Donnerstag , 1. Oktober 2020
Gewissenhaft notieren Rüdiger Rohlf und Günter Schwarz Fehler der Rad- und Autofahrer an der Stern-Kreuzung. (Foto: t&w)

Zu wenig Respekt und Rücksichtnahme

Lüneburg. Rüdiger Rohlf kann es nicht glauben. Gerade ist ein Fahrschulauto an der Stern-Kreuzung aus der Uelzener Straße kommend rechts abgebogen. Doch ob ein Radfahrer naht, interessierte weder Fahrschüler noch Fahrlehrer. „Da kann man nur mit dem Kopf schütteln“, sagt der Regionalbeauftragte des Auto Clubs Europa (ACE). Gestern war er im Rahmen einer bundesweiten Kampagne für mehr Verkehrssicherheit nach Lüneburg gekommen, nahm Rad- und Autofahrer ins Visier.

„Gegenseitige Rücksichtnahme darf nicht auf der Strecke bleiben“, sagt Rohlf. Dies sei auch das Ziel der Kampagne unter dem Motto „Fahr mit Herz!“, die seit Frühjahr und noch bis Oktober läuft. Gezielt untersucht wird dabei das Abbiegeverhalten von Auto- und Radfahrern. Und um das scheint es nicht gerade zum Besten zu stehen, wie der ACE aus Polizeiberichten ermittelt hat. 81 274 Fahrrad- oder Pedelecfahrer verunglückten bundesweit allein im Jahr 2016. Die meisten Unfälle ereigneten sich im Kreuzungsbereich. In mehr als 60 Prozent war ein Autofahrer mitbeteiligt.

Mit Strichlisten an der Kreuzung

Rüdiger Rohlf und sein Lüneburger ACE-Kollege Günter Schwarz hatten sich deshalb am Vormittag anderthalb Stunden am „Stern“ platziert, eine der meistfrequentierten Kreuzungen der Stadt. Mit Strichlisten in der Hand notierten sie, wie das Zusammenspiel von Rad- und Autofahrern funktionierte und welche Fehler gemacht wurden.

„Besonders auffällig war bei den Autofahrern der fehlende Schulterblick“, berichtet Schwarz, bei den Radfahrern die Smartphone-Nutzung, beide würden aber oft auch den Fahrtrichtungswechsel nicht anzeigen. Dass nur zwei Autofahrer mit Smartphones am Ohr beobachtet wurden, nannte Schwarz „besonders erfreulich“. Die Zahl sei bei einer Aktion vor zwei Jahren in Adendorf noch deutlich höher gewesen.

Nummernschild für Radfahrer auf dem Wunschzettel

Ebenfalls registriert wurde vom ACE auch das Fahren mit Helm, wohl wissend, dass es eine Helmpflicht nicht gibt. „Ich halte das aber für sinnvoll“, sagte Rohlf, zumindest Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre sollten einen Helm tragen. Warum der ACE aber bei den Radlern das häufig beobachtete rechtswidrige Fahren auf der falschen Seite nicht notierte, wollte sich auch Günter Schwarz nicht erschließen: „Wir werden das an die Zentrale in Stuttgart weitergeben.“ Dort werden sämtliche Daten gesammelt und ausgewertet.

„Problematisch“ nennt Rüdiger Rohlf auch Radler, die auf der Straße fahren. „Das dürfen sie zwar, wenn keine Radwegbenutzung vorgeschrieben ist, doch es irritiert die Autofahrer.“ Versuche, Radfahrer auf ihr Fehlverhalten anzusprechen, seien zwecklos, „man erntet meist nur Beschimpfungen und Beleidigungen“.

Ähnliches würden häufig auch ältere Menschen erfahren, weiß Günter Schwarz. „Sie werden manchmal sogar umgefahren, aber nicht selten haut der Radfahrer einfach ab.“ Weil dieser dann auch unerkannt bleibt, fordert Schwarz, dass auch Fahrradfahrer identifizierbar sein müssten. Zum Beispiel durch ein Nummernschild. „Doch da traut sich im Augenblick noch keiner ran.“

Ergebnisse

Check in Lüneburg

Von 10 bis 11.30 Uhr war der ACE an der „Stern“-Kreuzung präsent. In dem Zeitraum wurden 112 Autofahrer und 144 Fahrradfahrer regis­triert. Die Auswertung:

Autofahrer:

  • Fehlerfrei: 42 Prozent
  • Kein Schulterblick: 53 Fahrer
  • Nicht geblinkt: 6 Fahrer

Radfahrer:

  • Fehlerfrei: 67 Prozent
  • Handy genutzt: 17 Radler
  • Ohne Richtungsanzeige: 8 Radler
  • Fahren auf der Straße: 3 Radler
  • Ohne Helm: 120 Radler

Welche Konsequenzen und Forderungen gezogen werden, will der ACE nach Abschluss der Kampagne im Herbst mitteilen. Klar sei: „Die steigende Bedeutung des Radverkehrs muss mit einem deutlich stärkeren Engagement der Politik einhergehen“, sagt der Leiter der Aktion, Bruno Merz.

Von Ulf Stüwe