Samstag , 15. August 2020
Heiko Bockelmann ist Milchbauer und eigentlich gewohnt, für Probleme eine Lösung zu finden. Doch dieses Jahr bringt selbst ihn an den Rand seiner Kräfte. (Foto: phs)

Bauer Bockelmann rechnet ab

Garlstorf/Elbe. Es ist das Ende eines weiteren langen Tages ohne Regen, als Heiko Bockelmann der Dürrekrise ein Preisschild verpasst. Er sitzt mit müdem Gesicht am Esstisch und kritzelt Zahlen auf einen Zettel. 45 000. 13 850. 40 000 . . . Nach ein paar Minuten schreibt er langsam eine letzte Nummernfolge auf das Blatt Papier. 1.8.0.0.0.0. Dann seufzt er einmal tief und sagt: „180 000 Euro.“ So viel hat die Dürre den Milchbauern aus der Elbmarsch bisher gekostet.

Bockelmann hat viel versucht, um das Schlimmste zu verhindern (LZ berichtete). Er kaufte sich für fast 50 000 Euro eine Beregnungsanlage, die er in der Elbmarsch bisher nie gebraucht hat. Er schickte Rinder zum Schlachter, um weniger Mäuler stopfen zu müssen. Er säte 800 Kilogramm Ackergras zusätzlich und hoffte, damit zumindest einen Teil der Futtereinbußen wettzumachen. Doch ohne Regen vertrocknete das Ackergras, die eine Beregnungsanlage blieb viel zu oft wirkungslos und so viele Kühe, wie er bei dem Futtermangel hätte schlachten lassen müssen, konnte er nicht schlachten. „Sonst hätte ich nicht mehr in den Spiegel schauen können.“

Fast 50 Prozent weniger Mais geerntet

Bleibt ein Jahr, das der 36-Jährige das „schlimmste“ nennt, das er je erlebt hat. Das ihn an diesem Abend mit glasigen Augen dasitzen und Sätze sagen lässt wie: „Das zerreißt einen psychisch total.“ Und: „Bis 65 auf diesem Niveau, dann knall ich durch.“ Es sind Sätze, die nicht recht passen wollen zu dem Landwirt, der es gewohnt war, Lösungen zu finden. Der vor Energie strotzte und nicht müde wurde, seinen Betrieb weiterzuentwickeln, „zukunftsfähig zu machen“, wie er sagt. Für seine Kinder. „Für die macht man das ja alles.“

„Bis 65 auf diesem Niveau, dann knall ich durch.“ – Heiko Bockelmann , Landwirt

Ihnen eines Tages den Hof zu vererben, das war sein Traum. Doch der Dauerregen im letzten, die Dürre in diesem Jahr, der Kampf um jeden Euro, das hat Bockelmann ins Zweifeln gebracht. „Will ich meinen Kindern das hier wirklich antun?“ Er reibt sich die Augen und sieht danach noch müder aus. Dann sagt er, „scheiße was“ und zwingt sich zum Grinsen. „Ich mag Gejammer ja eigentlich nicht.“ Aber bei den Zahlen, „da kann‘s einem schon mal vergehen.“

20 statt den üblichen 45 Tonnen pro Hektar. „Das war unsere Ausbeute beim Mais.“ Zwei statt vier Schnitte, „das ist das Ergebnis beim Gras“. 40 Prozent, so hoch schätzt Bockelmann den Verlust beim Getreide. Und dann sind da noch die Konsequenzen, mit denen er wegen der schlechteren Futterqualität rechnet: mindestens zwei Liter weniger Milch pro Kuh und Tag. Mindestens ein Jahr lang.

Zusatzkosten, um die Ausfälle zu kompensieren

Hinzu kommen die Kosten, die Bockelmann normalerweise nicht hat. Für die Beregnung. Für das Kuhfutter, das er zukaufen musste. Für das Saatgut und die Aussaat zusätzlicher Kulturen, die er als Kuhfutter angepflanzt hat. Wie er all das finanzieren soll? Er zuckt mit den Achseln und schweigt einen Moment. Dann schaut er auf das Familienfoto an der Wohnzimmerwand und sagt: „Zum Glück habe ich Juliane. Mit dieser Frau habe ich so verdammt viel Schwein.“

Juliane Bockelmann hat­ Agribusiness studiert, kennt jede Zahl des Betriebs. „Und sie hat den Weitblick, der uns in solchen Krisen den Arsch rettet“, sagt ihr Mann. Ein Fünkchen Hoffnung geweckt haben außerdem die angekündigten Millionen-Dürre-
29 hilfen der Bundeslandwirtschaftsministerin. Bis zu 50 Prozent der Verluste, heißt es, sollen betroffene Betriebe erstattet bekommen. „Für uns wäre das ein Segen“, sagt Bockelmann, „doch glauben kann ich nicht daran.“ Zu oft schon habe er miterlebt, dass von solchen Millionenhilfen nichts oder nur ein Bruchteil ankommt. Deshalb nimmt er sich vor: Weiter kämpfen und aufs nächste Jahr hoffen. „Wenn das allerdings noch so ein Krisenjahr wird“, sagt er, „dann zieh ich die Reißleine.“

Von Anna Sprockhoff