Sonntag , 20. September 2020
Auch mit Verkehrskontrollen versucht die Polizei, Autoschieber-Banden auf die Spur zu kommen. Nun sind drei Angeklagte zu langen Haftstrafen verurteilt worden. Archivfoto: t&w

Zehn Jahre Haft für den Chef

Lüneburg. Sie lernten sich im Gefängnis kennen und entschlossen sich, nach ihrer Entlassung in großem Stil gestohlene Autos ins Ausland zu verschieben. Die Män ner aus dem Raum Munster wurden geschnappt und fuhren wieder ein. Sie saßen rund ein halbes Jahr in Untersuchungshaft. Nun hat die 2. große Strafkammer am Landgericht Lüneburg die Täter wegen Diebstahls, Betrugs und Hehlerei zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

30 Taten im norddeutschen Raum

Chef der Gruppe war ein etwa 40 Jahre alter Mann, der gute Kontakte zu Auto-Abnehmern in Litauen hatte. Er erhielt eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren. Seine Masche: Er ließ von Bekannten bei Autohäusern und Verleihfirmen luxuriöse Autos anmieten. Die wurden nicht zurückgebracht, sondern in einer Halle in Munster so verändert, dass sie problemlos ins Ausland gebracht werden konnten.

Die Polizei ging von rund 30 Taten im gesamten norddeutschen Raum in der Zeit zwischen Februar 2017 und Januar 2018 aus, Lüneburger Spezialfahnder zogen die Fäden bei den Ermittlungen. Neben dem Chef gingen ihnen auch zwei Männer im Alter von über 60 Jahren ins Netz. Einer hatte die Halle in Munster angemietet, der andere überführte Wagen nach Litauen. Dafür gab es Freiheitsstrafen von fünf Jahren für den einen Täter und vier Jahre und acht Monate für den Fahrer.

Wie dreist die Diebe vorgingen, zeigt das Beispiel mit einem Lüneburger Autohaus: Einer der Senioren legte dort am Karfreitag 2017 seinen Führerschein und seinen Personalausweis vor, mietete über Ostern einen Audi Q 5 im Wert von mehr als 50 000 Euro. Am folgenden Dienstagabend warteten die Händler vergeblich auf die Rückkehr, Mittwoch rief der Mann an, er wolle verlängern, er bringe das Auto am Sonnabend zurück. Doch lediglich der Schlüssel landete im Briefkasten des Autohauses – das Auto wurde gestohlen und in Litauen verkauft. Als das Autohaus bei dem Mann anrief und nach dem Verbleib des Wagens fragte, behauptete er frech, er habe den Audi auf dem Areal des Händlers abgestellt.

Strohmänner übernahmen Anzeige

In einem anderen Fall agierten zwei junge Männer als Strohleute. Sie hatten bei der Bremer Polizei angezeigt, dass zwei Mietwagen gestohlen wurden. Sie erzählten den Beamten das Märchen, dass sie sich häufig an Wochenenden zum Spaß luxuriöse Limousinen für Spritztouren ausgeliehen hatten. Mit den Mietwagen vom Tattag seien sie zu einer Spielothek in Bremen gefahren, wo einer ihrer Privatwagen stand. Damit sie die Schlüssel der Mietwagen während ihrer Zockerei in der Spielhalle nicht aus ihren Hosentaschen verlieren, hätten sie sie im Kofferraum des Privatwagens versteckt.

Als sie nach zwei Stunden die Spielothek verlassen hätten, sei die Heckscheibe des Privatwagens eingeschlagen und die Mietwagen seien verschwunden gewesen. Doch schnell gestanden sie den Beamten: Der Chef der Gruppe gab den Auftrag zur Anmietung der Wagen, er habe die Schlüssel der beiden Mercedes bekommen und die Autos auch wegschaffen lassen.

Die Täter hatten es nicht nur auf Luxuswagen abgesehen. In einem Fall hatten sie auch eine Sattelzugmaschine, in einem anderen Fall einen Betonmischer gestohlen.

Umfängliche Geständnisse blieben aus

Die 2. große Strafkammer hatte die Einlassungen der Angeklagten nicht als umfängliche Geständnisse im Sinne der Anklage gewertet. Die Richter hatten dem Trio zu Prozessbeginn im Juni Vorschläge unterbreitet, welche Strafen es erwartet, wenn voll ausgepackt wird. Der Chef hätte mit einer Haftstrafe zwischen sechseinhalb und sieben Jahren rechnen können. Bei den beiden anderen Tätern waren Strafen von zwei Jahren und zehn Monaten bis hin zu vier Jahren und zehn Monaten im Gespräch.

Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig, die Männer können noch in die Revision vor den Bundesgerichtshof ziehen.

von Rainer Schubert