Samstag , 26. September 2020
Das Hochzeitsbild von Therese und Heinrich Schubert. Sie litt später unter dem Tod ihres Mannes und kam in die Psychiatrie. Auch um ihr Schicksal geht es in einer Ausstellung. (Foto: geo)

Vergast, weil sie Stimmen hörte

Lüneburg. Dass es ein dunkles Geheimnis in der Geschichte ihrer Familie gibt, das wusste Ulrike H. schon immer. Es war 1926, als ihr Großvater tot in der Ilmenau gefunden wurde. Und es war 1941, als ihre Großmutter in der einstigen Heil- und Pflegeanstalt Hadamar an einer Lungenentzündung starb. Angeblich.

„Der Begriff Hadamar geisterte durch die Familie, doch niemand wusste Genaueres“, erzählt die Lüneburgerin. Sie ist 56 Jahre alt und die Enkelin von Therese Schubert, der Frau, die in der Lüneburger Friedenstraße lebte und während des Zweiten Weltkriegs in einer Psychiatrie eines natürlichen Todes gestorben sein soll.

Frühen Tod des Mannes nicht verkraftet

„Resi“, wie Therese in der Familie genannt wurde, gehörte zu den ersten 131 Patienten, die am 9. April 1941 von der einstigen Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg in die Durchgangsanstalt Herborn deportiert wurden. „Sie starb am 28. Mai 1941 einen gewaltsamen Erstickungstod“, sagt Carola Rudnick. Die promovierte Historikerin hat die Biografie der Lüneburgerin erforscht. „Sie wurde Opfer der sogenannten ,Aktion T4’.“ Mehr als 200 Frauen aus ganz Norddeutschland sind im Zuge der „Aktion T4“ im April 1941 von der Lüneburger Psychiatrie aus in die Tötungsanstalt Hadamar verlegt und vergast worden. „Viele Frauen waren schwangerschafts- und geburtsbedingt erkrankt“, sagt Rudnick.

Therese Schubert kam am 24. November 1932 zum ersten Mal in die Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg. Die Diagnose des Amtsarztes für Therese Schubert lautete: „Jugendirresein“. „Sie ist daher als geisteskrank anzusehen und bedarf, da sie für ihre Umgebung sehr lästig ist, der Verwahrung in einer geschlossenen Anstalt“, urteilte der Kreisarzt.

Dabei hatte Therese Schubert wohl einfach nicht verkraftet, dass ihr Mann so früh und ungeklärt – eventuell gewaltsam – zu Tode gekommen war: Sie selbst war 39 Jahre alt, die beiden Söhne gerade drei und vier. Als die Leiche von Heinrich Schubert, Stadtbauführer in der Lüneburger Verwaltung, im Wasser der Ilmenau aufgefunden wurde, ermittelte die Polizei zwar wegen Mordes. Aber ohne Erfolg. Die Tat, die Umstände, der Tod ihres Mannes wurden nie aufgeklärt.

Späte Aufklärung

Therese brach zusammen. Begann, Stimmen zu hören. Eine Aufnahme in eine Psychiatrie erfolgte damals aber noch nicht, sondern erst sechs Jahre später, als die Stimmen immer noch nicht verstummt waren.

Für die Ärzte waren die Stimmen im Kopf der Witwe und Mutter Grund genug, sie zu töten. „Dass meine Großmutter unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen ist, wussten wir“, sagt Ulrike H., „mehr aber nicht.“

Eine erste Anfrage der Familie beim Staatsarchiv Hannover vor rund zehn Jahren verlief erfolglos, weil es keine Akte gab. Erst das Projekt der „Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg, die Forschungen von Carola Rudnick gemeinsam mit den Nachfahren von Therese Schubert und ein Projekt mit einer Gruppe Lüneburger Pflegeschülerinnen und Pflegeschülern haben die jahrzehntealten Fragen beantwortet.

„Es ist schrecklich, aber nun können wir damit leben“, sagt Ulrike. „Besonders für meinen Vater war es eine sehr glückliche, erhellende Zeit: Im letzten Jahr seines Lebens hat er das Schicksal seiner Mutter aufklären können.“ Theo und sein Bruder sind nach dem Tod ihres Vaters und der Einweisung ihrer Mutter in die Psychiatrie bei ihrer Tante großgeworden: Christine Keck, damals eine bekannte Persönlichkeit in Lüneburg – sie führte in der Großen Bäckerstraße 29 das Kaffee- und Schokoladengeschäft „I.W. Darboven“.

Heute liegt das Grab von Theo neben dem seiner Mutter: Der Mutter, bei der er nicht aufwachsen durfte, weil Ärzte sie 1941 als lebensunwert zum Tode verurteilten. Das Grab von Therese Schubert auf dem Lüneburger Zentralfriedhof mit ihrer vermeintlichen Asche hatte der Sohn jahrzehntelang gepflegt, mittlerweile ist es als Grab eines Opfers von Krieg und Gewaltherrschaft geschützt.

Das Schicksal der Opfer

An Therese Schubert und die anderen rund 200 weiblichen Opfer der sogenannten „Aktion T4“ erinnert eine Sonderausstellung, die bis zum 21. Oktober in der „Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg auf dem Gelände der heutigen Psychiatrischen Klinik Am Wienebütteler Weg 1 jeden 3. Sonnabend im Monat von 11 bis 14 Uhr präsentiert wird. Der Eintritt ist frei. Für Schüler gibt es Zusatzmaterialien.

Von Carolin George