Mittwoch , 12. August 2020
Das gleiche Modell hätte Michael Bähr als Diesel kaufen können, sogar mit einem Jahr weniger auf der Uhr. Doch er entschied sich stattdessen für den Erdgas-Opel. Jetzt kann er den in Lüneburg nicht mehr auftanken. Foto: t&w

Tanken ist wieder möglich

UPDATE 11. Juli, 15.30 Uhr:

++++++++ Lüneburgs einzige Erdgas-Tankstelle ist wieder im Betrieb +++++++++

Lüneburg. Vor zweieinhalb Jahren hatte sich Michael Bähr gegen ein Dieselfahrzeug entschieden und eines gekauft, das mit Erdgas angetrieben wird. Bereut hat er das schon so manches Mal. Vor allem zurzeit. Denn die einzige Erdgas-Tankstelle in Stadt und Landkreis Lüneburg ist defekt. „Mal wieder“, schimpft der 63-Jährige, der nun nach Winsen fahren müsste, um aufzutanken. Und das sieht er nicht ein. „Vor 14 Tagen war die Tanksäule Auf den Blöcken schon mal außer Betrieb, jetzt sagte man mir, dass es bis zu drei Monate dauern kann.“ Nicht nur aufgrund der regelmäßigen Ausfälle hält es Bähr für sinnvoll, die Erdgas-Versorgung in der Region zu überdenken. „Das ist ja für die Umwelt nun wirklich nicht das Schlechteste.“ Eine zweite Tankstelle aber ist in Lüneburg nicht in Sicht, vermutlich auch, weil zu wenige auf den Antrieb setzen.

Mit der Meinung ist er nicht allein, auch Petra Kruse-Runge zählt zu den Besitzern eines Erdgas-Autos. „Ich hatte das Auto vor sieben Jahren gekauft in der Erwartung, dass es mit den erneuerbaren Energien endlich Fahrt aufnehmen würde – denkste!“ Die Kreissprecherin der Grünen weist darauf hin, dass es in Dannenberg schon lange eine Biogas-Tankstelle gibt. Die sei bei ihren Besuchen noch nie kaputt gewesen. „Bei uns Fehlanzeige, dabei gibt es genug Biogas-Anlagen.“

Immer wieder Probleme mit der Zapfsäule

Die defekte Säule steht auf dem Gelände der Star-Tankstelle, betrieben wird sie jedoch von der Firma PitPoint, der deutschlandweit 27 Erdgas-Tanksäulen gehören. Ein integrierter Störungsmelder informiert das Unternehmen, wenn ein Defekt vorliegt. Dass das nicht selten vorkommt, bestätigt auch eine Mitarbeiterin der Tankstelle. „Wir haben regelmäßig Probleme damit“, sagt sie. Doch ihr seien die Hände gebunden – nichts anderes könne sie genervten Kunden mitteilen, die sich bei ihr nach der defekten Säule erkundigen.

Bei PitPoint bestätigt Iman Gähwiler, dass es sich beim aktuellen Problem um ein langfristiges handeln könnte. Ein Defekt an einem Kompressor sei ursächlich dafür. Die Dauer der Behebung hänge „sehr stark davon ab, wie schnell die Komponenten geliefert werden können“, sagt er. „Wir arbeiten mit Hochdruck daran, das Problem schnellstmöglich zu beheben.“ Als Zwischenlösung müsse die Station in Winsen dienen. Auch diese wird von dem Unternehmen betrieben.

Die nächsten Wochen werden ins Geld gehen

Michael Bähr hat in den zweieinhalb Jahren, in denen er den erdgasbetriebenen Opel Zafira fährt, zehn Ausfälle gezählt. „Das ist echt ein Witz“, sagt er. Der Rentner ist regelmäßig mit seiner Frau bei den Schwiegereltern im Osten Deutschlands, „dort gibt es an jeder Ecke eine Erdgas-Tankstelle, und es ist deutlich günstiger“. In Lüneburg zahle er mittlerweile 1,22 Euro pro Kilo, sogar in Ostfriesland habe der Preis zuletzt zehn Cent darunter gelegen.

200 bis 350 Kilometer schafft Bähr mit einer Tankfüllung, je nach Fahrweise. Dann kann er manuell umschalten und auf den 10-Liter-Benzintank zurückgreifen. „Das werde ich jetzt erstmal machen müssen, solange die Tanksäule hier defekt ist.“ Doch das dürfte ins Geld gehen: „Ich fahre meist Kurzstrecke, da liegt der Verbrauch bei zwölf Litern.“ Ein Bekannter, der ihn zum Fahren mit Erdgas animiert hatte, habe sich aufgrund der Versorgungsprobleme in Lüneburg bereits entschieden, demnächst umzusteigen. Bähr hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass vielleicht doch wenigstens eine zweite Zapfsäule kommt.

Von Anna Paarmann

Das sagt der Landkreis

Sauber, aber eben kein nachwachsender Rohstoff

In der Erdgas-Technologie sieht der Landkreis Lüneburg keine Zukunft, Fahrzeuge und Tankstellen sind sowohl im Mobilitätskonzept als auch im regionalen Raumordnungsprogramm nicht vorgesehen. „Das liegt daran, dass Erdgasfahrzeuge einen Verbrennungsmotor haben, der mit fossilen Brennstoffen angetrieben wird“, begründet Pressesprecherin Kathrin Holzmann. „Erdgas ist wie Erdöl kein nachwachsender Rohstoff.“ Demnach dürften diese Antriebsarten künftig hauptsächlich durch Elektromobilität ersetzt werden.

Als saubere Alternative werden Erdgas-Fahrzeuge aber immer noch angesehen. Das liegt an dem Rohstoff CNG, Compresses Natural Gas. Die Emissionen enthalten bis zu 25 Prozent weniger Kohlendioxid und fast 96 Prozent weniger Stickoxide als Dieselabgase. Außerdem gilt der Treibstoff Erdgas an sich als effizienter, die alte und simple Technologie dahinter soll bis zu 40 Prozent günstiger sein als Diesel oder Benzin.

141

Erdgas-Fahrzeuge sind im Landkreis Lüneburg gemeldet (insgesamt: 143 732). Dazu kommen 925 Autos, die über einen bivalenten Antrieb verfügen, also entweder mit Benzin, Flüssiggas oder komprimiertem Erdgas funktionieren.