Freitag , 25. September 2020
Mit Packpapier verhüllt - wie hier kurzzeitig im Mai - würden manche Kritiker am liebsten den Gedenkstein der 110. Infanterie-Division sehen. Foto: A/boldt

An Hinweistafel wird gefeilt

Lüneburg. Stein des Anstoßes oder Stein der Erinnerung und Mahnung? Immer wieder erhitzt der Gedenkstein für die 110. Infanterie-Division die Gemüter. Die einen möchten ihn am liebsten entfernen oder verhüllen, die anderen für eine dauerhafte Auseinandersetzung mit diesem Kapitel der deutschen Geschichte bewahren. In die Kritik ist dabei auch die dazugehörige Hinweistafel geraten. Gleich zweimal war sie Thema im jüngsten Kulturausschuss.

Einen überarbeiteten Textvorschlag für die Hinweistafel hatte die Verwaltung eingebracht. Deutlicher als bisher wollte sie damit auf das Kriegsverbrechen im weißrussischen Osaritschi eingehen, bei dem Zivilisten – Kinder, Frauen, alte und kranke Menschen – im März 1944 durch Kälte, Krankheit, Durst und Erschöpfung in drei Lagern der deutschen Wehrmacht bewusst dem Tod preisgegeben wurden und an dem Teile der 110. Infanterie-Division beteiligt waren. Anders ein Antrag der Linken: Sie möchten dort zwei großformatige Tafeln aufstellen, versehen mit historischem Fotomaterial und Textentwürfen der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes.

Antrag zurückgestellt

Beides wurde vertagt. Um eine weitere „Konfrontation“ zwischen den unterschiedlichen Auffassungen bei diesem Thema zu vermeiden, wie Friedrich von Mansberg (SPD) betonte, wurde einstimmig beschlossen, den Textentwurf „in kleiner Runde“ unter Beteiligung der VVN erneut zu überarbeiten. David Amri (Linke) stellte seinen Antrag zur Aufstellung der beiden Tafeln vorerst zurück.

Einigkeit herrschte im Ausschuss auch darüber, die Hinweistafel bis zu einer Beschlussfassung des in Vorbereitung befindlichen Forums Lüneburger Erinnerungskultur lediglich als „Interimslösung“ zu betrachten.

Von Ulf Stüwe

Verbrechen im Sumpf von Osaritischi

Hunger als Waffe

Bis zum 12. März 1944 trieben Soldaten der 9. Armee mindestens 40.000 Zivilisten in drei mit Stacheldraht abgesperrte Sumpfgebiete nahe der weißrussischen Ortschaft Osaritschi. Die arbeitsunfähigen Menschen waren für die Wehrmacht nicht mehr von Wert. Hunderte Menschen wurden schon auf dem Weg in den Stacheldraht erschossen, um die anderen gefügig zu machen. Die Eingeschlossenen hatten weder Wasser noch Nahrung oder gar Latrinen. Typhus oder Fleckfieber grassierten. Eine Woche dauerte es, bis die Rote Armee die eingezäunten Areale einnahm. Nach sieben Tagen waren etwa 9000 Menschen tot. Eine Sterberate, die nur noch von Auschwitz-Birkenau, Treblinka oder Sobibor übertroffen wurde. lz

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