Montag , 28. September 2020
Ute Quante (r.) gehört zum Autoren-Team, das das Kochbuch „Lieblingsküche“ zusammengestellt hat. Begleitet wurden die Hobbyköche dabei von der Ernährungswissenschafterin Dr. Petra Goergens. (Foto: t&w)

Viel Leben zwischen den Schüben

Lüneburg. Immer in Bewegung und sportlich aktiv sein, das war für Ute Quante von Jugend an wichtig. Doch dann zog ihr vor 24 Jahren eine Erkrankung sozusagen ­vorübergehend die Beine weg. Die Leichtathletin hatte an Bezirksmeisterschaften teilgenommen, am Tag darauf stellte sich ein Taubheitsgefühl im Bauch und den Beinen ein. Es war der erste Schub ihrer Multiple-Sklerose-Erkrankung. Anlässlich des Welt-MS-Tages am Mittwoch, 30. Mai, wird bundesweit rund um die Erkrankung informiert. In Lüneburg lädt die Beratungsstelle der Deutschen Multiplen Sklerose Gesellschaft (DMSG) an einen Stand von 10 bis 15 Uhr vor Karstadt ein. Unter dem Motto „Menü der Möglichkeiten“ wird dort auch das Kochbuch „Lieblingsküche“ präsentiert, das von acht Erkrankten zusammengestellt wurde. Ute Quante ist eine der Autoren.

„Wenn es mir besser ging, habe ich auch loslassen und die Erkrankung hinter mir lassen können.“
Ute Quante

Damals, 1994, sei das Laufen innerhalb eines Tages für sie immer schwieriger geworden, berichtet die heute 55-Jährige. Erst dachte sie, dass ein Orthopäde oder ihre Gynäkologin ihr weiterhelfen könnten. Doch die Gynäkologin verwies sie an einen Neurologen. „Der stellte in den Raum, es könnte MS sein, überwies mich zur umfangreichen ­Diagnostik in die Klinik.“ Aber auch dort ließ man offen, ob es sich wirklich um MS handelt. Eine endgültige Diagnose sei erst möglich, wenn der nächste Schub auftrete. Ute Quante wurde mit Cortison behandelt, nach zirka acht Wochen war das Taubheitsgefühl wieder weg.

Familie war mehr beunruhigt als sie selbst

Multiple Sklerose ist in Mitteleuropa die häufigste chronisch-entzündliche Erkrankung des Zentralnervensystems und ist bis heute unheilbar. Frauen sind ungefähr doppelt so häufig betroffen wie Männer, das typische Erkrankungsalter liegt zwischen 20 und 40 Jahren. MS tritt in Schüben auf. Da die Symptome vielfältig sind, gilt MS als die „Krankheit mit den vielen Gesichtern“.

Damals, 1994, sei ihre Familie mehr beunruhigt gewesen als sie selbst, erinnert sich Ute Quante. An Tagen, an denen es ihr schlecht gegangen sei, habe sie sich der Situation angepasst. „Wenn es mir besser ging, habe ich auch loslassen und die Erkrankung hinter mir lassen können.“ Was pragmatisch klingt, steht auch für die positive Lebenseinstellung der Wendisch Evernerin. Dass sie sich diese bewahren konnte, erklärt sie damit, „dass ich nach dem ersten Schub nach einigen Wochen wieder laufen konnte. Dieses Erlebnis trägt mich bis heute“.

Aber sicher war es auch die familiäre Situation, die sie getragen und immer liebevoll begleitet hat. Drei Kinder hat sie groß gezogen, mit ihnen und ihrem Mann immer ein gutes Team gebildet, wie sie sagt.

„Die ‚Jalousie‘ ging nach und nach wieder auf“

Es vergehen vier Jahre bis zum nächsten Schub. Eines morgens beim Waldspaziergang mit dem Hund sieht sie plötzlich Doppelbilder. Erneut folgt eine Behandlung mit Cortison, diesmal ambulant, „weil ich so zu Hause bleiben konnte“. Es folgten weitere Schübe, mit denen Ute Quante in der ihr eigenen Art – es zuzulassen und dann wieder abgeben – umging. Sie nennt es „Selbstmanagement“, wirkt während des Gesprächs in ihrem Wohnzimmer sitzend in sich ruhend. Auch als sie von dem Schub erzählt, der sie 2006 traf. Ein halbes Jahr kann sie nicht sehen. „Du wachst jeden Morgen auf, und Du siehst nichts. Cortison half nicht, es hieß, ich wäre austherapiert.“ Dass sie in dieser Phase nicht verzweifelt ist, umschreibt sie so: „Ich habe mich auf mich konzentriert, an mir festgehalten.“ Denn in den Jahren zuvor habe sie immer wieder erlebt, dass zwischen den Schüben auch ganz viel Leben war. Nach einem halben Jahr sei die „Jalousie“ nach und nach wieder aufgegangen.

Danach sei sie bewusster mit ihrer Erkrankung umgangen, habe diese auch im privaten wie auch beruflichen Umfeld öffentlicher gemacht. Sie nahm ihre Arbeit im Verein „Bewegung“ e.V., wo die Sonderpädagogin Psychomotorisches Turnen leitet, wieder auf. Das Leben ging weiter. Und Ute Quante entschied sich, Mitglied in der Kontaktgruppe der DMSG zu werden. „Es ist wichtig, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen und sich zu unterstützen. Da die Erkrankung jeden unterschiedlich trifft, ist die gegenseitige Toleranz sowie das Verstehen groß.“

Jeder Schub sei eine Herausforderung, weil der Betroffene nie weiß, wie lange er dauert, wann und ob er endet. Persönliche oder berufliche Ziele müssen manchmal geändert oder gar gestrichen werden. Rückhalt durch die Gruppe wie auch Beratung durch die DMSG fangen da auf.

Trotz ihrer Erkrankung ist die Wendisch Evernerin wieder in Bewegung. Bei dem von der DMSG initiierten „Run for help“ engagiert sie sich nicht nur als Helferin, sondern walkt auch die Fünf-Kilometer-Tour bei der Veranstaltung in Winsen mit. „Wenn ich dann junge Sportler sehe, die teilnehmen, geht mir das Herz auf“, sagt sie mit einem Lächeln.

Weitere Informationen zur DMSG-Kontaktgruppe Lüneburg auf www.dmsg-kg-lueneburg.de

Lust auf Leckeres

Die Idee zu dem Kochbuch „Lieblingsküche“ hatten Waltraut Heus, Leiterin der DMSG-Beratungsstelle Winsen/Lüneburg, und die Ernährungswissenschaftlerin Dr. Petra Goergens. Acht an MS-erkrankte, darunter Ute Quante, haben 70 Rezepte zusammengetragen und ausprobiert. Die Gerichte sind einfach zuzubereiten, es gibt Variationsmöglichkeiten sowie Tipps und Informationen zu Zutaten. Das Buch soll Lust auf Kochen und Genießen machen, ist für Anfänger wie Fortgeschrittene geeignet. Viele Gerichte setzen auf pflanzliche Produkte, aber ein deftiger Sauerkraut-Bockwurst-Eintopf fehlt auch nicht.

Die erste Auflage von 1000 Exemplaren ist inzwischen fast vergriffen, „nun wird es eine zweite geben“, sagt Waltraut Heus. Erhältlich ist das Kochbuch gegen eine Spende am Info-Stand vor Karstadt oder auf Anfrage unter (04171) 62924.

Von Antje Schäfer