Montag , 28. September 2020
Vor dem Eintauchen ins kühle Nass: Sabrina erklärt am Beckenrand, was es heißt, eine Nixe zu sein. Foto: t&w

„Die Nixe buckelt wie ein Wal“

Winsen/Luhe. Was hätt‘ ich drum gegeben, Arielle, die Meerjungfrau, zu sein, wie die Zeichentrickfigur durch das Wasser zu gleiten und mit Fischen zu plaudern? Vieles! Meine Glaubwürdigkeit, meinen festen Boden unter den Füßen, die Füße sowieso. Gut, dass manche Kindheitsträume ewig Träume bleiben, denke ich – da gleite ich nicht, nein, da zapple ich wie ein Fisch im Netz durch das Außenbecken des Winsener Freizeitbads, Chlorwasser brennt in meiner Nase, mein linker Fuß beginnt zu krampfen. Völlig außer Atem hangle ich mich am Beckenrand dem Sauerstoff entgegen. Während ich nach Luft schnappe, höre ich Sabrina, meine Rettungsnixe, lachen: „Länger keinen Sport mehr gemacht?“ Ertappt!

Sabrina kommt dem Fantasiewesen aus meiner Kindheit ziemlich nah. Nicht nur, dass sie mit den rötlich-pinken Haaren eine gewisse Ähnlichkeit zu Arielle aufweist – sie gleitet auch tatsächlich wie ein Delfin durch die Fluten, dreht sich elegant, streckt die Flosse kerzengerade aus dem Wasser in die Höhe. Keine Frage: Sabrina Arlt ist Profi, Drittplatzierte bei der Deutschen Meisterschaft im Meerjungfrauenschwimmen und als solche heute mein Coach mit der Mission, den anfänglichen Nixengraus zum erhofften Nixenspaß zu verkehren.

Regel Nummer eins: Eine Nixe wirft sich mit Eleganz in Schale, pardon: Schuppen – auf einer Isomatte an Land und das besser noch mit weiblicher Unterstützung, denn in den Lycra-Anzug zu schlüpfen gleicht in etwa dem Versuch, sich in eine viel zu enge Jeans zu zwängen: Von Grazie kann da kaum die Rede sein. Der violett-schillernde Stoff presst meine Beine aneinander, die scheinbare Lähmung zieht sich von der durchsichtigen Spezial-Plexiglasflosse bis zur Hüfte. Ungeschickt hieve ich meinen gefesselten Unterkörper in das klare Wasser. Schleichend dringt das Nass zu meiner Haut vor, umschließt mich mit seinem kühlen Griff. Sabrina schreitet fort zur nächsten Einheit: dem Buckelschwimmen. Das habe man sich folgendermaßen vorzustellen: „Die Nixe buckelt wie ein Buckelwal.“ Das ist einfacher gesagt als getan: Hintern hoch, Beine runter und umgekehrt. „Das ist das beste Bauch-Beine-Po-Training, das man machen kann“, verspricht die sportliche 34-Jährige. Immerhin würden pro Flossenschlag rund 20 Kilo Masse durch reine Muskelkraft gestemmt.

Das Wasser ist stärker als der Wille

Der Wille ist da, doch das Wasser stärker. Der Krampf im Fuß, die holprigen Bewegungen: Was bei Sabrina so selbstverständlich wirkt, fühlt sich für mich an wie eine misslungene Robot Dance-Performance im Wasser. „Entweder man ist bekloppt, so wie ich, und kann das einfach, oder man denkt zu viel“, erklärt Sabrina. „Als Nixe musst Du den Kopf ausschalten.“ Guckt jemand? Wie sieht das aus? Was denken die anderen? Solche Fragen hätten im Wasser nichts zu suchen. Männer täten sich damit weniger schwer. „Die leben das richtig“, also die Zwei, die sie persönlich kennt zumindest. „Diesen Hüftschwung – den haben die Männer drauf.“ So richtig durchgesetzt habe sich der Sport unter den Herren bedauerlicherweise aber noch nicht. Anders bei den Frauen: Inzwischen sei das Nixenschwimmen sogar schon von Physiotherapeuten entdeckt worden, weiß Sabrina, als Maßnahme gegen Rückenbeschwerden. Sie selbst verbringt etwa zehn Stunden pro Woche im Wasser.

Am 29. November 2014 wurde aus Sabrina, der Mutter und Familienbetreuerin, auch Sabrina, die Hobbynixe mit den wahlweise türkisen oder pinken Haaren. Eigentlich wollte sie nur eine Mottoparty zum Geburtstag ihrer Tochter organisieren, als sie bei ihren Recherchen über den Meerjungfrauentreff Nord in Hamburg stolperte. „Mir ging das Herz auf. Mir war klar: Man muss doch nicht bis nach Amerika, um eine Flosse zu tragen.“

Nach dem Bad gleicht das Gehen einem Schweben

Dort ist die Szene nämlich schon um einiges größer. Geschwommen werde sogar in naturnahen Großaquarien zwischen Fischen und Korallen. „Wenn ich unter Wasser bin, bin ich frei. Da denke ich an nichts anderes mehr“, schwärmt die junge Frau aus der Gemeinde Hanstedt. Ich dagegen denke lauter in der Stille der Unterwasserwelt – zu laut an das, was ich da mache und den Krampf in meinem linken Fuß. Nach einem angedeuteten Unterwasserhandstand und einer recht passablen Spirale lässt mich Sabrina in die Welt der Zweifüßler zurückkehren. Ich pelle die Nixenhaut im Wasser von meinem Körper. Auch ohne Anzug fühlen sich die Beine im Sitzen zunächst noch seltsam zusammengetackert an. Gehen gleicht Schweben. Arielle sind Flügel gewachsen.

An Sabrinas Hals baumelt ein silbernes Pferd mit Fischschwanz, dem tätowierten Ross auf ihrer rechten Hüfte soll auch bald einer wachsen. Ein bisschen hat sie die Fantasiewelt zu ihrer eigenen gemacht, könnte man meinen. Oder mit Sabrinas Worten ausgedrückt: „95 Prozent der Meere sind noch unerforscht und so lange sich das nicht ändert, glaube ich daran, dass es Meerjungfrauen gibt.“

Termin

Nixenspaß im Freibad Adendorf

Was machen Meerjungfrauen in den Ferien? Nun, Sabrina besucht das Freibad Adendorf. Erstmals gibt es dort in diesem Jahr das Meerjungfrauen-Ferienprogramm. An drei Tagen finden jeweils drei Kurse statt – um 11 Uhr, 13.30 Uhr und 16 Uhr. Die Termine sind:
Freitag, 6. Juli : Schmuck herstellen und Schwimmen
Freitag, 20. Juli : Mermaid-Shirt bemalen und Schwimmen
Freitag, 27. Juli : Muschelkronen gestalten und Schwimmen

Teilnehmen kann jeder mit Schuhgröße 34 bis 48 und einem Bronze-Abzeichen. Eine Teilnahme pro Termin kostet 40 Euro zusätzlich zum Badeintritt mit Leihkostüm. Wer ein eigenes Kostüm besitzt, zahlt 30 Euro. Um vorzeitige Anmeldung per Mail wird gebeten:
29 nixenspass@ewe.net.

von Anna Petersen