Freitag , 23. Oktober 2020
Der Angeklagte (l.) und sein Verteidiger Rüdiger Bibow. Foto: Michael Behns

Der Axt-Mann bleibt frei

Lüneburg. Der Vorwurf der Anklage lautete auf versuchten Totschlag: Ein 51 Jahre alter Fahrradverleiher soll auf einem alten Bauernhof in Clenze mit einer Axt a uf einen Nachbarn (67) losgegangen sein, ein Schlag habe den Senior nur knapp verfehlt, als der mutmaßliche Angreifer zum zweiten Mal habe ansetzen wollen, seien eine Nachbarin und ihr Sohn dazwischengegangen.

Da sich der 67-Jährige im Prozess vor der 4. großen Strafkammer am Landgericht Lüneburg in Widersprüche verstrickte und die angeblichen Retter erst gar nicht aussagten, konnte der Vorwurf des versuchten Totschlags nicht aufrechterhalten werden. Blieb eine mögliche Bedrohung, doch hier wurde das Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt.

Dem Geschehen am 23. November 2017 gegen 20.30 Uhr war ein jahrelanger Streit zwischen den Nachbarn vorausgegangen, die verschiedene Gebäude des Hofes bewohnen. Der 51-Jährige hatte sich einen Stall umgebaut und sich immer wieder darüber beschwert, dass sich die Nachbarn auf seinem Grundstück aufhielten, es „zumüllen“ oder durch Hundekot verschandeln würden. Die Nachbarn ärgerten sich darüber, dass ihnen durch Leihfahrräder der Weg zu ihren Gebäuden verstellt wäre.

Mutmaßlicher Angreifer wurde selbst attackiert

Dem Gericht schilderte der Angeklagte die Geschichte glaubhaft: Er sei an dem Abend aufgebracht gewesen, weil das Wohnmobil des Seniors direkt an der Grundstücksgrenze stand, der Hänger auf sein Areal ragt. Er stellte den 67-Jährigen zur Rede, schob den Hänger zur Seite, ging und holte aus dem rund 60 Meter entfernten Stallgebäude eine Axt und kehrte zurück: „Ich habe ihn angebrüllt, ob er wissen will, wie angepisst ich bin. Dabei habe ich ihm mit einem Finger auf die Nase gestoßen. Die Axt hatte ich in der anderen Hand hinter meinem Rücken.“ Plötzlich sei er von hinten angegriffen worden – von der Nachbarin und ihrem Sohn. Sie hätten ihm die Axt entrissen, ihn zu Boden gebracht und mit der Axt und vermutlich einer Zange geschlagen, ein Schulterblatt sei gebrochen, zudem habe er eine Platzwunde am Kopf erlitten.

Hatte der 67-Jährige den Angeklagten bei der Polizei noch stark belastet, schraubte er seine Aussage vor Gericht ein wenig zurück, wollte oder konnte sich an Details nicht mehr erinnern. Und von der Attacke der beiden anderen Nachbarn habe er nur mitbekommen, dass sie dem 51-Jährigen die Axt entrissen hätten – ihre Schläge gegen den mutmaßlichen Angreifer seien für ihn nicht sichtbar hinter dem Wohnmobil erfolgt, auch sei er schnell ins Haus gegangen.

Zeugenaussagen passen nicht zu einem Handy-Mitschnitt

Diese Angaben allerdings passten nicht zu Tonaufnahmen, die eine andere Nachbarin mit ihrem Smartphone am Tatort gemacht hatte. Die Strafkammer hatte den Eindruck, dass der Senior Mutter und Sohn aus der Nachbarschaft schützen wollte.

Weggezogen vom Hof ist übrigens niemand. Es herrscht, wie einige erzählten, Frieden – weil sie sich aus dem Weg gehen.

Von Rainer Schubert

Mehr dazu:

https://www.landeszeitung.de/a/32368-wenn-der-nachbar-mit-der-axt-kommt