Dienstag , 29. September 2020
Die Kreuzung Vor dem Neuen Tore/Schnellenberger Weg/Dörnbergstraße im Westen der Stadt wird in Stoßzeiten zum Nadelöhr. (Foto: be)

Neue Debatte um die Westumfahrung Lüneburgs

Lüneburg. Seit Jahrzehnten blicken Politiker aus Lüneburger Stadtrat und Kreistag immer wieder mal gen Westen, wenn es darum geht, wie der zunehmende Verkehr gelenkt werden könnte. Gutachten wurden erstellt, Trassen diskutiert und konfliktarme Korridore für eine Westumgehung gesucht. Das spaltete nicht nur Fraktionen in Stadtrat und Kreistag, sondern stieß auch bei den an Lüneburg angrenzenden Gemeinden auf wenig Gegenliebe. Im Endeffekt wurden Überlegungen immer wieder zu den Akten gelegt. Jetzt macht die CDU-Fraktion im Stadtrat einen neuen Vorstoß.

In einem Antrag zur nächsten Ratssitzung am Mittwoch, 30. Mai, plädiert die CDU dafür, die Verwaltung solle in Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden und dem Landkreis Lüneburg ein Konzept entwickeln, wie der ständig zunehmende Verkehr im Westen der Stadt abfließen kann. Das erarbeitete Konzept sei in einer gemeinsamen Sitzung des Bau- und Verkehrsausschusses vorzustellen.

Westumfahrung „von Nachteil für Stadt und Landkreis“

Zur Begründung ihres Antrages erläutert die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Christel John: „In den vergangenen Jahren sind neue Wohngebiete sowie Infrastrukturprojekte im Westen der Stadt realisiert worden. Alle weiteren städtebaulichen Entwicklungen, beispielsweise Wohnbebauung in Wienebüttel, Vögelsen und Reppenstedt, spielen bei künftigen Planungen eine große Rolle. Es ist auf Dauer von Nachteil für die gesamte Hansestadt Lüneburg und den Landkreis Lüneburg, wenn sich der Verkehrsfluss aus dem Westen der Stadt und dem Westen des Landkreises seinen Weg durch die Innenstadt Lüneburgs als Zubringer bahnt.“

Der vorhandene Kreisel am Wienebütteler Weg und die angrenzenden Straßen werden aus Sicht von John den zukünftig zu erwartenden Verkehr kaum aufnehmen können, genauso wie weitere Verkehrsknotenpunkte in der Innenstadt. „Bereits heute suchen sich viele Autofahrer Schleichwege durch die innerstädtischen Wohngebiete, um im Norden oder Süden die Autobahn beziehungsweise die Bundesstraße zu erreichen.“

Gemischte Reaktionen in Reppenstedt und Bardowick

Und die Politikerin erinnert an die Aussagen des Gutachters Thomas Müller beim Info-Abend zum geplanten Neubaugebiet Am Wienebütteler Weg. Laut Messungen vom 29. September 2017 wurde am Knotenpunkt Brockwinkler Weg/Wienebütteler Weg eine Gesamtbelastung von mehr als 7300 Fahrzeugen pro Tag festgestellt, davon 5500 aus Richtung Vögelsen. Und der motorisierte Individualverkehr werde zunehmen – durch Neubaugebiete auf Lüneburger Terrain sowie in westlich angrenzenden Gemeinden, weil eben nicht jeder auf Rad und Bus umsteigen will oder kann, ist Christel John überzeugt. „Deshalb erachten wir es als essenziell im Rahmen einer nachhaltigen Verkehrsentwicklung, sich konzeptionell in Zusammenarbeit mit den Gemeinden und dem Kreis diesem Thema zu widmen.“

Die ersten Reaktionen, etwa aus Reppenstedt sowie Bardowick, sind derweil gemischt. Sie reichen von offener Gesprächsbereitschaft bis hin zu ersten Beißreflexen, aus Angst, die Stadt könnte eine neue Westumfahrung quer durch die Dörfer diktieren wollen.

Spätestens seitdem Lüneburgs Oberbürgermeister Ulrich Mädge (SPD) auch die Reppenstedter mit seinen Vorschlägen zu einem baulichen Zusammenwachsen und dem geplanten 3D-Campus überrascht hat, sind Kommunalpolitiker vor den Stadtgrenzen in Habachtstellung, was Lüneburger Stadtratspolitiker wohl als nächstes ausbrüten. Ins Bild passen da die Überlegungen in der CDU-Stadtratsfraktion, die auf eine verkehrliche Entlastung der Lüneburger Weststadt aus sind. Die Krux: Die immer wieder diskutierte Trasse für eine Westumfahrung ist in der alten Form nicht mehr möglich, nachdem auch Stadtteile wie Oedeme weiter in die Fläche gegangen sind.

Luhmann für Westumfahrung auf Stadtgebiet

Gleichwohl: „Sich mit den Verkehrsproblemen im Westen der Stadt Lüneburg und den betroffenen Nachbargemeinden, unter anderem Reppenstedt, zu befassen, ist nicht nur eine vernünftige Überlegung, sondern ein unbedingtes Erfordernis“, sagt Reppenstedts Gemeindebürgermeister Peter Bergen (CDU). Er fordert „ein weiträumiges Verkehrsgutachten, das die Belange aller Betroffenen berücksichtigt und zufrieden- stellt“. Aber: „Das wird schwierig genug. Erst recht, sollte Lüneburg die Vorstellung verwirklichen, sich in Richtung Reppenstedt auszudehnen. Eine Vision, die ich mir ohne eine intelligente Verkehrslösung nicht vorstellen kann.“

Bei anderen Parteifreunden in der Nachbarschaft wird mehr Zurückhaltung deutlich. Bardowicks Samtgemeindebürgermeister Heiner Luhmann (CDU) sagt: „Gegen eine Westumfahrung habe ich nichts einzuwenden, solange sie auf dem Stadtgebiet platziert wird. Ich denke an eine Einbeziehung des Ochtmisser Kirchsteigs und die alte Trasse der Buchholzer Bahn, so- dass unmittelbar an der A 39, Auffahrt Lüneburg-Nord, angeschlossen werden kann.“

„Bardowick zahlt bereits für gute Verkehrsanbindung“

Derweil hat sich die CDU-Kreistagsfraktion noch nicht darüber ausgetauscht, aber deren Vorsitzender Günter Dubber hat eine klare Meinung. Er war früher Verwaltungschef in Bardowick und entschiedener Gegner einer neuen Schnellstraße im Westen: „Meine persönliche Haltung dazu hat sich auch als Kreistagsmitglied nicht geändert. Eine zusätzliche Schnellstraße auf dem Gebiet der Samtgemeinde Bardowick sehe ich sehr kritisch, weil hier schon erhebliche Belastungen durch Autobahn, B 404 sowie dreigleisige Bahnstrecke vorhanden sind. Auch wenn die exzellente Anbindung durchaus Vorteile hat: Die Samtgemeinde bezahlt mit Lärm und hohem Verkehrsaufkommen für die gute Verbindung des Kreisgebietes mit Hamburg.“

Davon abgesehen sei ein Konzept für den zunehmenden Verkehr im Westen der Stadt durchaus sinnvoll und geboten, „wenn alle betroffenen Kommunen eingebunden werden“.

Von Antje Schäfer und Dennis Thomas