Dienstag , 20. Oktober 2020
Die Kindertafel unterstützt Kinder bei ihren Hausaufgaben und bietet ihnen auch ein Mittagessen. Jetzt genießen Schüler und Betreuer die Ferien, im August geht es weiter. Foto: behns

Die neue Kindertafel

Lüneburg. Die Kindertafel in Neu Hagen – das war mehr als zwei Jahrzehnte auch Birgit von Paris, die das Projekt ehrenamtlich leitete und prägte. Ein großer Schatten. Doch nach ihrem Abschied vor gut einem halben Jahr hat die Paul-Gerhardt-Gemeinde neue Wege eingeschlagen. Kurz: Die Kindertafel gibt es weiter, aber eben anders. Pastorin Dorothee Kanitz sagt: „Wir brauchen das Ehrenamt, doch an der Spitze geht das nicht.“ Denn kaum jemand ist in der Lage und willens, so einen Fulltime-Job nebenbei und ohne Bezahlung zu erledigen. Seit vergangenem Monat leitet nun Diakonin Antje Stoffregen die Einrichtung. Und die hat gemeinsam mit der Gemeinde eine Konzeption entwickelt, die sich an veränderten Bedingungen orientiert, ein Stichwort sind Ganztagsschulen, ein anderes veränderte räumliche Bedingungen.

Die Kindertafel ist aus einer Initiative des damaligen Pastors Jürgen Wesenick zu einem Sozialanbieter zwischen Schützenplatz, Neu Hagen und Teilen des Hanse-Viertels gewachsen. Birgit von Paris und ihre Crew hatten das Angebot für zeitweilig rund 40 Kinder über Spenden finanziert, mehr als 100 000 Euro mussten sie pro Jahr sammeln. Und wie gesagt, für sie wurde kein Gehalt bezahlt.

Inzwischen haben die „Macher“ die Stadt ins Boot geholt. Über die Stiftung Zum Großen Heiligen Geist fließen fünf Jahre lang jeweils 50 000 Euro als Zuschuss. Der Hintergrund liegt auf der Hand: Was Antje Stoffregen und ihre 45 Ehrenamtlichen leisten, ist Sozialarbeit für die Stadtteile.

Angebot für jene, die kaum Unterstützung bekommen

So verändert sich die Arbeit an der Spitze, die soll nun noch stärker die Anliegen der Gemeinde mit der Kindertafel verzahnen. Pastorin Kanitz umreißt das so: „Es ist mehr Koordination notwendig, ein gemeinwesenorientiertes Arbeiten.“ Antje Stoffregen sagt: „Es geht um Kommunikation nach innen und außen.“ Also Planung der Abläufe, Öffentlichkeitsarbeit, Zusammenarbeit mit dem Stadtteilhaus HaLo an der nahen Lossiusstraße, Gespräche mit Eltern und Schule, das Einwerben von Spenden, konzeptionelle Arbeit.

Praktisch schaut das so aus: Das Angebot der Kindertafel richtet sich an Kinder, die zu Hause kaum Unterstützung erhalten können und die von Betreuern beim Erledigen ihrer Hausaufgaben unterstützt werden. Das können Töchter und Söhne von Alleinerziehenden sein, aber auch Kinder, die sich nach Umzügen und Schulwechseln allein fühlen. Zur Verfügung stehen rund 20 Plätze, anders als bisher richtet sich das Angebot während der Schulzeit von 12.30 bis maximal 16.30 Uhr im Kern an Grundschüler. Ältere Kinder können nach der vierten Klasse unter Umständen an Nachhilfestunden teilnehmen.

Das Konzept nennt vier Punkte: Gegessen wird gemeinsam zwischen 13.15 und 14.15 Uhr. Danach erledigen die Schüler ihre Hausaufgaben, auf zwei Kinder soll ein ehrenamtlicher Betreuer kommen, Ziel ist es aber, dass die Kinder lernen eigenverantwortlich zu arbeiten. In der sogenannten Lernzeit steht individuelle Förderung auf dem Programm. In der Freizeit sollen bei Spiel und Spaß Gemeinschaft und Sprachfähigkeit gefördert werden – 70 Prozent der Kinder stammen aus Familien von Zuwanderern.
Nutzte die Kindertafel viele Jahre quasi eigene Räume im Obergeschoss des Gemeindehauses, hat sich das gewandelt, der Brandschutz lässt das so nicht mehr zu. Also müssen sich Kinder und Betreuer stärker mit dem Gemeindeleben arrangieren. Ein gewollter Effekt: Senioren und Kinder haben mehr miteinander zu tun. Das wollen Dorothee Kanitz und Antje Stoffregen noch fördern, in dem sie einmal in der Woche einen Essenstag für den Stadtteil anbieten – jeder kann dann kommen.

Einrichtung ist auf Spenden angewiesen

Auch wenn es nun einen Zuschuss der Stadt gibt, benötigt die Kindertafel Spenden. Es habe da einen Einbruch gegeben, berichten die beiden Frauen an der Spitze. Das habe auch daran gelegen, dass man sich in den vergangenen Monaten neu sortiert habe. Gleichwohl gebe es treue Unterstützer. Auch hier wolle man neue Wege gehen, um Geld einzuwerben.

Die Gemeinde in Neu Hagen gehört zu den wenigen, die wachsen. Das liegt daran, dass im Hanseviertel neu gebaut wird. Hunderte Häuser und Wohnungen sollen noch entstehen. Auch daran knüpfen sich weitere Überlegungen. Wie berichtet, geht es unter anderem darum, zusätzliche Kita-Plätze zu schaffen. Dann könnte der Kindergarten der Gemeinde wachsen. In diesem Punkt sind Kommune und Kirche im Gespräch. Da auch das Gemeindehaus in die Jahre gekommen ist, könnte es über kurz oder lang saniert und modernisiert werden. Das wäre ein großer Wurf, eine Millionen-Investition. Pastorin Kanitz sagt: „Die Gemeinde allein könnte das nicht finanzieren, auch Kirchenkreis und Landeskirche wären gefragt.“

von Carlo Eggeling