Sonntag , 27. September 2020
Die möglichen Baugebiete für Wohnen und Gewerbe im Westen Lüneburgs. (Grafik: Kleinebrahm)

Ringen um den Grüngürtel

Lüneburg. Einem 3D-Campus, den die Stadt Lüneburg, die Gemeinde Reppenstedt und die Uni um das Hamburger Unternehmen Bionic Production AG am Uni-Standort Volgershall entwickeln möchten, stehen alle Ratsfraktionen positiv gegenüber. Knackpunkte sind aber die von der Verwaltung Lüneburgs in den Ring geworfenen Pläne für Wohnen und Gewerbe im Westen der Stadt, die sowohl auf Stadtgebiet als auch auf Reppenstedter Areal umgesetzt werden sollen.

Start vor vier Jahren

Die Initiative zum Grüngürtel-West hatte 2014 die damalige rot-grüne Mehrheitsgruppe ergriffen. Sie plädierte dafür, dass im Westen der Stadt zugunsten eines Grüngürtels keine neuen Baugebiete mehr erschlossen werden sollen. Der entsprechende Antrag der Gruppe wurde im Oktober beschlossen.

Die jetzigen Planungen würden dem Ratsbeschluss widersprechen, sagt Andreas Meihsies, ehemaliger Fraktionsvorsitzender der Grünen. „Das prägnanteste Zitat aus der damaligen Ratsdebatte lieferte der SPD-Fraktionschef Klaus-Dieter Salewski: „Die Grenzen des Wachstums sind im Westen erreicht.“ Doch nun komme es anders.

Durch die Bebauung werde der Grüngürtel-West eingeengt, machte Ulrich Löb (Grüne) am Montag im Bauausschuss deutlich. Alle Beschlusslagen zu dem Grüngürtel müssten berücksichtigt werden. Deshalb stellte die Jamaika-Gruppe einen Änderungsantrag zur Beschlussvorlage der Verwaltung.

3D-Campus in Volgershall

Oberbürgermeister Ulrich Mädge warb für das innovative 3D-Campus-Projekt, das vom Wirtschaftsministerium unterstützt werde mit dem Hinweis, dass weitere Unternehmen Platz zur Ansiedlung hätten und Wohnen im Umfeld für deren Mitarbeiter möglich sein soll. Deshalb habe man dafür Pläne entwickelt. Interkommunal mit Reppenstedt sollen diese nun umgesetzt werden und gleichzeitig der Grüngürtel-West, der auf Höhe von Jüttkenmoor durch Reppenstedter Gebiet auf einer Breite von 200 Metern unterbrochen wird, gesichert werden.

Auf der insgesamt 20 Hektar großen Fläche sollen drei Baugebiete entstehen. (Grafik: Kleinebrahm)
Stadtbaurätin Heike Gundermann erläuterte, dass entlang des Kalkbruchsees ein Baugebiet entstehen soll, ein weiteres entlang der L216 auf Lüneburger Boden, das von Kreisverkehren erschlossen werden soll. Auf Reppenstedter Seite sei eine neun Hektar große Wohnbaufläche geplant. Die Baugebiete sollen von einem Netz von Grünzügen durchzogen werden, alle weitestgehend autofrei geplant werden. Gundermann stellte auch dar, dass ein Großteil des Grüngürtels-West schon unter anderem durch vorhandene Waldgebiete sowie Landschaftsschutz-, Naturschutz- und Fauna-Flora-Habitat-Gebiete bereits gesichert sei. Es gebe lediglich eine 200 Meter breite Lücke, die sich auf dem Areal von Reppenstedt befinde. Durch eine Vereinbarung von Lüneburg und Reppenstedt solle dieser Korridor gesichert werden.

Mädge appellierte, dass man an den Startpunkt kommen müsse. Der Standort sei ideal, weil die Uni dort bleiben wolle. Deshalb brauche man nun die Zustimmung von der Politik dazu, dass die Planungen mit Reppenstedt, der Samtgemeinde Gellersen, dem Landkreis und der Uni weiterentwickelt werden. Gemeinsam solle ein Planungsbüro gesucht werden, so die Beschlussvorlage. Die Auswahl dessen sei dann dem Bauausschuss vorzulegen und einen Auftrag müsse der Verwaltungsausschuss beschließen.

Flaschenhals von 200 Metern

Birte Schellmann (FDP) intervenierte: „Wir waren nie begeistert, dass der Grüngürtel in Höhe von Reppenstedt nur 200 Meter breit sein soll. Könnte man nicht über einen Flächenaustausch mit Reppenstedt verhandeln?“ Mädge erläuterte, dass man nach einigem Hin und Her mit Reppenstedt zu dem Ergebnis gekommen sei, Wohngebiete gemeinsam zu entwickeln – inklusive des Kompromisses, dass auch der Grüngürtel auf Reppenstedter Areal über einen Bebauungsplan oder eine vertragliche Vereinbarung gesichert werde.

Appell des Nabu-Chefs

„Machen Sie sich nicht zum Totengräber des Grüngürtels-West, ermöglichen Sie keinen Einstieg in die Bebauung des Westens.“ Diesen Appell richtete Nabu-Vorsitzender Thomas Mitschke an die Ausschussmitglieder. In einem Schreiben erläuterte er, wie wichtig die Flächen für die Kaltluftproduktion und damit fürs Stadtklima seien.

Auch würden die geplanten Baugebiete für mehr Verkehr sorgen. Die Verwaltung gehe mit keinem Wort auf den Landschaftsrahmenplan ein, der den Schutz und die Entwicklung von klimaökologisch bedeutsamen Flächen sowie regionaler Erholungsräume wolle. „Der schließt hier eine Bebauung aus.“

Wolf von Nordheim (Grüne) verwies darauf, dass es laut Beschluss von 2014 zum Grüngürtel-West um 750 Meter gegangen sei. Die 200-Meter-Marke sei 2016 beim Zwischenbericht der Verwaltung zum Stand der Sicherung des Grüngürtels ins Spiel gebracht worden, dafür habe es nie eine Beschlussfassung gegeben. „Wir brauchen mehr Zeit zur Klärung. Deshalb lautet unser Änderungsantrag, dass die Verwaltung intern weiter planen kann, aber keine externen Aufträge vergeben darf.“

Mädge hielt dagegen, dass man akzeptieren müsse, „wenn Reppenstedt nur 200 Meter einräumt“. Aus Sicht von Stefan Minks (SPD) biete sich so immerhin die Chance, die Lücke des Grüngürtels an dieser Stelle zu schließen. 750 Meter seien nie gesetzt gewesen. „Es geht doch hier und jetzt auch nur um die Zustimmung für weitere Planungen.“

Lisa Apking (Linke) kritisierte, dass es um Bebauungspläne gehe, obwohl die Sicherung des Grüngürtels noch nicht abgeschlossen sei. Auch ein Klimagutachten liege noch nicht vor. Und sie verwies auf eine Stellungnahme des Nabu, der die Politik eindringlich gewarnt hatte, nicht einer Bebauung des Westens zuzustimmen, weil der Grüngürtel wichtig sei fürs Stadtklima und als Erholungsraum für die Bürger.

Kombi aus Technik, Wohnen und Arbeit

Klaus-Dieter Salewski (SPD) begrüßte die Kombi aus Zukunftstechnik, Wohnen und Arbeit. Er sehe keinen Zielkonflikt mit dem Grüngürtel. Die Jamaika-Gruppe solle klar sagen, ob sie das Projekt wolle oder nicht. Wolf von Nordheim stellte noch einmal klar: „Wir begrüßen die Initiative 3D-Campus, aber die Beschlüsse zum Grüngürtel müssen berücksichtigt werden.“
Der Ausschussvorsitzende Eberhard Manzke (CDU) wandte sich schließlich an seine Kollegen der Jamaika-Gruppe. Als er den Änderungsantrag mit ihnen diskutiert habe, hätte er die Beschlusslage der Verwaltung gar nicht vor Augen gehabt. Die decke sich eins zu eins mit dem Änderungsantrag, beides habe im Prinzip die gleiche Intension. Und es würden keine externen Aufträge vergeben.

Also solle man doch beides abstimmen, wie ihm Mädge gerade vorgeschlagen habe. Der Ausschuss folgte dem mehrheitlich bei einer Gegenstimme von den Linken.

Von Antje Schäfer