Dienstag , 22. September 2020
Alltägliches Bild an der Lüneburger Scharff-Kreuzung: Während sich die einen nur mit Helm aufs Fahrrad schwingen, stürzen sich die anderen ohne ins Verkehrsgetümmel. Foto t&w

Die Sache mit dem Kopfschutz

Lüneburg. Wenn Ulf Basting-Neumann auf sein Fahrrad steigt, trägt er einen Helm. Ohne darüber nachzudenken und ganz selbstverständlich, so wie er den Gurt anlegt, bevor er das Auto startet. Er ist ein Vorbild für seine vier Kinder, aber auch eigenverantwortlich gegenüber sich selbst. So empfindet er das – aus gutem Grund.

Viele Jahre lang ist der niedergelassene Hausarzt als Rettungssanitäter unterwegs gewesen, er erlebt noch heute während seiner Einsätze beim kassenärztlichen Notdienst Situationen, die „viele mal gesehen haben sollten“, was er aber dennoch keinem wünscht: schwer verletzte Fahrradfahrer. Erst kürzlich musste er als Ersthelfer einer gerade verunglückten Radlerin zur Seite stehen. „Ein Autofahrer hatte der Frau die Vorfahrt genommen“, berichtet er, „sie stürzte mit dem Kopf auf den Asphalt.“ Binnen eines Bruchteils von Sekunden ist aus einem gesunden Menschen ein Koma-Patient geworden. „Mit Helm wäre das ganz sicher glimpflicher ausgegangen.“

Als Jugendliche fahren die meisten oben ohne

Eitelkeit, mangelnde Aufklärung, fehlende Vorbilder – aber ganz besonders auch eine absolute Selbstüberschätzung sind die Ursachen dafür, dass die Quote der Helmträger derzeit bei lediglich rund 15 Prozent liegt. „Viele kalkulieren ihr Risiko einfach total falsch ein“, meint der Mediziner, „sie glauben, alles im Griff zu haben, übersehen dabei aber die Gefahren durch andere Verkehrsteilnehmer, äußere Umstände oder auch den Zustand ihres eigenen Vehikels“.

Das sieht Martin Schwanitz ähnlich. Seit vielen Jahren versucht Lüneburgs Verkehrssicherheitsberater, die Menschen in Stadt und Landkreis Lüneburg von der Sinnhaftigkeit eines Helms zu überzeugen. Mit mäßigen Erfolg, denn: Was bei den Kindern noch selbstverständlich ist, wird früher oder später nur noch lästig. „Irgendwann in ihrer Entwicklung hängen die meisten Jugendlichen den Kopfschutz an den Nagel, denn sie wollen zu den Erwachsenen gehören – und von denen trägt kaum einer einen Helm“, sagt er.

Helme lassen sich mit dem Rad zusammen anschließen

Dabei seien die Argumente gegen den Fahrradhelm nicht wirklich zwingend, sagt Schwanitz, „Helme sind leicht und luftig und können total gut zum Outfit passen. Sie lassen sich mit dem Rad zusammen anschließen und engen überhaupt nicht ein. Denn das behaupten in der Regel nur jene, die noch nie einen Kopfschutz getragen haben.“ Die Zeit, in der Helme so angesagt sind wie beim Skifahren, wird kommen, ist sich der Verkehrsexperte sicher, „denn jedem muss doch klar sein, dass sich alle Körperteile ersetzen lassen, nur das Gehirn nicht“.

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Allerdings gehören Kopfverletzungen mit einem Anteil von 25 Prozent nicht zu den häufigsten Verwundungen, die Fahrradfahrer bei Unfällen erleiden. Und allgemein beträgt die Anzahl der im Straßenverkehr getöteten Radler ohnehin „nicht mehr“ als 400 pro Jahr – im Vergleich zu den 350 000, die allein an Herz-Kreislauferkrankungen sterben, eine verschwindend geringe Zahl. Basting-Neumann aber kennt auch die Schicksale, die nicht in den Statistiken auftreten. „Es geht gleichermaßen um traumatische Erfahrungen, psychische Störungen und schwere Behinderungen. Und da kann ein Helm das Lebenswerte retten“, meint er.

„Das ist doch wohl Quatsch“

Die Statistik gibt dem Mediziner Recht: Bis zu 80 Prozent der Hirnverletzungen bei schwer gestürzten Radfahrern hätten durch das Tragen eines Helms vermieden werden können. Und dennoch besteht noch immer keine Pflicht. Schwanitz erklärt: „Die Bedenken, dass viele Radfahrer dann doch wieder auf das Auto umsteigen, sind viel zu groß“, sagt der Polizist, „und sollten sie sich bewahrheiten, hätte das schwerwiegende Folgen für das Gesundheitswesen und die Natur.“

Andere Länder hätten damit bereits ihre Erfahrungen gemacht. In Neuseeland beispielsweise, neben Australien, Malta, Finnland und den Vereinigten Arabischen Emiraten der einzige Staat mit gesetzlich verordnetem Kopfschutz, sei der Anteil der Fahrradfahrer nach Einführen der Helmpflicht um 50 Prozent zurückgegangen. Und in der Folge, so wollen es Forscher he­rausgefunden haben, hätte die Gefährdung der noch verbliebenen Pedalritter zugenommen, da sie mangels Masse im Straßenverkehr weniger auffallen. „Das ist doch wohl Quatsch“, meint der Kontaktbeamte.

Mit Kopfschutz viel vorsichtiger unterwegs

Auch andere Erhebungen stoßen ihm bitter auf: „Da will jemand ermittelt haben, dass Autofahrer Radfahrer mit Helm mit geringerem Abstand überholen als jene, die keinen tragen“, hat er gelesen, „und andere wiederum behaupten, Helmträger würden zu einem riskanteren Fahrverhalten neigen.“ Das Gegenteil sei aus seiner Sicht allerdings der Fall: „Seitdem ich mit dem Helm unterwegs bin, fahre ich viel vorsichtiger“, sagt Martin Schwanitz, „denn mir wird immer wieder bewusst, was ich schützen will.“

Diese Reflexion wünscht er auch den anderen Fahrradfahrern: „Es ist die Selbsterkenntnis, die letztlich überzeugt.“ Und das sieht auch Ulf Basting-Neumann so: „Die Verkehrsteilnehmer müssen zu einer eigenverantwortlichen Entscheidung geführt werden. Nur dann wird der Helm auch wie selbstverständlich getragen.“

Von Ute Lühr