Samstag , 24. Oktober 2020
Einen Schleier durfte sich Belana (r.) schon aussuchen. Christina Hollinde hat ihrer Tochter versprochen, dass sie an ihrem Geburtstag für mehrere Stunden einen Brautladen mietet, damit sie verschiedene Kleider anprobieren kann. Foto: t&w

Was ist schon normal?

Lüneburg. Zweieinhalb Jahre möchte Belana noch warten bis zu ihrer Hochzeit. In ihren Träumen hat sie sich den perfekten Tag schon ausgemalt. Sie weiß, wie ihr Angebeteter vor ihr knien, wie ihr Brautkleid aussehen soll. Einen Verlobungsring, einen silbernen mit kleinem Herzen, hat sie sich schon ausgeguckt. Der Schleier wartet längst in ihrem Zimmer darauf, ihren Kopf auf dem Weg zum Altar zu schmücken. Belana steht im Garten, auf der Rückseite eines Reihenhauses in einem Vorort von Buxtehude, ihrem Zuhause. Ihr Blick ist auf die große Fensterfront hinter der Terrasse gerichtet. Kritisch beäugt sie ihr Spiegelbild, zupft an ihrem lilafarbenen Shirt, zwirbelt ihr schulterlanges braunes Haar zwischen Daumen und Zeigefinger.

„Mein Mann muss größer sein als ich. Und sich pflegen“, sagt sie selbstbewusst. Da fällt ihr etwas ein, das sie unbedingt erzählen möchte. Der Tanz in den Mai, ihr erster Disco-Besuch. Ein verschmitzter Ausdruck huscht über das Gesicht der 16-Jährigen. „Das war sehr gut, wir haben getanzt, etwas getrunken.“ Stille. Belana schiebt ihr Becken nach links, stemmt die Hände in die Hüfte, überprüft die Pose in der gläsernen Fläche und erzählt weiter: „Zum Schluss habe ich einen Jungen gesehen, wir haben zusammen getanzt.“ Ihr Blick ist weiterhin auf die Fensterscheibe gerichtet. „Als wir uns hingesetzt haben, hat er mich angesehen und gesagt, dass er mich toll findet. Er heißt Danny.“

2007 kam mit der Diagnose Gewissheit

Elf Jahre ist es her, dass bei Belana atypischer Autismus diagnostiziert wurde. Christina Hollinde (49) erinnert sich noch gut an den Nikolaustag im Jahr 2007, der Tag, an dem sie endlich Gewissheit hatte. „Ich habe relativ früh gemerkt, dass mit meiner Tochter etwas nicht stimmt.“ So sprach Belana von sich selbst in der dritten Person. „Das hat sie als Siebenjährige noch gemacht.“ So etwas wie Small Talk gab es in ihrer Welt lange Zeit nicht, Fragen wurden fast ausschließlich mit einem breiten Grinsen beantwortet.

Sisco ist der einzige richtige Freund, den Belana abseits ihrer Klassenkameraden hat. Foto: t&w

Und da war noch eine andere Sache, von der sich Christina Hollinde sicher ist, dass sie so manchen irritiert hat: „Sie war schon immer von Hörspielen und kleinen Videoclips begeistert, konnte Sätze Wort für Wort wiedergeben.“ In Situationen, in denen Belana kommunizieren musste, zitierte sie aus einer Folge der „Sendung mit der Maus“ oder „Wissen macht Ah!“.

Dass Belana ein auditiver Mensch ist, stark auf Stimmen reagiert, das hatte ihre Mutter schnell herausgefunden. Selbst eine Einkaufsliste, die monoton und ruhig vorgelesen wurde, konnte ihr Kind beruhigen. Das „sehr gute Gedächtnis“ bescherte ihr jedoch nicht nur Bestnoten in der Grundschule. Hollinde nennt ein Beispiel: Für einen Test in Religion half sie Belana dabei, auswendig zu lernen, wann Martin Luther geboren wurde und gestorben ist. Auf die Frage „Von wann bis wann lebte er?“ war sie nicht vorbereitet, das Antwortfeld blieb leer. Danach war klar: Ohne eine Schul­assistentin, die Belana während des Unterrichts betreut, geht es nicht.

„Ich habe relativ früh gemerkt, dass mit meiner Tochter etwas nicht stimmt.“ – Christina Hollinde

Bergauf ging es für Mutter und Tochter erst als sie im Hamburger Autismus-Institut und später in der Außenstelle in Lüneburg vorstellig wurden. Ein Meilenstein auf einem Weg, der Jahre dauerte und Christina Hollinde so manches Mal das Gefühl gab, ihr Kind wie ein „Zootier“ bei Ärzten vorzuführen. „Wir waren überall. In Teilen habe ich mich wirklich verraten und verkauft gefühlt.“

Den ersten richtigen Hinweis gab ihr ausgerechnet ein Arzt, den sie heute als „Quacksalber“ bezeichnet. „Er wollte mit Belana einen Test machen und mir nicht sagen, worum es geht.“ Beim Verlassen der Praxis habe er ihr hinterhergerufen, dass ihre Tochter autistische Züge aufweisen würde, sie spätestens in ein, zwei Jahren den Kontakt zu ihr verloren hätte. In diese Richtung hatte weder Hollinde noch einer der anderen Mediziner bis dato gedacht.

Danach ging alles relativ schnell. Die Psychiatrie stellte die Diagnose, die daraufhin im Autismus-Institut endgültig bestätigt wurde. Atypischer Autismus – eine Bezeichnung, die verwendet wird, wenn das Verhaltensmuster einer Person zwar ins Autismus-Spektrum passt, aber nicht alle Kriterien für eine andere Diagnose erfüllt werden. So startete Belana 2007 eine Therapie, zuletzt war sie im Fe­bruar im Therapiezentrum an der Lessingstraße in Lüneburg.

Schon immer Kontakt zu Menschen gesucht

„Es ist unglaublich, was sie in zehn Jahren Therapie geleistet hat.“ Dabei sei der Wunsch, mit Menschen zu interagieren, bei ihrer Tochter immer vorhanden gewesen – im Gegensatz zu vielen anderen Autisten. „Nur das Ablesen und Erkennen, was das Gegenüber von einem möchte, das war ein langer Prozess.“ Die Behandlungen, die zeitweise einmal wöchentlich, später unregelmäßiger stattgefunden haben, förderten manche Erkenntnis zu Tage. Beispielsweise die, dass Belana fast über ein absolutes Gehört verfügt.

Sie musste lernen, wie sie einen Tunnel aufbaut, um das Drumherum auszublenden. Hollinde erzählt, dass das S-Bahn-Fahren lange Zeit eine Qual gewesen sei. „Sie hat 45 Minuten lang auf den Boden gestarrt oder versucht, sich auf die Haltestellen-Ansagen zu konzentrieren.“ Belana durfte in der Zeit nicht berührt werden, musste allein auf einer Bank sitzen. „Per Handsignal habe ich ihr dann mitgeteilt, dass wir aussteigen müssen.“ Wie ihre Tochter Momente der Reizüberflutung äußert? „Sie war nie ein Schreimensch.“ Dafür wirke sie extrem unruhig, „irgendwie innerlich zerrissen“.

Hätte jemand vor zehn Jahren zu ihr gesagt, dass ihre Tochter eines Tages allein zum Einkaufen fahren oder allein zu Hause bleiben würde, wäre sie vermutlich vor Unglauben in Tränen ausgebrochen. Denn lange Zeit war das Mutterdasein ein Vollzeit-Job, 24 Stunden lang, sieben Tage die Woche. Sie musste ihren Beruf aufgeben, all die Jahre allein für Belana sorgen. Erst vor drei Jahren konnte Hollinde als Business-Coach und PR-Beraterin wieder voll einsteigen.

Inzwischen verläuft alles in geregelten Bahnen, eben so wie bei jeder anderen Heranwachsenden auch: So hat sich Belana nach der Oberschule für den Bereich Hauswirtschaft an der Berufsbildenden Schule entschieden. „Kochen und Anrichten ist voll ihr Ding.“ Zurzeit absolviert sie ein Praktikum bei der Lebenshilfe, fährt täglich mit dem Bus dorthin. Und später möchte sie Restaurantfachfrau werden. All das hatte sich Hollinde für ihre Tochter vor der Diagnose ausgemalt. Inzwischen weiß sie: „Es ist immer alles möglich, nichts ist in Stein gemeißelt.“ Es sei wichtig, sich nicht von der Krankheit Autismus „ins Boxhorn jagen zu lassen“, sondern zu kämpfen.

Das hat auch Belana getan, die schon längst Zukunftspläne geschmiedet hat, seit Jahren Hochzeitssendungen schaut. Sie verabschiedet sich vor der Haustür. Es ist Zeit für den täglichen Spaziergang mit ihrem besten Freund. „Ich gehe mit Sisko zum Acker“, teilt sie ihrer Mutter mit und deutet auf den Australian Cattle Dog, der bereits schwanzwedelnd neben ihr steht. Als das Duo bereits einige Meter zurückgelegt hat, dreht sich Belana nochmal um. Ihre Augen glänzen, ihre Wangen sind leicht errötet. „Übrigens: Danny und ich haben nicht nur getanzt, wir haben uns auch geküsst.“

Vortrag

Axel Brauns spricht über Autismus

Wie das Nein bei Autisten vermieden werden kann und was für Belohnungssysteme es gibt, darüber spricht Axel Brauns am Mittwoch, 6. Juni, ab 14 Uhr in der Fachschule Sozialpädagogik der BBS, Oedemer Weg 94 a. Der Filmemacher und Buchautor lebt mit der Diagnose Autismus. 2002 hat er sein autobiografisches Werk „Buntschatten und Fledermäuse – Leben in einer anderen Welt“ veröffentlicht. Der Vortrag in der Mensa ist öffentlich, im Anschluss ist Zeit für Fragen und eine Diskussion. Der Eintritt kostet 4 Euro.

von Anna Paarmann