Montag , 19. Oktober 2020
Erika Karl und ihre Enkeltochter Amelie blicken auf die Rabbelaher Brücke. Im Juni 1998. Direkt am Gartenzaun lag der entgleiste ICE. Foto: ca

„Irgendwie funktioniert man eben“

Eschede. Als Erika Karl im Spätsommer vor 20 Jahren Laub unter der Eiche harkt, sind die Bilder wieder da. Am 3. Juni 1998 legten Feuerwehrleute hier die ersten Leichen ab, viele verstümmelt, die sie aus dem verunglückten ICE Wilhelm Conrad Röntgen bargen. „Sie wussten am Anfang nicht wohin“, erinnert sich die 71-Jährige. „Erst hieß es, 16 Tote. Dann 60, dann waren es 101.“ Das benachbarte Unternehmen Ulrich räumt seine Lagerhalle, nun bringen Helfer die Opfer dorthin. „Die ganze Straße stand später voller Leichenwagen.“ Eschede. Das Unglück ist 20 Jahre her. Auf der Terrasse von Erika Karl ist es an diesem Mittag ganz präsent. Sie wohnt direkt an der Unfallstelle, vor ihrem Gartenzaun türmten sich die Waggons nach dem größten Eisenbahnunglück der Nachkriegsgeschichte.

„Wir haben wahnsinniges Glück gehabt.“ Ihr Mann Dieter sei noch im Hühnerschuppen an der Bahnlinie gewesen, um Eier zu holen. „Wir wollten eine Markise anbringen und hatten uns für eine Pause zum Kaffeetrinken in die Küche gesetzt. Es war ein undefinierbares Geräusch, ein Riesenkrach. Erst saßen wir wie festgenagelt auf unseren Stühlen. Dann war da ein Klirren, wir haben vor die Tür der Terrasse geguckt. Was passiert war, konnten wir uns nicht vorstellen. Und dann sahen wir den Zug.“

Der Zug klappt zusammen wie ein Zollstock

Die Rebberlaher Brücke, benannt nach einem Ortsteil, ist eingestürzt. Die Rentnerin zeigt Bilder, die die Familie damals gemacht hat. Wie ein zusammengeklappter Zollstock stapeln sich Waggons. Zehn Meter hoch. Man spürt die Wucht, die entsteht, wenn ein Zug von 200 km/h auf null abgebremst wird.

„Mein Mann wollte mit einem Hammer ein Zugfenster einschlagen, es ging nicht“, erzählt Erika Karl. Es ist das Problem, das später auch Rettungskräfte haben: Sie kommen nicht an die Verletzten heran. „Zwei Männer kamen uns entgegen, sie waren befreit worden. Die saßen dann hier. Auf der Böschung lag eine Frau, wir haben eine Decke geholt. Wir wollten helfen.“
Es dauert, bis Feuerwehren und Rettungsdienste genug Kräfte vor Ort haben. „Ich habe in der ersten halben Stunde Infusionsflaschen gehalten.“ Die Karls stellen ihre Toilette zur Verfügung, ihr Telefon. Sie kochen Kaffee, verteilen Brause und kaltes Wasser. „Wir haben nicht nachgedacht. Wir haben nur funktioniert.“

Die Wiese hinter ihrem Haus wird zum Hubschrauberlandeplatz. Selbstverständlich lassen sie ihren Zaun aufschneiden, damit die Maschinen zu erreichen sind. Sie schweigt einen Moment. Es ist ein heißer Mittag, so wie vor zwanzig Jahren. Auf dem Tisch liegt ein dickes Fotoalbum des Grauens. Und der Hilfe. Aberhunderte Männer und Frauen von Feuerwehr, Rettungsdienst, Technischem Hilfswerk, Polizei, Bundeswehr. Das ganze Dorf hat geholfen.

„Auf der Böschung lag eine Frau, wir haben eine Decke geholt. Wir wollten helfen.“ – Erika Karl, Augenzeugin und Helferin

Es gibt die anderen. Erika Karl schüttelt den Kopf. „Können Sie sich das vorstellen? Da kommt einer über unser Grundstück, mit einer Kamera. Ich habe ihm gesagt, er solle gehen. Das wollte er nicht, er sei schließlich aus Hohne hierhergekommen.“ Katastrophentourismus ist kein neues Phänomen.

Erika Karl denkt lieber an das Mädchen. „Die ging nach dem Unglück auf dem Weg hin und her. Ich habe sie gefragt, ob sie sich hinlegen oder telefonieren möchte. Das wollte sie alles nicht. Sie stand unter Schock, wir haben später gehört, dass sie sich einen Halswirbel gebrochen hatte.“

Weitere Zeitzeugen berichten:

 

Wochen, Monate danach, kam das Mädchen wieder. Mit seiner Mutter. „Sie wollte sich bedanken. Mein Mann habe sie aus dem Zug geholt. Der wusste das gar nicht mehr. Man funktioniert eben.“

Den Jahrestag brauche sie nicht: „Da gehe ich arbeiten, oder ich mache hier alles zu.“ Sie denke ab und an daran. Sie habe nie überlegt wegzuziehen, auch nicht nach dem Tod ihres Mannes vor mehr als elf Jahren. „Wir haben hier Kraft und Geld reingesteckt, es ist seit 40 Jahren unser Zuhause.“ Vergessen sind die Bilder nicht. Das geht wohl nicht. Dann sagt sie: „Wissen Sie, die Züge höre ich gar nicht mehr. Nur manchmal, wenn ein unbekanntes Geräusch da ist, dann steigt mein Blutdruck.“

von Carlo Eggeling