Freitag , 18. September 2020
Grell, bunt, laut: Geldspielautomaten haben auf manchen Bürger anscheinend eine große Anziehungskraft. Foto: A/Tamme

Ein kleines Vermögen verspielt

Lüneburg. Es klingt ein bisschen, als hätte Werner Peters eigentlich etwas sparen wollen. In der Kneipe hätte er den Kaffee zahlen müssen: „In der Spielhalle war er umsonst.“ Am Ende wurde es ziemlich teuer. 25.000 Euro habe er binnen zweieinhalb Jahren verzockt, Versicherungen dafür aufgelöst, sagt der 33-Jährige. Am Anfang Kleckerbeträge, später jeden Monat Hunderte von Euro. Für das Geld hätte er selbst in London oder New York einige Tassen Kaffee trinken können. Jetzt sitzt der Mann aus dem Landkreis als Klient in einem Büro der Drogenberatungsstelle drobs an der Heiligengeiststraße mit einem Glas Wasser vor sich. Er ist spielsüchtig.

Seit zehn Monaten steuert Peters einmal die Woche seine Gruppe an. Ein halbes Dutzend Zocker redet miteinander, meistens Männer. Alle wissen, wie es ist, vor einem Automaten zu hocken, zu glauben, den Kasten zu beherrschen und gleichzeitig zu fiebern, dass er einen Gewinn ausspuckt. Einen großen.

Die Lust auf einen schnellen Gewinn

Peters, der im öffentlichen Dienst arbeitet und seinen wahren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, kennt das. „Es ist die Lust auf den schnellen Gewinn“, sagt er. Zittern, schwitzen, und immer im Kopf: „Es muss klappen.“ Nicole Schaar und ihre Kollegin Anne Sikorski sind bei der drobs für die Spieler zuständig. Sie erklären, was in Hirn und Körper abläuft: Das zentrale Nervensystem schüttet Dopamin aus, einfach gesagt: einen Botenstoff, der dem Hirn Glück und Motivation signalisiert. Das soll wieder und wieder passieren.

Diese Fata Morgana hat auch Peters erlebt. „Ich habe immer ans Spielen gedacht. Ich war unkonzentriert, ich wusste nicht mehr, was mir jemand vor zehn Minuten erzählt hatte.“ Weil er natürlich nicht gewonnen, sondern meistens nur Geld versenkt hatte, lag das Gefühl von Verlust und Versagen auf der Seele: „Ich habe schlecht geschlafen, Ausschlag und Durchfall bekommen.“

„Am zehnten war mit Geld alle“

Das Lügen ist ein ständiger Begleiter. Die Ersparnisse waren in den Automaten gelandet, die mal verniedlichend Groschengräber genannt wurden. Heute ziehen sie Scheine in ihre Fächer. „Ich habe Miete gezahlt und haltbare Lebensmittel am Monatsanfang gekauft“, sagt Peters. „Aber so am zehnten war mit Geld alle.“ Er pumpte sich etwas bei Kollegen und seiner Frau. Mal musste er angeblich eine Zahnarztrechnung bezahlen, andauernd hatte er gerade sein Portemonnaie vergessen. War er anfangs nur kurz nach der Arbeit in einer Halle gelandet, schaute er jetzt schon vor dem Dienst rein und in der Mittagspause. Er machte sich vor: „Um Bekannte zu treffen.“

Schließlich ging es nicht mehr weiter. „Ich habe mir ein Herz gefasst, bin zur drobs und habe mit meiner Frau gesprochen.“ Seitdem versuche er, Abstand zu halten, vier Monate habe er kein Geld mehr in die funkelnden Automaten gesteckt: „Vorher hatte ich Rückfälle.“

Ärger im Betrieb oder in der Schule

In der drobs bietet Anne Sikorski für Betroffene und Angehörige mittwochs von 10 bis 13 Uhr eine offene Sprechstunde an. Es geht darum, wie oft jemand spielt, warum und was das für ihn und andere bedeutet. „Es gibt verschiedene Gründe, weshalb jemand kommt“, sagt die Sozialarbeiterin. „Angehörige finden, dass es so nicht weitergehen kann. Alles Geld ist weg. In anderen Fällen gibt es Ärger im Betrieb oder in der Schule, denn wir haben auch junge Leute hier. Leute lassen sich krankschreiben, sind unzuverlässig. Sie kommen nicht, weil sie kein Geld mehr für Benzin haben. Der eigene Druck von Lügen und Schulden spielt eine Rolle.“

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Wer meint, dass er eine Therapie beginnen möchte, kann für mehrere Wochen in eine Klinik gehen oder ein ambulantes Angebot der drobs nutzen. Sind offene Fragen geklärt, übernimmt in der Regel die Rentenversicherung und in anderen Fällen die Krankenversicherung die Kosten.

Klinik ist immer ein Schutzraum

Peters wollte in die ambulante Gruppe, um sich in seinem Umfeld zu bewegen und es zu schaffen. Seine Therapeutin Nicole Schaar kann das verstehen, denn eine Klinik sei immer ein Schutzraum. Der sei für manchen nötig, für andere aber eben nicht.

In der Gruppe geht es ums Warum? Sucht hat immer etwas mit mangelndem Selbstwert zu tun. Ob Zocken, Drogen oder Suff – es soll einen vermeintlichen Mangel ausgleichen und Glücksmomente schenken. Die Sozialarbeiterinnen nennen klassische Gründe, die jemanden auch aus einem zunächst ruhigen Fahrwasser plötzlich in Stromschnellen treiben lassen: Trennung, Arbeitslosigkeit, Schulden, die Geburt von Kindern, die eine Beziehung radikal verändern. Und natürlich gibt es Vorgeschichten.

Mangelndes Selbstwertgefühl

Bei Peters war es der Onkel mit der Kneipe, in der zwei Automaten hingen: „Das hat mich als Kind fasziniert.“ Als er 16 wurde, habe er eher zufällig gespielt und kräftig gewonnen: „Da hatte ich die ganze Feier wieder drin.“ Er vermutet, dass er sich daran erinnert habe, als er vor gut drei Jahren anfing, hart zu spielen.

Beim Warum scheint er noch keine wirkliche Antwort gefunden zu haben: „Ich war nicht unglücklich, hatte einen neuen Job, bei dem ich mehr verdiente.“ Peters Geschichte verlief eher ungewöhnlich. Er bekam relativ schnell die Kurve, im Durchschnitt dauert es zehn Jahre, bis ein Spieler versucht, von seiner Sucht loszukommen.

Ambulante Therapie dauert ein halbes bis ein Jahr

Peters lernt in der Gruppe und alle vier Wochen in einem Einzelgespräch, über Gefühle zu sprechen, über Wut, Enttäuschung, Freude und Wünsche. In einer Tasche steckt eine Notfallkarte, auf ihr hat er sich notiert, wen er im Zweifel anrufen kann und weshalb es besser ist, kein Geld zu verspielen. Er weiß, dass er im Wortsinne neue Wege gehen muss, um nicht an der Handvoll Spielhallen in der Innenstadt vorbeilaufen zu müssen.

Peters weiß, dass er noch nicht dauerhaft stabil ist. Die Verlockung, „mir mein Geld zurückzuholen“, die ihn damals trieb, hat ihn wohl noch nicht ganz losgelassen. Meistens dauert die ambulante Therapie ein halbes bis ein Jahr, Peters möchte noch sechs Monate dranhängen. „Zur Sicherheit.“

Genug Gründe hat er. Er findet Schlaf, der Körper zickt nicht, beim Sport und bei der Feuerwehr hat er Freunde. Mit seiner Frau ist er glücklich und wird bald Vater. Eher ein Hauptgewinn als die Halle mit den blinkenden Kisten.

Von Carlo Eggeling

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Spielhallen gibt es in Lüneburg, dort stehen 192 Automaten, dazu kommen 41 Geldspielgeräte in Lokalen.