Dienstag , 20. Oktober 2020
Die Witwe des einstigen Studentenführers Rudi Dutschke, Gretchen Dutschke-Klotz, sprach mit Schülern in Melbeck. Foto: t&w

Zeugin einer bewegten Zeit

Melbeck. Gretchen Dutschke-Klotz ist Teil der bundesdeutschen Geschichte. Die Witwe des 1979 an den Spätfolgen eines Attentats gestorbenen Wortführers der Stude ntenbewegung Rudi Dutschke war jetzt Gast am Gymnasium Lüneburger Heide in Melbeck, um den Schülern aus ihrem Buch „1968: Worauf wir stolz sein dürfen“ vorzulesen, das sie nach eigenem Bekunden vor allem auch für deutsche Kinder geschrieben hat. So diskutierte die aus den USA stammende Autorin folgerichtig während der Veranstaltung mit den jungen Leuten über Zeitgeschichte und aktuelle politische Themen.

„Gretchen Dutschke-Klotz ist eine Zeitzeugin, die in den Kern der 68er-Zeit blicken kann“, leitete der stellvertretende Schulleiter Dr. Timo Lüth die Lesung ein. Und das tat sie dann auch. „Die 68er-Bewegung ist eine Erfolgsgeschichte. Sie war eine Kulturrevolution, deren roter Faden die Demokratisierung der Gesellschaft war“, sagte die 76-Jährige. Dieser Prozess sei nicht zu planen gewesen, räumt sie ein. Dennoch, alle Aktivisten der antiautoritären Bewegung habe der Wunsch nach einem demokratischen Deutschland geeint, nach den schlimmen Erfahrungen mit der nationalsozialistischen Herrschaft, den Gräueltaten der Nazis während des Zweiten Weltkrieges und dem Holocaust.

1964 lernte sie Rudi Dutschke in West-Berlin kennen

„Die Wut auf die Väter und Täter war ein starkes Motiv für die Nachkriegsgeneration, die Welt verändern zu wollen.“ Denn die damals jungen Leute seien mit ihren Fragen alleine gelassen worden und bekamen keine Antworten darauf, wie die schweren Verbrechen der Nationalsozialisten möglich werden konnten. „Eltern und Großeltern wollten vergessen. Sie wollten nicht reden, sondern nur das Land wieder aufbauen.“

Einblick ins Private gewährte sie ihren Zuhörern auch: Bei einem Besuch in West-Berlin lernte sie im Sommer 1964 Rudi Dutschke kennen. Die 22-Jährige verliebte sich in ihn. Er aber machte der jungen Amerikanerin recht schnell klar, er sei Revolutionär und daher gebe es keinen Platz für eine Frau in seinem Leben. „Er gab mir einen Korb.“

Später, nach ihrer Rückkehr in die USA, erhielt sie einen Brief aus Pforzheim. Ohne Absender. Es war Dutschke, der ihr schrieb. „Er meinte, es sei meine Entscheidung, ob ich nach Deutschland zurückkommen will. Das war nicht unbedingt eine Liebeserklärung, aber ich packte meine Sachen.“ Sie ging zurück nach West-Berlin. Am 23. März 1966 heiratete die Philosophie-Studentin den Aktivisten.

Die Leute müssen auf die Straße gehen

Die Frage, ob sie ihn in seiner politischen Haltung beeinflussen konnte, bejahte sie. Ihre christlich geprägte Haltung unterstützte er zum Beispiel. „Wenn man eine Sache mit Hass anfängt, dann bleibt es dabei. Aber wenn man etwas mit Liebe beginnt, dann kann sich etwas entwickeln.“ Diesen Worten, so Gretchen Dutschke-Klotz, habe er zugestimmt. Daher sei der RAF-Terror der 1970er-Jahre nicht vereinbar mit dem gewesen, was die 68er wollten, sagte sie. „Das war gegen die Idee der antiautoritären Bewegung.“

Nach dem Tod ihres Mannes zog sie 1985 zurück in die USA. Seit 2010 lebt sie wieder in Berlin und hat die deutsche Staatsbürgerschaft. „Deutschland ist heute ein demokratisches und freies Land, auf das jeder Bürger stolz sein kann.“ Jedoch müsse sich vor allem die junge Generation politisch engagieren, um das Errungene zu bewahren, sagte Dutschke-Klotz, als die Schüler von ihr wissen wollten, ob sie einen Rechtsruck in der Politik wahrnehme. „Inzwischen ist es wieder so, dass der Hass stärker wird.“ Nicht nur in Deutschland. „Ich hoffe, dass sich die Menschen dieser Welle entgegenstellen.“ Dafür müssten sie auf die Straße gehen. „Im Internet bringt das nichts. Es ist nur ein Kommunikationsmittel.“

Von Stefan Bohlmann