Dienstag , 29. September 2020
Angeregte Unterhaltung mit Offenheit und Respekt: Michael Deising und Birsen Demirci. Foto: kg

Mutig sein und reden

Lüneburg. Eigentlich wollte sich Birsen Demirci gern einmal mit einem rechtspolitischen Menschen unterhalten. „Was bin ich für dich?“ möchte sie ihn fragen. Sie , die 46-jährige Aussenhandelskauffrau aus Winsen, der Vater Türke, die Mutter Lettin. Demirci selbst wurde in Hamburg geboren und hat einen Holländer geheiratet. Trotzdem meint sie, Deutschland müsse seine Grenzen stärker kontrollieren – nur eine von sieben Fragen, die sie beantwortet und sich damit für die Aktion „Deutschland spricht“ angemeldet hat.

Der Gesprächspartner, den das Matching-System des Online-Portals „Zeit online“ für sie ausgesucht hat, ist alles andere als rechts und hat trotzdem zu sechs der sieben Fragen eine konträre Meinung: Michael Deising aus Westergellersen, 68 Jahre alt und Vorstand einer Finanzberatungsgenossenschaft. Zeitgleich mit mehr als 8000 anderen Menschen in Deutschland haben sich die beiden am Sonntag um 15 Uhr in einer Lüneburger Kneipe zum Gespräch getroffen, tiefgründig diskutiert und viele Gemeinsamkeiten entdeckt.

Wie kann die Integration gelingen?

„Migrationspolitik ist mein Thema“, stellt Demirci direkt zu Anfang klar. Seitdem sie klein ist, begegnet es ihr aufgrund ihrer Herkunft fast täglich. Der aktuelle Rechtsruck macht ihr Angst, „nicht zuletzt, weil ich befürchte, dass sich der Hass eines Tages auch auf Menschen ausweitet, die schon lange in Deutschland leben.“ So wie sie. Die Flüchtlingswelle von 2015 sieht Demirci als Ursache. Es sei für sie deshalb schwer nachvollziehbar, warum Angela Merkel 2015 unkontrolliert die Grenzen geöffnet hat.

Darauf steigt Deising gerne ein: „Kommt der Rechtsdrall wirklich von der Einwanderungswelle oder war sie einfach nur ein willkommenes Schiff für diese Menschen, mit dem sie ihre Ideologie wieder nach vorne bringen konnten?“ Rechtspolitisches Gedankengut hätte es seit dem Zweiten Weltkrieg schließlich immer gegeben, so der Westergellerser. Und doch stimmt er Demirci zu: „Angie hat die Grenzöffnung nicht zu Ende gedacht. Bis heute hat unser Land keine echte Integration geschafft.“

Zusammen schimpfen sie für einen Moment auf die AfD und Horst Seehofer, bevor sie zur eigentlichen Frage zurückkehren: Wie kann Integration gelingen? Keine Ghettoisierung, viel Geduld sowie die Einbindung von Kirchen und Schulen braucht es – soweit sind sich beide einig. Und doch glaubt Demirci: „Das ist ein radikaler Umerziehungsprozess! Ich will keine Taliban und ich will keinen Erdogan.“ Es gäbe Regeln in Deutschland, die müsste man nur anwenden. „Richtig, den Mut haben wir oft nicht, das kommt aus unserer Geschichte heraus“, stimmt Deising zu. Erziehung sei trotzdem der falsche Weg, denn die hätte immer mit Zwang zu tun und dagegen würden sich die meisten wehren. „Stattdessen brauchen wir mehr Sozialarbeiter, die auf die Leute mit einer Sprache zugehen, die sie verstehen. Das ist ein langer Weg der Überzeugung“, glaubt er.

„Wir müssen auch über einander lachen können“

Beide stellen fest: Aufgrund ihres Hintergrunds reagiert Demirci sensibler, dünnhäutiger auf Ereignisse und Aussagen, die die Integration betreffen. „Verständlich, ich habe diese Erfahrungen nie gemacht“, wendet Deising ein. Trotzdem glaubt er: „Es hilft nichts. Integration kann nur funktionieren, wenn wir alle mutig sind und auch übereinander lachen können.“

So unterschiedlich ihre Einstellungen zu manchen Themen sind, lachen können die beiden an diesem Nachmittag gut zusammen. Über Geschichten von Deisings Kindern, die Deutschen und die Holländer oder das Überholen auf der Autobahn. Auch beim Thema „Frauen in Führungspositionen“ haben beide eine ähnliche Meinung: „Davon gibt es noch viel zu wenige.“ Es zeigt sich: Trotz sechs unterschiedlich beantworteter Fragen bei der Anmeldung haben diese beiden viele Gemeinsamkeiten – sie müssen nur drüber reden.

von Katja Grundmann