Sonntag , 27. September 2020
Eine Altenpflegerin beim Hausbesuch mit einer Patientin. Foto: Miriam Dörr

„. . . sonst gehen wir unter“

Lüneburg. Ralf Gremmel wählt ein Beispiel, das den „Irrsinn“ deutlich macht, den seine Mitarbeiterinnen und die anderer ambulanter Pflegedienste in Niedersachse n seit Jahren erleben: Eine ältere Dame wird zu Hause betreut, eine Arzthelferin kommt morgens vorbei, um ihr beim Duschen, Waschen und in die Kompressionsstrümpfe zu helfen. Danach verabreicht sie der Kundin ihre Medikamente. Dieselbe Mitarbeiterin darf der alten Dame die Strümpfe abends jedoch nicht wieder ausziehen, ihr auch nicht ihre Medizin geben. Dies ginge nur, wenn sie die Kundin erneut wäscht. Die Landesrahmenvereinbarung, die zwischen Leistungserbringern und Krankenkassen geschlossen wurde, verbietet es ihr. Sie darf bestimmte Pflegemaßnahmen nur in Kombination erbringen. In Hamburg dürfte die Arzthelferin bei einem Hausbesuch durchaus nur Medikamente verabreichen.

Die Pflegedienstleiterinnen Antje Wankelmuth (l.) und Kathrin Kielies kritisieren die enorme Arbeitslast. Foto: ap

In den Augen von Gremmel, Geschäftsführer des Paritätischen in Lüneburg, verschärft dieser Umstand den schon jetzt akuten Pflegenotstand, der zurzeit in den Medien diskutiert wird. Verschlimmert wird die Situation zusätzlich durch den allgemeinen Fachkräftemangel.

Gremmel, der wie Harald Kreft, Geschäftsführer des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB), eine sofortige Kündigung der bestehenden Vereinbarung und eine Neufassung fordert, erläutert die Folgen für die Praxis: „Beim Paritätischen sind sieben Arzthelferinnen beschäftigt, wir dürfen sie gar nicht in der Behandlungspflege einsetzen.“ Altenpflegerinnen müssten abends sämtliche Injektionen erbringen. Ausufernde Spätdienste und ein „extrem überbelastetes Fachpersonal“ seien die Folgen, auch die Unzufriedenheit der Kräfte nehme zu, die sich durch die Regelung herabqualifiziert fühlen.

Scharfe Kritik am Gesundheitsminister

Die Klagen laufen bei Pflegedienstleiterin Kathrin Kielies zusammen, die jetzt den ersten 15 Patienten kündigen musste. Sie beobachtet nicht nur frustrierte Mitarbeiter, sondern auch junge Angestellte, die Lüneburg unmittelbar nach ihrer Ausbildung verlassen. „Wir haben zudem immer wieder Langzeitkranke und große Probleme, Stellen nachzubesetzen. Es ist kaum noch Personal auf dem Markt zu finden.“

Während Harald Kreft glaubt, dass dies vor allem in den in der Rahmenvereinbarung niedergeschriebenen Arbeitsbedingungen begründet ist, glaubt Gremmel, dass das „natürlich auch mit dem demografischen Wandel zu tun hat“. Immer mehr Menschen kämen ins pflegebedürftige Alter, zudem hätten viele den Wunsch, so lange wie möglich im häuslichen Umfeld zu bleiben.

„Und wo sollen die Leute denn herkommen?“

Über den politischen Grundsatz, der die ambulante vor der stationären Pflege sieht, kann Gremmel inzwischen nur noch lachen. Er verweist auf die Ankündigung des Gesundheitsministers Jens Spahn, der die stationäre Pflege mit zusätzlichen 13.000 Stellen entlasten möchte. „Die ambulante Pflege taucht da gar nicht auf, das ist ein Witz. Und wo sollen die Leute denn herkommen?“ Mit etwas Sarkasmus erwähnt er auch das Idealbild der sogenannten Bezugspflege, die vorsieht, dass ein Kunde stets von derselben Person betreut wird. „Das ist die Theorie, in der Praxis ist es so, dass Mitarbeiterinnen auch mal plötzlich krank werden oder kündigen.“ Mit Verweis auf den gesetzlichen Versorgungsauftrag sagt Gremmel, dass ein Pflegedienst eben nicht die Möglichkeit hätte, den Laden im Notfall zu schließen.

Während der Paritätische für die bevorstehende Urlaubszeit auf externe Kräfte von Zeitarbeitsfirmen zurückgreift, um die Arbeit zu bewältigen, musste der ASB bislang noch keinen Vertrag beenden. Pflegedienstleiterin Antje Wankelmuth schließt das aber nicht aus. „Das kann jeden Tag passieren.“ Auf einer Mitarbeiterbesprechung hätte sie kürzlich erst an ihr Team appelliert, dass es derzeit nur zwei Möglichkeiten gebe: dass jeder Einzelne noch mehr arbeitet, oder dass manche sich bereiterklären, von ihrem Urlaub zurückzutreten. „Das ist tödlich. Es muss ganz dringend etwas passieren, sonst gehen wir unter.“

Ohne Bewegung gibt es nur noch Verlierer

Dass das Personal nicht dauerhaft zu viel Mehrarbeit leisten muss, darauf habe zu Recht der Betriebsrat ein Auge, macht Gremmel deutlich. „Wir strapazieren unsere Mitarbeiterinnen über die Maßen – ein unheilvoller Kreislauf.“

Neue Kunden könne seine Organisation derzeit nicht mehr aufnehmen, 60 Anfragen habe man allein bis Ende April ablehnen müssen. „Wir wissen natürlich, in welche Not wir die Menschen damit bringen“, sagt Gremmel, „doch wenn sich diejenigen, die daran etwas ändern könnten, nicht bewegen, ist das eine zunehmende Konsequenz, die am Ende die direkt Betroffenen erreicht.“ Um grundlegende Verbesserungen zu erzielen, müssten sich auch die Krankenkassen als Vertragspartner bewegen und sich nicht „immer wieder hinter betriebswirtschaftlichen Kennzahlen verstecken“. Doch Versuche des Paritätischen, mit der AOK auf Landesebene ins Gespräch zu kommen, seien bislang sogar schriftlich abgelehnt worden, sagt Gremmel mit Verweis auf eine E-Mail vom 27. Februar. „Es gibt so doch nur Verlierer.“ Dass durchaus andere Vereinbarungen möglich sind, beweist nicht nur der Blick nach Hamburg. In Sachsen-Anhalt und Brandenburg obliegt es den Pflegedienstleitungen, zu entscheiden, welches Personal welche Aufgaben übernehmen darf.

Von Anna Paarmann

Das sagt die AOK

Durchaus gesprächsbereit

„Es entbehrt jeglicher Grundlage, den Kassen mangelnde Gesprächsbereitschaft zu unterstellen“, sagt AOK-Pressesprecher Carsten Sievers zur LZ und schiebt den schwarzen Peter zur Gegenseite: „Seit etlichen Monaten bieten wir im Namen der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen den niedersächsischen Pflegefachverbänden Gespräche rund um eine dringend notwendige Weiterentwicklung der vertraglichen Regelungen an.“ Diese Angebote seien bisher ausgeschlagen, Gesprächstermine von den Verbänden sogar wieder abgesagt worden. „Wir können unseren Aufruf, sich nun endlich gemeinsam an einen Verhandlungstisch zu setzen, nur wiederholen.“ So würden sich die Herausforderungen in der Pflege nur gemeinsam bewältigen lassen. Auch betont Sievers, dass die bestehenden Verträge gemeinsam mit allen Pflegefachverbänden festgelegt worden seien, Konsens über die Inhalte und Vergütungen bestanden hätte. „Eine Weiterentwicklung der Regelungen ist jederzeit möglich.“