Donnerstag , 22. Oktober 2020
Claudia von Bernstorff (l.) leitet die Barskamper Nachbarschaftshilfe, Renate Luschert und Dr. Eva Huegens stehen ihr als Koordinatorinnen zur Seite. Foto: t&w

Bereit zu helfen

Barskamp. Ein Wasserschaden und eine zufällige Begegnung unter Nachbarinnen. Das war der Anfang. Claudia von Bernstorff erinnert sich noch gut an diesen Tag, an die verzweifelte 86 Jahre alte Frau von nebenan und deren Ehemann (87), beide überfordert mit den nassen Lehmwänden im Haus und der Frage: Was nun? Damals half von Bernstorff, nicht weil sie gebeten wurde, sondern weil sie gerade da war, telefonierte mit der Versicherung und koordinierte die Handwerker. Am Ende des Tages war der Schaden verwaltet, die alte Dame beruhigt – und eine neue Idee für Barskamp geboren.

Mit Hand, Herz und Verstand

„Nachbarschaftshilfe mit Hand, Herz und Verstand“, so nannte von Bernstorff ihre Vision und schmiedete noch am selben Abend einen Plan: Unter dem Dach des Dorfvereins bringt sie die Menschen zusammen – diejenigen, die helfen wollen, mit denjenigen, die Hilfe brauchen. „Ganz einfach“, dachte sie. Und das war es auch – zumindest am Anfang.

Die Idee von der Nachbarschaftshilfe sprach sich rum, schnell waren die ersten zwölf hilfsbereiten Mitstreiter gefunden, es gab Angebote von Einkaufsfahrten über Unterstützung bei schwieriger Korrespondenz bis zur Betreuung von Kindern, Alten und Tieren. Von Bernstorff listete alles auf und verteilte Info-Zettel. 320 Stück an alle 320 Haushalte im Dorf. Sie wartete einen Tag, zwei Tage, drei Tage. Doch auch nach 10 Tagen hatte sich noch niemand gemeldet und um Hilfe gebeten.

Claudia von Bernstorff sitzt in ihrem Wohnzimmer am Kopf eines langen Tisches, während sie über ihre Enttäuschung spricht, über das Gefühl von Ernüchterung und die Frage: Wird unsere Hilfe wirklich nicht gebraucht? Zwei Wochen, nachdem sie die Zettel verteilt hatte, sind alle Helfer zur ersten richtigen Teamsitzung zusammen gekommen. Es gibt Butterkuchen vom Blech, Saft und Kaffee. Eigentlich wollte von Bernstorff hier die ersten Aufträge verteilen. Doch mehr als zwei Hilfsanfragen – eine Fahrt an die Elbe und eine winzige Reparatur – gibt es nicht. Immer noch nicht. Helfen, das hat sie inzwischen verstanden, ist schwierig. Vor allem dort, wo jeder jeden kennt.

Genau hinhören

Doch aufgeben will sie nicht, wollen die anderen nicht. Stattdessen versuchen sie zu verstehen. Nach der gescheiterten Zettelaktion ist Claudia von Bernstorff persönlich auf die Menschen zugegangen. Hat nachgefragt. „Ganz vorsichtig“, sagt sie. Doch egal, wen sie fragte, fast immer bekam sie zu hören: „Schöne Aktion. Aber ich brauche keine Hilfe.“ Dass doch eins der Angebote passen könnte, „das haben wir oft erst im Laufe des Gesprächs herausgefunden“. Ganz beiläufig. „Vielleicht“, hieß es dann oft, „vielleicht melde ich mich.“

Von Bernstorff glaubt, das Problem inzwischen verstanden zu haben. „Es ist einfach schwer, Hilfe anzunehmen“, sagt sie, „denn dafür müsste ich erstmal eingestehen, dass ich Hilfe brauche.“ Anstrengen, Durchhalten, alleine klarkommen, wer danach ein Leben lang gelebt hat, glaubt sie, finde wohl nur schwer den Ausweg aus dem Ich-schaff-das-schon-Modus. Dazu komme die Sorge vor Tratsch und der Frage, was wohl die anderen im Dorf dazu sagen. Nachbarschaftshilfe, das hört sich so einfach an. „Doch Hilfe zuzulassen braucht Zeit und Vertrauen.“ Von Bernstorff lächelt. „Das hatte ich bei meinem Plan wohl vergessen.“

„Es ist schwer, Hilfe anzunehmen.“  – Claudia von bernstorff, Initiatorin der Nachbarschaftshilfe

Inzwischen hat das Helferteam eine Wer-wir-sind-Broschüre erstellt mit Fotos, Beruf, Telefonnummer und Hilfsangeboten. Da kann man lesen, dass Sören Kley, Betriebswirt und Postbote, bei verstellten Fernsehbedienungen oder kleineren Telefonstörungen hilft. Dass die Rentnerin Ilse Krützmann Sütterlin übersetzen und plattdeutsch vorlesen kann. Oder dass Caroline Luschert, hauptberuflich Krankengymnastin, Besuchsdienste anbietet. Insgesamt 17 Helfer haben sich bis jetzt zusammengefunden. Anfragen sind noch immer selten. „Doch in den letzten Tagen werden es mehr“, sagt von Bernstorff. Langsam kommen sie in Barskamp dann doch zusammen – diejenigen, die helfen wollen, mit denjenigen, die Hilfe brauchen.

von Anna Sprockhoff