Dienstag , 20. Oktober 2020
Der Grüne Hans-Christian Ströbele war zu Gast im Gymnasium Lüneburger Heide, das die 68er-Revolte aufarbeitet. (Foto: t&w)

Entfernte Geschichte rückt ganz nah

Melbeck. Während der Mann mit dem schlohweißen Haar langsam durch die Reihen der 16- bis 18-Jährigen geht, fragt ein Schüler seinen Nachbarn: „Und was hat der so gemacht?“ Die Antwort kam geflüstert: „Der war RAF-Anwalt und für die Grünen im Bundestag.“ 110 Schüler schweigen fast ehrfürchtig, als Hans-Christian Ströbele seinen Gehstock mit dem antiken Griff gegen einen Tisch lehnt und sich auf seinen Stuhl fallen lässt. Die Kluft zwischen den Generationen scheint sehr groß an diesem Nachmittag im Melbecker Gymnasium Lüneburger Heide.

Und wird doch überraschend leicht überwunden, als der APO-Veteran, Baader-Anwalt und Joschka-Fischer-Quälgeist mit brüchiger Stimme von dem Aufbruch vor 50 Jahren erzählt, der Rebellion von 1968. Wie ihn am 2. Juni 1967 die brutalen Übergriffe iranischer Agenten gegen demonstrierende Studenten unter den Augen der Polizei dazu bewogen, sich zu engagieren. Kopfschütteln, als Ströbele berichtet, dass in der Welt, gegen die sich 68er auflehnten, Lehrer die Schüler mit der Haselnuss-Gerte züchtigen durften. Gelächter, als er sich daran erinnerte, dass Studenten schon mal Professoren aus dem Fenster warfen, um den Muff unter den Talaren zu lüften.

Jugend zu unpolitisch?

„1968 – das ist für nach 2000 geborene Schüler schon ganz entfernte Geschichte“, meint Dr. Timo Lüth, Lehrer und Organisator der Jubiläumsreihe im GLH. Vor Ströbeles Auftritt ging er davon aus, mehr als üblich moderieren zu müssen. Es kam anders. Die Schüler pickten sich die Punkte aus Ströbeles Leben heraus, die auch ihre Welt berühren. Sie fragten, ob Angela Merkel genug für Edward Snowden getan hat, der entlarvt hatte, dass die CIA auch die Kanzlerin abhörte – „Nein. Es ist unerklärlich, dass Europa Snowden nicht Asyl angeboten hat.“

Die Frage, ob die heutige Jugend zu unpolitisch sei, verneinte Ströbele, berichtete von dem „sehr politischen Protest etwa des Chaos Computer Clubs“. Aber er ermunterte seine Zuhörer: „Machen Sie doch hier in Lüneburg auch mal eine Demo.“ Dass ein anderer Schüler sich bei den G20-Protesten an 1968 erinnert fühlte, freute Ströbele, der in Hamburg mit vor Ort war und bekräftigte: „Hier wurden Fehler der Hamburger Polizeiführung verschleiert.“

Wie er dann als Gegner von Gewalt Mörder wie die RAF-Terroristen habe verteidigen können, fragte ein Mädchen. Antwort: „Wie jeder Anwalt habe ich nicht die Tat verteidigt, sondern den Angeklagten.“

Von Joachim Zießler

Das Interview der Woche mit Hans-Christian Ströbele lesen Sie am Freitag in der LZ – gedruckt und als ePaper.