet die Stadtführerin schmunzelnd.

Natürlich, nicht, doch bestimmte der „kleine Grenzverkehr“ von West nach Ost damals das Leben – auch von Christina Fischer. „Natürlich brauchten wir dazu Visa“, berichtet die Stadtführerin. Wurde eine Fahrt in die DDR geplant, „mussten wir die Grenzübergänge in Horst oder Zarrentin nutzen.“

Pässe voller Einreisestempel der DDR-Grenzer

Zum Termin hat die Stadtführerin ihre alten Reisepässe mitgebracht , die voll sind mit den Einreisestempeln der DDR-Grenzer. Dabei erinnert sich die Lauenburger auch an Kurioses: „So wurde zum Beispiel bei einer unserer Fahrten in die DDR eine Nagelschere konfisziert.“ Warum, das hat die Lauenburgerin bis heute nicht herausgefunden. „Aber bei unserer Ausreise haben wir sie wieder zurückbekommen.“ Die deutsche Bürokratie und Gründlichkeit funktionierte eben auf beiden Seiten der Mauer. Und an noch eine weitere Begebenheit erinnert sich Christina Fischer: „Mein Vater fuhr einen Mercedes, bei dem der Verbandskasten hinten auf der Hutablage ab. Der wurde von den Grenzern regelmäßig gefilzt“. Im Rückblick findet das Christina Fischer ziemlich dumm: „Wenn mein Vater etwas hätte schmuggeln wollen, dann ganz bestimmt nicht in so einem exponiert platzierten Verbandskasten.“

Ob Diensteifer oder Schikane das Motiv der Grenzer war spielte spätestens seit dem 9. November 1989 auch keine Rolle mehr. Wer wollte, durfte plötzlich in den Westen. Und diese Gelegenheit ließen sich noch am gleichen Abend viele Ostdeutsche nicht nehmen. „Ich hatte im Fernsehen von der Grenzöffnung erfahren“, berichtet die Lauenburgerin – „ich konnte das erst gar nicht glauben!“ Gemeinsam mit Freunden machte sie sich auf zum Grenzübergang Horst – „Trabi-Klatschen“. An eine Begegnung von damals erinnert sie sich noch genau. Ein Trabi-Fahrer hielt an, stieg aus und umarmte mich mit den Worten: „Ich will nur mal wissen, wie sich Westdeutsche anfühlen….“

Lauenburger agieren an Anfang als Einkaufsberater

Es waren bewegende Zeiten – auch für die Lauenburger. Christina Fischer und ihre Mitstreiter engagierten sich in den ersten Wochen der Grenzöffnung als „Einkaufsberater“ für die DDR-Bürger, die neugierig, teils geradezu ehrfurchtsvoll die Geschäfte in Lauenburg aufsuchten. „Dass in unseren Supermärkten Selbstbedienung herrscht, war für die Ostdeutschen erst einmal ungewohnt“, berichtet Fischer: „Eine Kundin habe sich zunächst gar nicht getraut, die gewünschte Ware aus dem Regal zu nehmen. „Die hat sich auf dem Weg zur Kasse verschüchtert dauernd umgedreht – wohl in der Sorge, gleich mächtig Ärger zu bekommen“, erinnert sich die Lauenburger Stadtführerin.

Doch bei aller Freude über ein geeintes Deutschland – die Wiedervereinigung von Ost und West hat auch auf der Westseite einschneidende Veränderungen mit sich gebracht. Etwa durch den Wegfall der sogenannten Zonenrand-Förderung, der vor allem auch Lauenburg hart traf. Unternehmen wanderten jetzt nach Boizenburg ab – der Fördergelder wegen. Auch das ist ein Aspekt, den Christina Fischer bei ihre Zeitreise in die jüngste deutsch-deutsche Geschichte ansprechen wird.

Die Führung beginnt am 3. Oktober um 14.30 Uhr am Schloss-turm (Amtsplatz 6) und dauert 1,5 Stunden. Anmeldungen unter (04153) 5909220.

Von Klaus Reschke