Für die Studenten Vera Storre, Yannic Lange und Martin Deprie (v.l.) ist die Umlaufsperre zur Eisenbahnbrücke an der Elsteralle nur eines von vielen Hindernissen, die beseitigt werden sollten. Foto: t&w

Schluss mit den Hindernissen

Lüneburg. 492 Mängel, 70 Prozent davon allein in Lüneburg. Was 67 Studenten der Uni Lüneburg in mühsamer Kleinarbeit zusammengetragen haben, ist nicht nur ein B eleg für eine noch immer nicht fahrradverkehrsgerechte Stadt. Die umfangreiche Zusammenstellung von Hindernissen, die einem flüssigen Radverkehr in Lüneburg im Wege stehen, könnte auch eine faktenreiche Grundlage für die künftige Radverkehrsförderung werden.

„Ich glaube, dieser Termin ist für die Radverkehrsentwicklung in Lüneburg sehr, sehr wichtig.“ Nicht zum ersten Mal beschwor Prof. Dr. Peter Pez bei der Präsentation in der Uni Politik und Verwaltung, endlich die Weichen für einen besseren Radverkehr in Lüneburg zu stellen. Doch dieses Mal hatte der Leuphana-Verkehrsexperte jede Menge Unterstützung für sein Anliegen mitgebracht. 67 seiner Studenten waren im Sommersemester ausgeflogen und hatten sich auf die Suche nach möglichen Radverkehrshindernissen in der Stadt und in umliegenden Gemeinden gemacht. Dass sie fündig würden, war klar, die Menge aber überraschte selbst Pez.

„Radfahrer sind sehr umwegeempfindlich“

In elf Gruppen waren die Studenten unterwegs, systematisch durchforsteten sie die Region nach störenden Elementen. Ihren Blick richteten sie vor allem auf mögliche Wegabkürzungen, deren Benutzung oder Durchfahrt aber per Verkehrsschilder unterbunden oder als passierbare Sackgassen gar nicht erst wahrgenommen werden.
„Radfahrer sind sehr umwegeempfindlich“, sagt Martin Deprie, einer der beteiligten Studenten. Dass sie dabei mitunter auch nicht gesetzestreu unterwegs sind – zum Beispiel entgegen der Fahrtrichtung fahren, um einen Umweg zu vermeiden –, verdeutliche, wie wichtig die Beseitigung der „nicht immer erforderlichen Verbote“ sei. Zugleich steigere es die „Attraktivitätsräume“, also die zusätzlichen Reichweiten, die bei Wegfall dieser Hindernisse möglich wären. So wüchsen die Radien bei Nutzung eines normalen Fahrrads von 1,9 auf 2,3 Kilometer, bei einem Pedelec sogar von 3,9 auf 5,9 Kilometer. „Es ist aber auch eine Frage der Rechtssicherheit“, sagt Deprie, denn wenn etwas passiere, hätten die Radfahrer in dieser Situation auch versicherungsrechtlich das Nachsehen.

Sackgassen, die keine sind, Einbahnstraßen, die von Radfahrern auch in Gegenrichtung genutzt werden könnten, Abbiegegebote, die nur für den Autoverkehr sinnvoll sind, Umlaufsperren, die keinen Vorteil, aber für Radfahrer mit Anhänger eine echte Barriere sind – nichts ließen die Studenten unberücksichtigt. Ihre Ergebnisse listeten sie auf nach untersuchten Zonen, markierten und beschrieben jeden einzelnen Punkt, häufig mit Karte, Foto – und konkreten Vorschlägen, wie stattdessen hier verfahren werden sollte.

„Etwa 150 Arbeitsstunden hat jeder meiner Studenten in dieses Projekt gesteckt. Bei einem Stundensatz von 10 Euro hat diese Untersuchung allein durch ihren Arbeitsaufwand einen Wert von mehr als 100 000 Euro“, macht Pez deutlich. Das Werk, zusammengestellt auf einem USB-Datenträger, übergab er Lüneburgs Verkehrsdezernent Markus Moßmann mit einer klaren Botschaft: „Mit dem Geld, das die Stadt an der Uelzener Straße bereit ist, für einen einzigen Radweg auszugeben, könnten wir alle Mängel beseitigen.“

Mehr als 10 000 Stunden Arbeit investiert

Moßmann verspricht: „Wir werden uns bemühen, die Liste abzuarbeiten.“ Er lobt die Arbeit der Studenten. Ob dies wie gewünscht in zwei Jahren zu leisten sei, lässt er offen. Er kündigt an, das Thema in den Verkehrsausschuss zu bringen.

Lob kommt auch von Hans-Christian Friedrichs, Landesvorsitzender des Verkehrs-Clubs Deutschland (VCD), und Ratsfrau Hiltrud Lotze (SPD), die die Arbeit als „guten Beitrag für das Gemeinwohl“ würdigt, ihre Ratskollegin Claudia Schmidt (Grüne) regt eine „emotionale“ Plakatwerbung für die neuen Radverkehrsziele an.

Hindernisse

Daten online

Die kompletten Projektseminarergebnisse sind auch online verfügbar und lassen sich von der Seite des Leuphana-Instituts für Stadt- und Kulturraumforschung (www.leuphana.de/institute/ifsk.html) herunterladen. Dort im Block „Meldungen“ klicken auf: „26. Jun Radverkehrsplanung in Stadt und Region Lüneburg“. Es erscheint der Button „Hier geht es zu den Forschungsergebnissen“ – darauf klicken. Es erscheint die Meldung „Desktop.zip“. Hier kann die 277 MB große Datei per Klick geöffnet oder he­runtergeladen und gespeichert werden.

von Ulf Stüwe