Mittwoch , 28. Oktober 2020
Im Sportboothafen in Neu Darchau liegen die Boote teilweise schon auf dem Trockenen. Am Ende steht das Pegelhäuschen bereits auf einer Sandbank. (Foto: t&w)

Das Jahrhundertniedrigwasser

Neu Darchau. Größer könnte der Kontrast kaum sein: Die ganze Region fieberte jeden Tag mit, ob die Deiche den Wassermassen standhalten würden. Tausende Einsatzkräfte arbeiteten rund um die Uhr, um die Schutzwälle entlang der Elbe zu sichern. Das war im Sommer vor fünf Jahren. Jetzt herrscht vergleichsweise gähnende Leere im Flussbett der unteren Mittelelbe auch im Bereich des Landkreises Lüneburg. Über die vergangenen Wochen kannten die Elbe-Pegel nur eine Richtung: nach unten. Gestern war der Wasserstand am Pegel Neu Darchau mit 69 Zentimetern nur noch zwei Zentimeter entfernt vom historischen Tiefstand von Oktober 1947 mit einem Wert von 67 – Tendenz weiter sinkend. Damit herrscht fünf Jahre nach dem Jahrhunderthochwasser an der Elbe nun ein Jahrhundertniedrigwasser.

„Wetterkapriolen hatten wir schon immer. Aber was wir schon lange nicht mehr in dieser Länge hatten, war eine derartige Trockenperiode. Das geht schon in die Richtung eines hundertjähriges Ereignisses“, sagt Achim Stolz, Sprecher des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). Trotz der zwischenzeitlichen Regenfälle erwarten Experten heute und in den kommenden Tagen weitere Rekordtiefstände der Elbe unter anderem bei Neu Darchau und Dömitz.

WSA-Mitarbeiter messen Pegel per Hand ab

In Neu Darchau steht das Pegelhäuschen schon auf einer Sandbank, auch dort müssen Mitarbeiter des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes (WSA) Lauenburg den jeweils aktuellen Pegelstand per Hand ablesen, weil die automatische Messung zuletzt fehlerhaft war. Elektronisch war der historische Tiefstand von 67 Zentimetern bereits gestern erreicht. Auch andernorts müssen die automatischen Messgeräte immer häufiger von Sand befreit werden, um noch korrekte Angaben zu liefern. Ähnlich sieht es an der Elbe im weiteren Zuständigkeitsbereich des WSA Magdeburg aus. Johannes Kutscher, Sachbereichsleiter für Schifffahrt und Gewässerkunde, sagte auf LZ-Nachfrage: „Ein weiteres Problem ist, dass wegen der niedrigen Wasserstände teilweise nicht mal mehr unsere Peilboote fahren können, um die Fahrrinnentiefen für die Schifffahrt zu messen.“ Ein Problem, dass das WSA Lauenburg teilt. Leiter Tilmann Treber sagt: „Wir geben speziell für den Bereich zwischen Dömitz bis hinter Neu Darchau seit fast zwei Wochen schon gar keine Fahrrinnentiefen mehr durch.“ Auch bis zum Bereich des Bleckeder Hafens thätten die Mitarbeiter anstatt mit Echolot die Tiefen zuletzt per Hand mit Hilfe von Stangen peilen müssen.

Einerseits sei es laut Kutscher eigentlich nicht ungewöhnlich, im Sommer eine Niedrigwasserperiode in der Elbe zu haben. Die Binnenschifffahrt weicht dann oft schon ab Juni auf die künstlichen Wasserstraßen wie den Elbe-Seiten- und Mittellandkanal aus. Andererseits seien die gemessenen Pegel und die damit einhergehenden geringen Fahrrinnentiefen derart extrem, dass längst auch Binnenschiffe mit wenig Tiefgang und ohne Beladung nicht mehr auf dem Elbestrom verkehren können, der teilweise zum Rinnsal zusammengeschrumpft ist.

Fähre „Amt Neuhaus“ bei Bleckede setzt noch über

Und die Prognosen für die nächsten Tage zeigen weiter nach unten. Bei Dömitz könnte der historische Tiefststand mit sechs Zentimetern, gemessen am 28. September 1947, bereits heute wieder erreicht werden. Und auch in Neu Darchau ist mit einem neuen Negativ-Rekord zu rechnen. Ein Behördenmitarbeiter sagte gegenüber der Landeszeitung: „Am Donnerstag ist ein statistisch bedeutsamer Tag. Wenn Sie am Pegelbrett ein Foto machen wollen, nehmen Sie sicherheitshalber einen Topfschwamm zum Saubermachen mit, die Marke ist schon länger nicht zu sehen gewesen.“

Auch der Pegel Bleckede war mit gestern gemessenen 483 Zentimetern nur noch 13 Zähler entfernt vom bislang niedrigsten bekannten Wasserstand vom 26. September 1947. Für den Fährbetrieb „Amt Neuhaus“ zwischen Bleckede und Neu Bleckede sind auch die weiter sinkenden Pegelprognosen keine gute Nachricht. So ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Fähre wie die „Tanja“ in Neu Darchau wegen Niedrigwassers ebenfalls den Betrieb einstellen muss.

Zur Sache

Stumme Zeugen der Zeit

Wer dieser Tage im trockenen Flussbett der Elbe Steine mit einer Inschrift findet, könnte einen sogenannten „Hungerstein“ vor sich haben. Sie dokumentieren einerseits vergangene Extremniedrigwasser und ihr Wiederauftauchen ist gleichermaßen als Warnung vor Missernten zu verstehen. Zu den ältesten bekannten Hungersteinen zählt der Basaltstein in der Elbe bei der tschechischen Stadt Decin. Er ist mit der Inschrift versehen: „Wenn du mich siehst, dann weine.“ Das dürfte derzeit vielen Bauern aus der Seele sprechen.

Von Dennis Thomas