Freitag , 7. August 2020
Wendelin Schmücker schaffte in einer Transportbox zwei Schafskadaver vor das Bundesumweltministerium. (Foto: Schmücker)

20 Schafe nach Angriff tot

Mechtersen/Winsen. Der Besuch in Berlin war geplant, die toten Tiere nicht: Zwei Schafskadaver packte Wendelin Schmücker in eine Transportbox und demonstrierte damit gestern spontan vor dem Bundesumweltministerium in der Hauptstadt. Dabei spannte er mit anderen ein Transparent auf mit der Aufschrift: „Der Wolf frisst kein Gras“. Ursprünglich wollte der Winsener Berufsschäfer Schmücker nur mit Bundestagesabgeordneten das Gespräch über den Herdenschutz suchen. Doch am vergangenen Freitag wurde seine 102-köpfige Schafsherde in der Feldmark zwischen Mechtersen und Radbruch vermutlich Opfer eines Wolfsangriffs. Drei Tiere hatte Schmücker tot aufgefunden, 17 weitere mussten infolge der schweren Verletzungen vom Tierarzt eingeschläfert werden. Brisanz hatte die Begegnung mit dem zuständigen Wolfsberater, der den Schaden aufnahm.

Schmücker ist Sprecher der Berufsschäfer in der Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände, er gilt als einer der härtesten Wolfskritiker in der Region. Er hatte sich schon früh für einen Abschuss von Wölfen ausgesprochen. Da zeigte er sich nun wenig begeistert, als er beim Kreis Lüneburg einen Wolfsberater anforderte, um die angefallenen Schafe zu begutachten, und Uwe Martens den Einsatz übernahm. Martens ist Vorstandsmitglied des Freundeskreises freilebender Wölfe e.V. und stand Schmücker schon oft bei Diskussionsrunden gegenüber. Jetzt waren beide um Sachlichkeit bemüht.

Laut Schmücker habe er zunächst nur noch zehn seiner 102 deutschen schwarzköpfigen Fleischschafe auf der Weide vorgefunden. „Eines war tot, die anderen schwer verletzt.“ Der 90 Zentimeter hohe Elektrozaun war teilweise niedergetrampelt. Den Rest der Herde fand er rund 300 Meter entfernt in einem Waldstück. „Dort waren zwei weitere tote Tiere und noch mehr verletzte. Und ein Schaf ist verschollen.“ Er alarmierte den Tierarzt, der 17 Schafe einschläferte. Mindestens eines war beispielsweise derart schwer verletzt, dass die Innereien zu den Flanken aus dem Körper traten.

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Während Schmücker überzeugt ist, dass ein Wolf seine Schafe massakriert hat, zeigt sich Wolfsberater Martens reserviert: „Das waren sehr ungewöhnliche Risse. Wenn es ein Wolf war, war es kein erfahrenes Tier.“ Denn es seien allenfalls Spuren von versuchten Kehlbissen zu sehen gewesen. Martens: „Ich bin selber gespannt, was die Bewertung des Wolfsbüros ergibt.“ Das dürfte erfahrungsgemäß etwas dauern.

„Wir werden das gesammelte Probenmaterial an das Senckenberg-Insitut schicken und eine DNA-Analyse veranlassen“, sagt Bettina Döhr, Sprecherin des Wolfsbüros beim Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz in Hannover. „Außerdem werten wir das Protokoll des Wolfsberaters und die Fotodokumentation aus, damit unsere Veterinäre eine amtliche Feststellung machen können.“

Unterhalt der Hunde kostet 2500 Euro pro Jahr

Aus der Warte des Wolfsfreunds sagt Martens über Schmückers Herde: „Der Grundschutz war da. Natürlich könnte man noch mit Herdenschutzhunden arbeiten.“ Ein Thema, weshalb Schmücker gestern in Berlin war. Der Berufsschäfer sagt: „Wenn ich für jeden meiner Standorte zwei Herdenschutzhunde einsetzen will, brauche ich davon zwölf Stück.“ Nicht nur, dass der Unterhalt dieser Hunde rund 2500 Euro pro Jahr koste, „ich müsste auch noch eine Person einstellen, die sich um die Bedürfnisse der Hunde kümmert. Das kann ich mir aber betriebswirtschaftlich nicht leisten. Und wenn die Politik nicht bereit ist, die Kosten zu übernehmen, bin ich geneigt, meinen Beruf aufzugeben.“ Nach rund 300 Jahren Schäfertradition in seiner Familie.

Über die Herdenschutzkosten sprach Schmücker gestern mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Dr. Klaus-Peter Schulze, der Mitglied im Umweltausschuss ist. Der sagte zu, zu dem Thema auch eine Anhörung im Agrarausschuss mit anzustoßen. Immerhin hat Schmücker in der Sache einen unerwarteten Mitstreiter. Wolfsfreund Martens sagt: „Ich meine auch, dass die Politik gefordert ist, dass die laufenden Kosten von der Allgemeinheit übernommen werden.“

Von Dennis Thomas