Samstag , 26. September 2020
Heiko Bockelmann steht auf einem Feld, auf dem der Mais eigentlich üppig und dicht stehen sollte. Doch von den 80.000 gesäten Pflanzen haben nur 20.000 die Trockenheit überlebt, schätzt er. Foto: phs

Auf verlorenem Posten

Garlstorf/Elbe. Kurz bevor die Sonne am höchsten steht, tritt der Landwirt Heiko Bockelmann auf einen Acker am Ortsrand von Garlstorf. Unter seinen Schuhen zerbröseln ausgetrocknete Erdklumpen zu Staub, die Luft flirrt vor Hitze, keine einzige Wolke hängt am Himmel über der Elbmarsch. Bockelmann stapft in großen Schritten über das Feld, vorbei an viel Leere und einzelnen Maisstauden, die alle paar Meter wie mickrige Fahnen aus der Erde ragen. Von 80.000 gesäten Pflanzen stehen hier vielleicht noch 20.000, schätzt der Bauer. Beim Blick über viel Staub und wenig Grün legt er die Stirn in Falten und sagt: „Das ist eigentlich ein Totalausfall.“

Hitze und Trockenheit treffen den 36 Jahre alten Viehbauern und seine Kollegen aus der Elbmarsch besonders hart. Während die Landwirte in anderen Teilen des Landes mit Beregnungsanlagen zumindest versuchen können, das Schlimmste zu verhinden, können sie nur auf den nächsten Regen hoffen. Denn an der Elbe gibt es in der Regel keine Regenmaschinen. Aus einem einfachen Grund: „Auf den feuchten, schweren Böden brauchten wir sie nie wirklich“, sagt Bockelmann. Nun hat er fast 55.000 Euro in seine erste Beregnungsanlage investiert. Eher eine Verzweiflungstat als die Rettung. Denn verhindern kann die eine Maschine das Desaster nicht mehr. „Dafür stecken wir schon zu tief drin.“

Gesätes Ackergras hat bei der Trockenheit das Wachstum nahezu eingestellt

Bockelmanns größtes Problem: Er muss seine Kühe, die Bullen, das Rindvieh ernähren. Und er weiß nicht wie. Das gesäte Ackergras hat bei der Trockenheit das Wachstum nahezu eingestellt, ebenso das Dauergrünland. Beim Mais sieht es schlecht, zum Teil katas­trophal aus. Wenn es mal ein paar Tropfen regnet, verschwindet das Wasser ungenutzt in den bis zu 50 Zentimeter tiefen Rissen, die in der Erde seiner Felder klaffen. Wo er kann, kauft er deshalb Futter zu. „Das sind bisher 300 Tonnen Kartoffeln, 300 Ballen Stroh, 250 Grassilageballen und die Ernte eines fünf Hektar-Mais-Schlages.“ Doch auch das ist nicht annähernd genug, um sein Vieh über den Winter zu bringen. Also hat sich Bockelmann entschieden zu verkaufen. Ein Rind nach dem nächsten. An die 100 Tiere sind bereits weg, Bockelmanns Viehbestände um knapp 15 Prozent geschrumpft. Wie viele noch den Hof verlassen müssen? „Abwarten“, sagt er. Am Ende wird die Menge des Futters über die Anzahl der Rinder entscheiden. Denn eins steht für Bockelmann fest: „Bevor wir im Winter da stehen und unsere Tiere nicht satt bekommen, verkaufen wir. Rechtzeitig.“

Vor einem Jahr versanken die Maschinen im Matsch

Aus Hannover gibt es für Bauern wie ihn das Angebot, auch ökologische Vorrangflächen zu ernten. Normalerweise ein Tabu, das Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast aufgehoben hat, um die Not betroffener Viehbauern zu lindern. Doch Bockelmann nützt das wenig. „Was wir auf diesen Flächen ernten könnten, ist noch nicht mal ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt er. Das einzige, was ihm aktuell wirklich helfen würde, wären ein paar ausgiebige Landregentage. Doch der Niederschlag, den er bräuchte, ist weit und breit nicht in Sicht.

Das andere Extrem vor einem Jahr. Da hörte es einfach nicht mehr auf zu regnen, über Wochen, wenn nicht gar Monate. Auch damals traf das die Elbmarschbauern mit am härtesten, ein Teil der Ernte vergammelte auf den Feldern, weil die Maschinen nicht mehr auf die durchnässten Flächen kamen. Auch das Wintergetreide konnte kaum gesät, die Basis für die nächste Ernte nicht gelegt werden. Für Bockelmann heißt das: „Vieles, was jetzt auf unseren Feldern wächst, ist eine Notlösung. Und nun vertrocknet uns die Notlösung.“ Für seinen Betrieb rechnet er mit Einbußen von mindestens 40 Prozent. Nach den Verlusten von bis zu 30 Prozent aus dem vergangenen Jahr „eine echte Krise“.

Ministerium will weitere Lösungen prüfen

Erkannt hat den Ernst der Lage auch das Landwirtschaftsministerium in Hannover und erklärt, es werde ergänzend zur Freigabe der Vorrangflächen „weitere Lösungen“ prüfen. Welche das sein könnten, wird nicht genannt. Doch man wisse, „dass es in ganz Niedersachsen zu erheblichen Ernteausfällen kommen wird“, erklärt Sprecherin Natascha Manski und verweist auf Liquiditätshilfen der Landwirtschaftlichen Rentenbank. „Die können Betriebe in Anspruch nehmen für Schäden, die durch Trockenheit entstanden sind, vorausgesetzt die Einbußen betragen mindestens 30 Prozent.“

Ob Bockelmann darauf wird zurückgreifen müssen, daran denkt er nicht. „Da krieg ich nur noch schlechtere Laune.“ Er hält das Rad lieber irgendwie am Laufen. Für einen Job, den er liebt, wie er sagt. Und einen Betrieb, den er mühsam aufgebaut hat und auf keinen Fall aufgeben will.

Von Anna Sprockhoff