Montag , 28. September 2020
Noch hoffnungsfroh: Lore Hennig zusammen mit Wartenden am Flughafen. (Foto: privat)

Zurück nach Hause statt Urlaub

Lüneburg. Geschätzt 30 000 Passagiere saßen am Sonntag am Hamburger Flughafen Fuhlsbüttel fest, ein Kurzschluss hatte für einen Stromausfall und letztlich zur kompletten Schließung des Airports geführt. Zu den Gestrandeten gehören Lore Hennig und Rüdiger Spanholtz aus Lüneburg. Neun Stunden lang harrten sie hoffnungsfroh auf ihren gepackten Koffern am Flughafen aus, erst am späten Nachmittag war klar: Nichts geht mehr. Der LZ schildern sie die Situation vor Ort.

Der Urlaub war lange gebucht, es sollte an den kleinen Badeort Kusadasi an der türkischen Ägäisküste gehen. Ihr Flug XQ 915 mit der Fluggesellschaft Sun Express nach Izmir sollte in Hamburg um 10.50 Uhr starten, um 7.30 Uhr machten sich die beiden von Lüneburg mit dem Taxi auf den Weg nach Fuhlsbüttel. „Als wir ankamen, haben wir gleich eingecheckt und gingen zum Abflug-Gate“, erzählt Rüdiger Spanholtz am Tag danach. Als dort eine halbe Stunde später der Strom ausfiel – „es wurde plötzlich dunkel und auch leise, die Klimaanlage arbeitete nicht mehr“ –, dachten sich die beiden noch nichts dabei, „denn in einem anderen Bereich des Terminals war noch Licht“.

Informationen kamen nur häppchenweise

Gegen 10 Uhr dann eine erste Durchsage, berichtet Lore Hennig. Weil die Informationen aber nur „in Fragmenten“ durchgedrungen seien, erkundigten sie sich bei Mitreisenden, „einer meinte, wir müssen nach unten zur Gepäckausgabe“. Bemühungen, vom Flughafenpersonal Auskünfte zum Geschehen oder über den geplanten Flug zu bekommen, waren vergebens. „Unser Schalter war längst nicht mehr besetzt, überall waren Schlangen von Menschen, die auch Rat suchten, man kam kaum durch.“

Immer mehr Fluggäste strömten in die große Eingangshalle, „da war kaum noch ein Durchkommen“, berichtet Rüdiger Spanholtz. Neue Hoffnung keimte auf, als per Durchsage Passagiere nach Antalya und Mallorca zur Umbuchung an einen Schalter gebeten wurden. „Was mit uns geschieht, konnte uns keiner sagen.“

Suche nach einer Sitzgelegenheit

Schließlich eine erneute Durchsage, dieses Mal wurden die Fluggäste aufgefordert, das Terminal zu verlassen und nach draußen zu gehen. „Es hieß, es gebe einen technischen Defekt“, berichtet der 69-Jährige. Als dann mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten auftauchten und er draußen beobachtete, wie ein Organisations-Container der Feuerwehr aufgestellt wurde, „da war mir klar: Das kann länger dauern“. Panik habe es nicht gegeben, „alles verlief ruhig, an den Drehtüren gab es nur etwas Gedränge“. Die Vermutung, es könnte sich um einen terroristischen Anschlag handeln, sei bei ihm nur kurz aufgeflammt, „dagegen sprach, dass die Polizisten ruhig und entspannt wirkten“.

Inzwischen war es früher Nachmittag geworden. Vor dem Terminal hocken, sitzen oder liegen Tausende, „man versucht, irgendwo eine Sitzmöglichkeit zu finden“, erzählt Lore Hennig. Die 77-Jährige ist froh, einen Platz auf einem Bordstein ergattert zu haben. Versuche, bei herbeigeeilten Pressevertretern Näheres zu erfahren, liefen ins Leere, „die wussten zu dem Zeitpunkt auch noch nichts“. Immerhin: Überall sind Wasserflaschen verteilt worden, „das klappte gut“.

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16 Uhr. Noch immer Ungewissheit. „Wir haben uns schließlich auch gefragt, wie wollen die denn bloß die vielen Tausend Menschen wegbekommen, wenn es jetzt doch noch losgeht?“ Doch dazu sollte es nicht mehr kommen: „Gegen 16.30 Uhr hieß es: Heute kein Flugverkehr mehr.“ Also zurück nach Lüneburg. Wie aber jetzt an die Koffer kommen? „Zum Glück hat uns Personal durchgelassen“, sagt Lore Hennig. Während sie ihren Koffer am Band 3 entdeckte, war der von Rüdiger Spanholtz zwischen Band 6 und 7 gelandet, „reiner Zufall, dass ich den fand“.

Am Morgen liefen die Tränen

Mit der S-Bahn schnell zum Hauptbahnhof, um 18 Uhr dort dann erneutes Ungemach: „Der Metronom war ausgefallen.“ Also nach Harburg, von dort dann mit dem Zug nach Lüneburg, um 20.30 Uhr setzte sie das Taxi wieder vor ihrer Haustür ab. „Wir merkten erst am Abend, wie anstregend das alles war“, sagt Rüdiger Spanholtz. Das stundenlange Stehen waren beide nicht mehr gewohnt. Bei Lore Hennig liefen gestern Morgen die Tränen, „da war ich richtig fertig“.

Gestern Morgen wurde auch gleich mit dem Reiseveranstalter telefoniert, und der hatte auch mal eine gute Nachricht für sie: Noch am Abend sollte es wieder nach Kusadasi gehen, Abflug 20.25 Uhr ab Fuhlsbüttel – „wenn nichts dazwischenkommt“, sagt Lore Hennig. Und da huscht sogar schon wieder ein Lächeln über ihr Gesicht.

Von Ulf Stüwe