Donnerstag , 29. Oktober 2020
Das Gebäude der Johannes-Rabeler-Schule im Herzen Lüneburgs: Wie lange werden hier noch Förderschüler lernen? Foto: t&w

Galgenfrist für die Förderschule?

Lüneburg. Eigentlich war ihr Aus beschlossene Sache: Die Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen sollten bald Geschichte sein, in Lüneburg wurden zuletzt schon keine neuen Schüler in den unteren Klassen mehr aufgenommen, die Johannes-Rabeler-Schule und die Schule an der Schaperdift schmilzen mit jedem weiteren Schuljahr in sich zusammen. Im Zuge der Inklusion werden Schüler mit Förderbedarf längst an Regelschulen unterrichtet. Doch es gibt ein Hintertürchen durch eine Änderung des Schulgesetzes, zumindest eine der beiden Förderschulen könnte in die Verlängerung gehen. Das ist ein Thema in der Sitzung des Schulausschusses. Er tagt am Donnerstag, 7. Juni, ab 16.30 Uhr öffentlich in der Igelschule, Dahlenburger Landstraße 151.

Die Inklusion bereitet vielen Schulen zunehmend Schwierigkeiten. An einzelnen Oberschulen hat jedes vierte Kind einen anerkannten Förderbedarf, dazu kommen viele Schüler mit Mi­grationshintergrund, die kaum Deutsch sprechen können. In diesen Klassen den Lehrplan umzusetzen, ist für Pädagogen eine Herkulesaufgabe. Auch viele Eltern wünschen sich für ihre Kinder lieber einen Unterricht in der Förderschule als in einer Regelschule. Einige haben sich jetzt in einer Initiative zusammengeschlossen, die für eine längere Lebensdauer der Förderschule kämpft.

Misserfolge an der Regelschule

Anja Meyer ist eine von ihnen. Ihre Tochter lernt aktuell in der 3. Klasse der Grundschule Radbruch, eine Schulbegleitung hilft ihr durch den Unterrichtsalltag. Doch auch wenn sich alle größte Mühe geben, Klassenlehrerin, Förderschullehrerin und Schulbegleitung und auch ihre Tochter gerade vor Arbeiten viel lerne, erlebe die immer wieder Misserfolge. „Sie ist die schlechteste in der Klasse und nimmt das auch so wahr“, sagt die Mutter.“ In Lerngruppen mit Kindern, die ähnliche Schwierigkeiten haben, hätte sie vielleicht mal Erfolgserlebnisse. Und auch Probleme wie Mobbing und Ausgrenzung befürchte ich da weniger.“

Zwar halte sie die Inklusion grundsätzlich für einen guten Weg, doch derzeit stimmten die Rahmenbedingungen dafür noch nicht. Anja Meyer würde ihre Tochter nach heutigem Stand deshalb lieber an einer Förderschule anmelden, „auch weil sie sonst bis zur 9. oder 10. Klasse immer einen Erwachsenen als Schulbegleiter an ihrer Seite hätte. Das ist für ihre Entwicklung hin zur einer gewissen Selbstständigkeit sicher auch nicht förderlich“.

„Inklusion kann für ein Kind der richtige Weg sein“

Gute Erfahrungen mit der Förderschule hat Stefanie Ratz gemacht, ihr Sohn ist in der 3. Klasse der Schule an der Schaperdrift in Oedeme. „Dort gehen die Lehrer sehr individuell auf die Schüler ein, mein Sohn lernt dort in einer kleinen Klasse mit sieben anderen Kindern. Das kommt ihm da zugute, weil er nicht nur länger braucht zum Lernen, sondern sich auch sehr leicht ablenken lässt und sich nicht lange konzentrieren kann“, erzählt sie. Weil das Betreuungsverhältnis und die Förderung dort so gut ist, sei keine Schulbegleitung erforderlich. Auch sie setzt sich in der Initiative neben etwa 20 anderen Müttern und Vätern für den Erhalt der Förderschulen ein. „Inklusion kann für ein Kind der richtige Weg sein, ist es sicher aber nicht für alle“, findet sie.

Stadtverwaltung allerdings zeigt wenig Bereitschaft dazu

Die Eltern hoffen, dass sie in der Sitzung mit ihrem Anliegen Gehör finden. Denn dann wird auch ein Antrag behandelt, den CDU und FDP im April eingebracht haben und der genau das zum Ziel hat: Mindestens eine Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen in der Stadt Lüneburg soll bis 2027/2028 fortgeführt werden, so wie es das geänderte Schulgesetz nun zulässt. „Die heute in Niedersachsen praktizierte Inklusion erscheint uns als nicht ausgereift und in Teilen konzeptlos“, sind sich Frank Soldan (FDP) und Sonja Jamme (CDU) einig. Es brauche Zeit, bis die Landespolitik auf den ihr bekannten Mangel reagiert und Veränderungen vornimmt. „Deshalb wollen wir die Möglichkeit des Schulgesetzes nutzen und die erfolgreiche Johannes-Rabeler-Schule weiter fortführen.“ Das sei keine Umkehr bei der Inklusion, sondern eine ganz „pragmatische Reaktion auf ein allen bekanntes Problem“.

 

 

 

 

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Schüler mit Förderbedarf lernen schon heute an Regelschulen in Stadt und Landkreis Lüneburg, 272 von ihnen an Oberschulen.“ parallax=“off“ direction=“left“ revealfx=“fromleft“]

Die Stadtverwaltung allerdings zeigt in ihrer Stellungnahme wenig Bereitschaft dazu. Auch deshalb, weil sie längst andere Pläne für das Schulgebäude der Johannes-Rabeler-Schule hegt, die aktuell 54 Schüler in den Klassen 6 bis 9 hat, während an der kreiseigenen Schule An der Schaperdrift rund 60 Kinder lernen. Schon Ende des Jahres sollen Mitarbeiter der Stadt aus dem Bereich „Soziale finanzielle Hilfen“ ihren Arbeitsplatz in einem Haus des Schulkomplexes bekommen. Der Rest soll später eigentlich von der Oberschule Am Wasserturm genutzt werden.

Stadtverwaltung hat längst andere Pläne fürs Gebäude

Wenn nun statt des Auslaufens beider Förderschulen im Stadtgebiet eine Schule doch länger laufen soll, „bedeutet dies eine komplette Kehrtwende der gegenwärtigen Situation“, heißt es in der Stellungnahme. Stadt und Kreis müssten sich abstimmen, vorher könne der Rat keine Entscheidung treffen – trotz der angemahnten Eile der Antragsteller. Die Verwaltung regt vielmehr an, zuerst mal den Bedarf zu ermitteln. Es gebe aber auch die Möglichkeit, befristet bis 2028 Lerngruppen mit Förderschulen an einer weiterführenden Schule einzurichten. Eine solche Lerngruppe pro Jahrgang an der Oberschule am Wasserturm – das hielte die Verwaltung für eine „sinnvolle Alternative“. Erste Gespräche dazu habe es mit den Schulleitungen bereits gegeben. Die Verwaltung kann sich deshalb nicht dazu durchringen, die Fortführung einer Förderschule vorzuschlagen.

Von Alexander Hempelmann

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