Samstag , 24. Oktober 2020
Der Stuhl dürfte wohl leer bleiben, Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen sollen nach dem Willen der Politik nicht in die Verlängerung gehen. Foto: animaflora

Die große Angst vor dem Rückfall

Lüneburg. Das Schlimmste schien eigentlich überstanden. Christina Klug war wieder guten Mutes, ihrer Tochter Vivian geht es gesundheitlich deutlich besser als noch vor zwei Jahren. Ein Schulwechsel, da ist sich die Mutter sicher, hat die entscheidenden Verbesserungen gebracht. Dafür musste die Lüneburgerin lange kämpfen, doch das habe sich ausgezahlt. Jetzt aber steht der nächste Kampf an. Denn die Mutter möchte, dass ihre Tochter nach den Sommerferien an einer Förderschule lernt, nur dort sähe sie gewährleistet, dass sich der Trend fortsetzt. Die Politik aber hat ihr diese Möglichkeit genommen.

Schulwechsel zum Wohle des Kindes

Christina Klug sitzt in ihrem Wohnzimmer und zieht jede Menge Papier hervor. Schriftwechsel, die einen Eindruck davon geben, wie es ihrer Tochter in ihrer kurzen schulischen Laufbahn bislang ergangen ist. An der Grundschule in ihrem Stadtteil lief es nicht gut, die 1. Klasse wiederholte sie. Warum das Mädchen nicht mitkam, darüber gab es anfangs nur Vermutungen, die reichten von einer Rechtschreibschwäche bis zur Dyskalkulie, also einer Beeinträchtigung des arithmetischen Denkens. Irgendwann klagte Vivian über Bauschmerzen, die sich über Wochen hinzogen, gelegentlich auch Schwindel und Kopfschmerzen. Ihr Kinderarzt empfahl den Besuch bei einem Kinderneurologen, der nach eingehender Untersuchung unter anderem empfahl, den sonderpädagogischen Förderbedarf zu prüfen. Die Schule wertete anders, das Vertrauensverhältnis war zerrüttet, schließlich empfahl der Neurologe einen Schulwechsel zum Wohle des reichlich abgemagerten Kindes.

Vivian wechselte zur Heiligengeistschule, dort gab es grünes Licht für ein Fördergutachten. Das bescheinigt schließlich den sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf im Bereich Lernen. Mit entsprechender Unterstützung kommt die heute Elfjährige nicht nur im Unterricht besser mit, auch gesundheitlich hat sie sich erholt. „Es lief jetzt ganz gut, sie lernte in einer Klasse mit 16 Kindern und hat keine gesundheitlichen Beschwerden mehr“, sagt die Mutter. In der Schule wird diese Einschätzung bestätigt.

Führt die Regelschule zum Rückschlag?

Zugleich aber fürchtet Christina Klug einen Rückschlag, wenn Vivian nach den Sommerferien auf eine Regelschule gehen muss. „Sie ist noch immer sehr zurückhaltend, braucht ein kleines System. Und ich wünsche mir, dass sie endlich mal nicht die Schwächste ist.“ Auch Pädagogen, die Vivian kennen, empfehlen den Besuch einer Förderschule. „Die Inklusion passt nicht für jedes Kind“, ist die Lüneburgerin überzeugt und kann so gar nicht nachvollziehen, warum die Politik im Kreis diesen Weg so engstirnig weitergehen will und die Einwände von Eltern, die gern die Wahl hätten, einfach vom Tisch wischen. „Da werden einfach Kinder fallen gelassen.“

Weil im Kreis Lüneburg also keine Förderschule Lernen neue Schüler aufnimmt, hat sich Christina Klug bereits in Winsen an einer dortigen Schule umgesehen. Dort sei ihr auch ein Platz in Aussicht gestellt worden, ehe das Angebot – wohl auf Druck der dortigen Lokalpolitik, wie sie vermutet – wieder rückgängig gemacht wurde. Nun sagt sie: „Ich habe wirklich Angst davor, dass es meiner Tochter bald wieder so schlecht geht wie damals. Sie hat doch auch ein Recht auf Bildung.“ Als letztes Mittel erwägt sie nun den Gang zum Anwalt: „Ich werde wohl klagen müssen.“

Brandbrief

Beirat fühlt sich übergangen

Mit Verwunderung verfolgt der Lüneburger Behindertenbeirat die aktuelle Diskussion um die Zukunft der Förderschulen Lernen. „Bei jedem Bushaltstellenumbau werden wir befragt, hier aber nicht“, sagt Jörg Kohlstedt, Vorsitzender des Gremiums. Bislang habe er alles zu dem Thema nur aus der LZ erfahren. „Ich bin stinkwütend.“ In einem Schreiben an die Fraktionen im Rat der Stadt und im Kreistag sowie an Oberbürgermeister Ulrich Mädge erinnert er an die Aufgabe des Behindertenbeirates, nämlich „sich für die Mitwirkung der behinderten Menschen am Leben in der Gemeinschaft einzusetzen und damit der Isolierung entgegenzuwirken“.

Kohlstedt schreibt den Politikern: „Bisher hat es keine Fraktion für nötig gehalten – und wir wollen das nicht ­diplomatischer ausdrücken – sich auch nur einmal mit dem Behindertenbeirat zwecks Informationsabgleich und Austausch in Verbindung zu setzen. Wir werden nicht am Ende eines politischen Prozesses für eine bereits getroffene Entscheidung als Feigenblatt zur Verfügung stehen. Dass mit den Förderschulen Lernen Menschenrechte missachtet würden, wie es in der Vorlage zum Kreistag am vorigen Montag geheißen habe, könne der Behindertenbeirat nicht nachvollziehen.

von Alexander Hempelmann