Samstag , 24. Oktober 2020
Spätestens seit inklusiver Unterricht in Niedersachsen zur Pflicht geworden ist, wird das Thema kontrovers diskutiert. Eine Professorin der Leuphana ist der Meinung, dass es den Schulen an Unterstützung und Ressourcen fehlt. (Foto: t&w)

„Schulen kommen so nicht voran“

Lüneburg. Kaum ein Schulthema wird derzeit so kontrovers diskutiert: Sind Kinder mit einem besonderen Förderbedarf an Regelschulen richtig auf gehoben? Funktioniert Inklusion? Im Schuljahr 2013/14 ist inklusiver Unterricht in Niedersachsen zur Pflicht geworden. Das bedeutet: Auch Kinder, bei denen eine sonderpädagogische Unterstützung festgestellt wurde, dürfen sich gegen eine Förderschule und für eine allgemeine Schule entscheiden. Prof. Dr. Simone Abels von der Lüneburger Universität ist überzeugt, dass viele Lehrer im Zuge dieser Einführung keine entsprechenden Schulungen erhalten haben, es vor Ort massiv an Unterstützung und Ressourcen fehlt.

Simone Abels betreut das Projekt an der Leuphana. (Foto: t&w)

Um speziell den naturwissenschaftlichen Unterricht inklusiv zu gestalten und Konzepte weiterzuentwickeln, hat sie an einer Ausschreibung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung teilgenommen – mit Erfolg. 480 000 Euro fließen in drei halbe Doktorandenstellen, die jetzt geschaffen werden, und in die Ausbildung von 64 Studenten und 16 Lehrern aus der Region. Das Projekt „Naturwissenschaftlichen Unterricht inklusiv gestalten“ läuft drei Jahre, in der Zeit sollen nicht nur Kriterien für inklusiven Naturwissenschaftsunterricht herausgearbeitet, sondern auch Videoanalysen in den Klassen stattfinden.

„Die Fachdidaktiken hinken massiv hinterher, es gibt kaum Aus- und Fortbildungsangebote für die Schulen. Oft sind diese dann auch sehr allgemeinpädagogisch und nicht auf den Fachunterricht ausgerichtet“, sagt Abels, die gemeinsam mit Prof. Dr. Matthias Barth an der Ausschreibung teilgenommen hat. In diesem Monat und im Juli starten drei Studentinnen in ihre Promotion: Eine untersucht den Primar-, eine den Sekundarbereich, eine setzt sich mit einem Vergleich der beiden Stufen auseinander.

16 Studenten starten im Oktober in das Projekt

An der Leuphana ist das Projekt im Masterstudium angesiedelt, es ist Teil der Praxisphase, die sich für angehende Lehrer über drei Semester verteilt. Zum Semesterstart im Oktober erhalten jeweils 16 Studenten aus dem Primar- und Sekundarbereich die Möglichkeit, Inklusion im naturwissenschaftlichen Unterricht näher zu betrachten. „Wir schauen uns an, ob sie im Laufe dieser drei Semester entsprechende Kompetenzen entwickeln“, erklärt Abels, die auch die Lehrer mitnehmen und im ersten Durchgang 16 Pädagogen zu einer Fortbildung einladen möchte. Im nächsten Jahr soll das Projekt wiederholt werden, sodass insgesamt 64 Studenten davon profitieren können. „Die Ergebnisse möchten wir sowohl national als auch international veröffentlichen und an andere Schulen weitertragen“, sagt Abels.

Bei einer „offiziellen Diagnose“ steht einem Kind eine bestimmte Anzahl an Stunden einer Förderlehrkraft zu. Die kommt dann zur Unterstützung an die Schule. Simone Abels sieht deshalb die größeren Schulen im Vorteil. „Wenn dort viele Kinder inklusiv beschult werden müssen, wird manche Förderschul­kraft mit einer halben oder vollen Stelle dorthin abgeordnet.“ Das sei aber nicht die Regel, die aktuelle Umsetzung von Inklusion sehe eher vor, dass die Fachkräfte von Schule zu Schule reisen, die Lerngruppen ständig wechseln. „Das hilft überhaupt nicht. Sie können so niemals Teil des Kollegiums werden, die Schulkultur nicht kennenlernen.“

Kulturellen und sprachlichen Hürden Beachtung schenken

Feste Teamtreffen gehören ihrer Meinung nach in den Stundenplan, damit sich Pädagogen aus verschiedenen Fachgebieten gegenseitig Rückmeldungen geben, Formate und Rituale für den Unterricht entwickeln und Bedürfnisse einzelner Schüler besprechen können. „Denn es wird häufig vergessen, dass manche Kinder auch so Unterstützung benötigen – selbst wenn es dafür keine offizielle Diagnose gibt.“ Auch kulturelle und sprachliche Hürden oder beispielsweise die Tatsache, dass manche Kinder in ihrem häuslichen Umfeld am Lernen gehindert werden, müssten Beachtung finden.

Um entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen und die Ressourcen anders zu verteilen, sieht Abels die Politik gefordert. „Sie könnte viel mehr tun. Es hilft nicht, wenn nur bei einzelnen Kindern ein Brand gelöscht wird. So kommen die Schulen in der Entwicklung nicht voran.“

Stellen nun nicht mehr befristet

Inklusion war jetzt auch Thema einer Anfrage im Landtag. So hatten Abgeordnete der FDP festgestellt, dass von den 470 ausgeschriebenen Stellen für Pädagogische Mitarbeiter, die bis zum 31. Juli befristet und für die Unterstützung der Inklusion vorgesehen waren, nur 115 Stellen besetzt werden konnten. Diese Posten wurden inzwischen allesamt entfristet – und dennoch besteht in den Schulen nach wie vor ein Bedarf an weiterer Unterstützung.

Geschaffen wurden die Stellen, um Pädagogische Mitarbeiter von Förderschulen an allgemeine Schulen abzuordnen. Die Antwort der Landesregierung: „Der Bedarf an zusätzlichem sonderpädagogischem Personal ist der Landesregierung bekannt. Daher hat sie in ihrer Koalitionsvereinbarung einen sukzessiven Aufbau der Stellen für die Pädagogischen Mitarbeiter vereinbart.“

Von Anna Paarmann

Wie die Inklusion im Unterricht gelebt wird

Vier Schulen berichten beispielhaft über ihre Erfahrungen und sagen, wo es hakt

Lüneburg. An der Anne-Frank-Schule gestalten zwei Förderschullehrer mit insgesamt 32 Stunden gemeinsam mit den Lehrkräften den Unterricht. „Auch wenn es an einigen Stellen noch hakt – eine Rolle rückwärts könnte ich mir nicht mehr vorstellen“, sagt Rektorin Daniela Tiesing-Neben. An ihrer Schule werden aktuell 28 Kinder mit einem anerkannten sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf inklusiv in ihren Klassen unterrichtet. Im Unterschied zu den weiterführenden Schulen erfolge die Zuweisung an Förderlehrerstunden in den Förderbereichen „Lernen“, „Emotionale und soziale Entwicklung“ und „Sprache“ nach einem einheitlichen Berechnungsschlüssel. Dabei sei egal, wie viele Kinder in diesen Bereichen tatsächlich inklusiv beschult werden müssen, sagt Tiesing-Neben, die sich wünscht, dass anstelle der ungleichen Verteilung nach dem „Gießkannenprinzip“ auch in der Grundschule die Förderstunden kindbezogen und mit einer höheren Stundenzahl erfolgen. „Wären wir zum Beispiel eine Oberschule, so stünden uns aktuell weit mehr als doppelt so viele Lehrerstunden zu Verfügung – die wir unbedingt brauchen können.“

Deutliche Kritik am Inklusionskonzept übt Dieter Stephan, Leiter des Gymnasiums Oedeme. Oberste Priorität habe für ihn das gymnasiale Niveau und damit das Abitur. Inklusive Beschulung sei nur für solche Schüler sinnvoll, die ihrem geistigen Potenzial nach diese Reifeprüfung eines Tages auch bestehen können. Auch er sieht, dass die Zahl der Kinder mit einem sogenannten I-Status (I steht für Inklusion) von Jahr zu Jahr steigt, inzwischen liegt sie bei sechs Prozent. Dass an seinem Gymnasium auch an Kinder mit einem besonderen Förderbedarf gedacht wird, macht Stephan deutlich, indem er aufzählt, dass Schülern mit Hör- oder Sehbeeinträchtigungen beispielsweise Räume mit Teppichboden, Hör- und Lesehilfen oder auch Kopien mit größerer Schrift zur Verfügung gestellt werden. Auch sei man über externe Unterstützung dankbar: So wird im kommenden Schuljahr ein Kind in die 5. Klasse eingeschult, das den gesamten Tag einen Lernbegleiter an seiner Seite hat. Auch das „schuleigene, umfassende und anerkannte Konzept für den Nachteilsausgleich“ lässt Dieter Stephan nicht unerwähnt. „Es bietet uns eine Grundlage, um bei Lese-Rechtschreib-Schwächen oder anderen Beeinträchtigungen einen Ausgleich in Form von verlängerten Zeiten bei Klassenarbeiten oder verkürzten Aufgabenstellungen zu gewähren“, erklärt der Schulleiter. Gleichzeitig werde das inhaltliche Niveau aber beibehalten.

Davon überzeugt, dass Inklusion funktionieren kann, ist Nils Heinrichs. Der Didaktische Leiter der Integrierten Gesamtschule (IGS) Embsen glaubt aber auch, dass die Ressourcen noch nicht ausreichen. „Die Schulen sollten die Möglichkeit haben, viel mehr in multiprofessionellen Teams zusammenzuarbeiten. Wir können Schulsozialarbeiter, Erzieher und Schulbegleiter gut gebrauchen“, sagt er. „Aber das ist eine Frage der Finanzen und der Ausbildungskapazität.“ An der Gesamtschule sei man bemüht, Schüler mit dem Förderschwerpunkt Lernen sowohl inklusiv als auch integrativ zu beschulen. „Wir achten darauf, dass wir sie gut auf die Klassen verteilen und mit ausreichend Förderschulstunden versorgen.“ Diese Stunden seien aber knapp bemessen, erforderlich wären eigentlich mehr. Das aber scheitere womöglich auch am Mangel an geeigneten Lehrern. Im Unterricht würden Schüler, denen ein besonderer Förderbedarf attestiert wurde, in Tischgruppen mitarbeiten, „um keine Parallelwelt zu schaffen“. Ab und an müssten aber auch kleinere Gruppen gebildet werden, um beispielsweise Grundlegendes zu vermitteln. Förderschullehrer für den Bereich Lernen kämen von der Schule an der Schaperdrift nach Embsen. „Wir haben viele gemeinsame Dienstbesprechungen, das ist super, weil wir so auch auf einzelne Kinder eingehen können.“

An der Oberschule am Wasserturm werden insgesamt 80 Kinder inklusiv beschult. Rektor Uwe Wegener glaubt, dass ein entsprechender Unterricht nur dann leistbar ist, wenn stets zwei Lehrer eine Klasse betreuen. „Fächer wie Sport und Kunst lassen sich wunderbar mit wenig Aufwand und beispielsweise einer Regelschullehrkraft umsetzen, anders ist es bei den klassischen Lernfächern wie Deutsch, Mathe oder Geschichte“, sagt der Schulleiter, der es für sinnvoll hält, möglichst viele Förderschulstunden in einer Klasse zu vereinen. So ist an der Oberschule eine Gruppe von 24 Schülern, von denen acht der Förderschwerpunkt Lernen attestiert wurde, fast die gesamte Woche über mit zwei Lehrern versorgt. „Das ist für alle ein Gewinn. Oft heißt es, dass Förderschulkinder eine Belastung sind, das ist aber nicht so.“ Inklusion setze aber auch ein hohes Maß an Teamarbeit voraus. So sehe das schuleigene Inklusionskonzept vor, dass die Stunden stets im Team besprochen werden, eine Fachkraft mitentscheiden kann, welche Einheiten im Klassenverbund durchgeführt werden können und wann es sinnvoll ist, die Schüler auch mal zu trennen. „Wir versuchen aber, möglichst viel zusammenzubleiben, eine Klasse ist schließlich eine Identifikationsgruppe.“ Eine Grundvoraussetzung sei aber auch, dass sich die Förderschullehrer dem Kollegium zugehörig fühlen und viele Stunden an der Schule sind. ap