Freitag , 18. September 2020
Imker Holger Netzel aus Reinstorf hält eine abgemähte Blüte hoch. Für seine Bienen, sagt er, ist nichts mehr zu holen. Die Ackerlandschaft ist eine einzige grüne Wüste. (Foto: kre)

Ärger um Häcksler-Einsatz

Reinstorf. Holger Netzel lässt den Blick über die Weite der abgeerneten Äcker schweifen – und fühlt sich unwillkürlich an die Wüste erinnert: An eine grüne Wüste zwar, in der aber trotzdem nichts mehr wächst, nichts mehr blüht, was Bienen und andere Insekten am Leben hält. Abgesehen von der Zwischenfrucht, die auf einem Acker unweit seines Hauses ausgebracht worden war.

Ölrettich, Gelbsenf, Phacelia – ein wahres Schlemmerparadies für Bienen in kargen Zeiten. Doch auch diese Nekar- und Pollenquelle gibt es seit Mitte dieser Woche nicht mehr. Der Landwirt hat sie kleingehäckselt – als Vorbereitung für die nächste Aussaat. Und mit dieser Arbeit am Dienstag begonnen– einem Tag, an dem das Wetter noch einmal spätsommerlich warm und angenehm war. Ideales Flugwetter auch für Netzels Bienen, die die Gründüngung anflogen und im Häckslerwerk endeten. Eine Katastrophe – und ein gefundenes Fressen für die Schwalben, „die in Scharen über dem Acker kreisten“, berichtet der Imker verärgert.

Zur falschen Zeit  auf dem Acker?

Dass der Landwirt seinen Acker bestelle, sei sein gutes Recht. Holger Netzel stellt das auch gar nicht infrage – „aber muss er das ausgerechnet an einem Tag und in einer Zeit machen, in der die Bienen noch einmal ausfliegen? Frühmorgens oder am Abend, wenn die Bienen den Stock nicht mehr verlassen, sei die richtige Zeit dafür.

Der Reinstorfer ist sich sicher: „Dieses Verhalten entspricht nicht der guten landwirtschaftlichen Praxis.“ Er schaltet die Polizei ein. Pressesprecher Kai Richter bestätigt den Vorfall und sagt: „Es wurden rund 15 Hektar Fläche gehäckselt. Die Kollegen haben den Fall aufgenommen, wir prüfen das jetzt.“

„Der Landwirt hatte bis zur Bearbeitung des Feldes einen ökologisch wertvollen Bestand geschaffen.“ – Walter Hollweg , Sprecher der Landwirtschaftskammer

Auf LZ-Anfrage äußert sich auch die Landwirtschaftskammer Niedersachsen mit Sitz in Oldenburg: Sie schreibt in ihrer Stellungsnahme: „Um die Frage, ob der Landwirt gegen Gesetze verstoßen hat, genau beantworten zu können, müsste geprüft werden, ob die Zwischenfrucht im Rahmen von Agrarumweltmaßnahmen oder als ökologische Vorrangfläche angebaut wurde. Sollte das der Fall sein, so kann es hinsichtlich des Mähens Beschränkungen geben. Diese möglichen Beschränkungen würden sich aber nicht auf den Bienenflug beziehen.“

Und weiter: „Sollte die Zwischenfrucht ohne Auflagen angebaut worden sein, gibt es keine Eingrenzung bezüglich des Mahdtermins. Der Landwirt kann dann zu jeder Zeit das Feld bearbeiten.“

„Winterbienen“ im Häcksler geschredder

„Ergänzend“, so Walter Hollweg, Sprecher der Kammer weiter, „möchte ich darauf hinweisen, dass der Landwirt bis zur Bearbeitung des Feldes einen ökologisch wertvollen Bestand geschaffen hat, der auch und insbesondere den Bienen zugute kam“.

Doch das nutzt Netzel wenig, wenn gerade die sogenannten „Winterbienen“ im Häcksler geschreddert werden, beziehungsweise, wenn ihren das Futterangebot noch weiter reduziert wird: Denn es sind die Winterbienen, die jetzt große Mengen an Fett, Eiweiß und Nährstoffen speichern müssen – die dann zur Ernährung und Futterproduktion für die erste Frühjahrsbrut dienen, denn diese wird von den Winterbienen aufgezogen. Umso wichtiger sei es daher, dass die Winterbienen im Herbst genug Pollen bekommen, denn dann können sie auch gute Ammenbienen werden.

Von Klaus Reschke