Montag , 21. September 2020
Schweren Herzens tragen Gisela Frischmuth (l.), Mitglied im Bauausschuss der Kirchengemeinde, und Pastor Tobias Heyden die Entscheidung mit, das Pfarrhaus in Wichmannsburg abzureißen. Foto: phs

Pfarrhaus steht vor dem Abriss

Wichmannsburg/Lüneburg. Mit jedem Tag macht sich das Ungeziefer ein bisschen mehr am Niedergang zu schaffen: Der Schimmelpilz klebt an der Tapete, Ameisen zerle gen die Lehmwände zu braunem Staub, der die knapp 200-jährige Geschichte des Hauses Stück für Stück unter sich begräbt. Eine vertrocknete Palme, von Spinnen verwebtes Fachwerk: Ein „gottverlassener Ort“, mag der eine oder andere bei diesem Anblick schon gedacht haben, ausgerechnet beim Anblick des Wichmannsburger Pfarrhauses.

Das steht nun vermutlich vor dem Abriss, denn eine Sanierung wäre teuer. Zu teuer. Summen zwischen 450 000 und 800 000 Euro haben Architekten Pastor Tobias Heyden genannt – je nachdem, wie viel Wohnraum gerettet würde. Das zu stemmen scheint ihm, auch vor dem Hintergrund der Förderungspolitik der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, unmöglich: „Es gibt zum Beispiel Zuschüsse von der Landeskirche für einen Neubau, eine Sanierung aber wird nicht extra gefördert“, sagt Heyden, wohl wissend, dass angesichts der bitteren Folge im Kirchenvorstand schon so einige Tränen geflossen sind. Denn nach zahlreichen Sitzungen siegten dort die wirtschaftlichen Argumente über die emotionalen: Wenn der Denkmalschutz fällt, so die Einigung, muss das alte Fachwerkhaus einem Neubau weichen.

Gleiches Schicksal für andere Pfarrhäuser?

Ein ähnliches Schicksal könnte auch andere Pfarrhäuser in der Region ereilen: „Wir werden einige in den kommenden Jahren neu bauen“, prognostiziert Winsens Superintendent Christian Berndt, und damit geht in der Regel ein Abriss einher. Ab einer Summe von 250 000 Euro für eine Sanierung stehe die schwierige Frage im Raum: Abriss oder Neubau? Neubauten werden in der Regel zu jeweils einem Drittel von der Kirchengemeinde, dem Kirchenkreis und der Landeskirche finanziert. „Doch diese Möglichkeit gibt es für Sanierungen nicht“, bedauert Wichmannsburgs Pastor Heyden. Solche Maßnahmen werden aus dem Budget, das die Landeskirche Jahr für Jahr dem Kirchenkreis zuweist, und aus Gemeindemitteln bezahlt. Das sei in Lüneburg auch grundsätzlich ausreichend, so Christine Schmid, leitende Superintendentin des Kirchenkreises Lüneburg.

Dennoch: „Auf längere Sicht werden wir unseren Gebäudebestand verringern, um Kosten zu sparen und die Bedarfe anzupassen“, sagt auch sie mit Verweis auf den Mitgliederschwund der Kirche. Dabei denkt sie jedoch nicht zuerst an Abriss, sondern an Umnutzung oder Verkauf. Gerade finde hierzu im Kirchenkreis Lüneburg eine Gebäudebedarfsplanung statt – unter anderem mit der Frage, von welchen Pfarr- und Gemeindehäusern man sich in Zukunft trennen werde. „Wo nur noch eine Pfarrstelle existiert, braucht man keine zwei Pfarrhäuser.“ Auch alternative Lösungen seien gefragt, wie eine etwa in Thomasburg praktiziert wird. Hier sind in einem einst überschüssigen Pfarrhaus unter anderem Wohnungen entstanden, deren Vermietung jetzt den Erhalt des Hauses finanziert.

Zusätzliche Mittel der Landeskirche aus Programmen wie dem „Attraktiven Pfarrhaus“ werden dem Kirchenkreis zugewiesen – rund 200 000 Euro etwa flossen in den vergangenen zwei Jahren nach Winsen. Nur: Eine Grundsanierung könne man davon nicht finanzieren, stellt Christian Berndt klar.

„Ich habe das Gefühl, das war schon ein starker Bruch, dass der Pastor plötzlich nicht mehr vor Ort war.“ – Tobias Heyden, Pastor in Wichmannsburg

Im Bereich der Landeskirche Hannovers gibt es 1087 Pfarrhäuser, doch Pastor Heyden hat keins. Er lebt mit seiner Familie in einer Wohnung im zwei Kilometer entfernten Bienenbüttel, das Pfarrhaus in Wichmannsburg steht seit drei Jahren leer. „Ich habe das Gefühl, das war schon ein starker Bruch, dass der Pastor plötzlich nicht mehr vor Ort war“, berichtet er. „Früher war der Pastor fester Bestandteil der Gemeinde. Das ist jetzt anders geworden.“

Jetzt liegt der Fall Wichmannsburg bei der Denkmalbehörde. Wenn aus dortiger Sicht der Schutz des historischen Pfarrhauses nicht mehr gerechtfertigt ist, werden in Wichmannsburg wohl bald die Abrissfahrzeuge anrollen – und ein Stück dörfliche Kirchengeschichte dem Erdboden gleichmachen.

von Anna Petersen