Mittwoch , 28. Oktober 2020
In Neuseeland hält Robbin ostfriesische Milchschafe, denn die meisten heimischen Rassen geben keine Milch, sondern sind darauf spezialisiert, fernab der Zivilisation längere Zeit alleine zurecht zu kommen. Foto: robbin

Auf der Suche nach Freiheit

Lüneburg/Whangarei. Freiheit hat viele Definitionen. Marcus Robbin beschreibt sie für sich so: Er möchte gesellschaftliche Zwänge, Kosten und die damit verbundene Pflicht, Geld zu verdienen, in seinem Leben reduzieren, um seine Zeit so frei wie möglich gestalten zu können. Nach einem Lebensstil, der das bietet, sucht der ehemalige LZplay-Kameramann, der von 2011 bis 2013 für das Videoportal der Landeszeitung in Lüneburg im Einsatz war, schon seit der Schulzeit. Um seine Vorstellungen zu verwirklichen, hat der 42-Jährige im Alltag die Kamera gegen Arbeitshandschuhe, Spaten und Melkschemel getauscht und ist einmal um die halbe Welt gereist. Im kleinen Ort Whangarei auf der Nordinsel Neuseelands ist er mit seiner Familie fündig geworden.

Als Videojournalist im Dauer-Einsatz

Viele Jahre hat der Beruf Robbins Alltag bestimmt. Als Kameramann und Videojournalist hat der gebürtige Berliner rund um die Uhr gearbeitet, immer auf dem Sprung für die aktuellste Nachricht oder das beste Bild. So war er beispielsweise der erste Kameramann am Unglücksort, als in der Nacht zum 2. Dezember 2013 das Lösecke-Haus am Lüneburger Stintmarkt der Brandstiftung zum Opfer fiel. Eine Reportage war es jedoch auch, die ihn schon früh darüber nachdenken ließ, wie er sein Leben verbringen möchte, berichtet Robbin.

Während meiner Abiturzeit Anfang der 1990er Jahre habe ich eine Dokumentation über einen Deutschen im hohen Norden Kanadas gesehen, der sich eine Blockhütte fernab der Zivilisation mitten im Wald gebaut hatte. Sein Leben war entbehrungsreich, dennoch schien er viel Zeit für sich zu haben. Sein Tagesablauf bestand ausschließlich aus selbstbestimmten Handlungen, die aus Verantwortung für sich selbst entstanden. Da wurde mir klar, wie unfrei unser zivilisiertes Leben eigentlich ist und dass das letzte verbliebene Abenteuer unserer Zeit ist, sich aus dem Hamsterrad des Verdienens und Konsumierens zu befreien.

Seitdem hinterfragte Robbin das System der westlichen Gesellschaft mit all seinen Regeln. Hinzu kam: Mit dem Lohn eines Dokumentarfilmers ließ sich nur schwer ein Eigenheim finanzieren oder eine Familie ernähren. Auf der Suche nach Alternativen reiste Robbin zu den Hippies nach Goa, verbrachte einige Jahre in Mumbai und Chennai und landete schließlich mit seiner damaligen Partnerin auf den Azoren. Sein erster Ausstieg. Sie restaurierten eine altes Lavasteinhaus, versorgten sich und ihre beiden Töchter mit den Erträgen von einem Hektar Land und reisten nur gelegentlich für Jobs auf das europäische Festland. Nach sechs Jahren zerbrach die Beziehung.

Meine Ex-Frau ging mit den Kindern nach Italien, da wollte ich auch nicht mehr auf der Insel bleiben. Außerdem muss man für ein Leben als Selbstversorger mindestens zu zweit sein. Und: Ich benötigte ein Einkommen, um den Unterhalt für die Kinder zahlen zu können. Meine Tante besaß eine Wohnung in Lüneburg, so kam ich in die Hansestadt, wo ich zwei Jahre lang Videos für LZplay produzierte.

Erst Australien, dann Neuseeland

Doch die Sehnsucht nach einem anderen Leben blieb. 2013 wagte er mit seiner neuen Partnerin und ihrer gemeinsamen Tochter Keira erneut den Absprung, diesmal nach Australien. In Townsville erhielt Robbin innerhalb weniger Tage eine unbefristete Anstellung als Kamermann beim lokalen Fernsehsender. Die Kleinfamilie kaufte ein Haus mit Pool, doch der Job ließ Robbin kaum Zeit für Freizeit und Familie und so brachte auch das australische Vorstadtleben nicht die ersehnte Freiheit.

Meine Frau und ich hatten schon einige Zeit nach einem Haus mit Grundstück in Neuseeland Ausschau gehalten, das uns die Selbstversorgung ermöglicht. Nach einiger Zeit fanden wir ein Haus mit drei Hektar Land am Stadtrand von Whangarei, der nördlichsten Stadt Neuseelands. Das war gar nicht so einfach, denn die Bauweise der Häuser dort ist unvergleichbar schlechter als in Deutschland und die Böden sind größtenteils sehr lehmig, was für die Tierhaltung ausreicht, aber für den Obst- und Gemüseanbau problematisch ist. Unser neues Grundstück liegt jedoch sehr günstig, weil es hier so gut wie nie Frost gibt. Es ist märchenhaft, aber sehr steil. Neuseeländer mögen flaches Land, Deutsche die Herausforderung! Jeder Gang will hier bedacht sein.

Inzwischen zu viert: Marcus Robbin (rechts) mit seiner Frau Christine und seinen Töchtern Keira und Solan auf ihrem Grundstück in Whangarei. Foto: robbin

Seit einem Jahr ist die Familie nun in Whangarei zu Hause. Robbins Frau Christine, ursprünglich Neuseeländerin und Ökonomin, hat an der Universität ein zweites Studium in Agrarwirtschaft aufgenommen und kümmert sich um den Gemüsegarten. Robbin selbst ist für das Grundstück, die Obstbäume und die Tiere zuständig.

Als Erstes habe ich mir die Umzäunung der Grundstücksgrenze und der Weiden vorgenommen. Drei Monate lang habe ich mit einem Erdbohrer einen Pfosten nach dem anderen in den Boden gebracht. Dort grasen jetzt drei Jersey-Rinder und sechs ostfriesische Milchschafe, unsere natürlichen Rasenmäher auf der steilen Fläche. Hinter einem kleinen Bach habe ich 25 Obstbaumsetzlinge gepflanzt, die ich den Sommer über aus Samen gezogen habe. Meiner vierjährigen Tochter, die den örtlichen Kindergarten besucht, zeige ich, wie man Küken ausbrütet und aufzieht – aber auch, wie man Hühner schlachtet und daraus das Abendessen macht.

Neustart mit allen Konsequenzen

Um den Neustart finanzieren zu können, hat Robbin seinen gesamten Besitz in Europa verkauft. Seine Ex-Frau bekam das Haus auf den Azoren, so hat er die Unterhaltszahlungen für seine ersten beiden Töchter abgegolten. Und auch von der Wohnung an der Ilmenau, die er inzwischen geerbt hatte, trennte er sich, um sich das neue Eigenheim in Neuseeland leisten zu können.

Dort hat die Familie mit dem Eigenanbau, zwei Regenwasser-Zisternen und Solarpanelen auf dem Dach ihre Lebenshaltungskosten auf ein Minimum reduziert. Eine Basis-Krankenversicherung ist für neuseeländische Bürger kostenfrei. Circa 900 Euro Steuern zahlen sie für ihr Haus im Jahr, hinzu kommen 80 Euro monatlich für die zusätzliche Anbindung ans städtische Stromnetz. Eine Kostenrechnung, wie sie in Deutschland nicht möglich wäre, meint Robbin.

Noch immer machen Ausgaben für die Kinder und für Einkäufe im Supermarkt den größten Posten aus, denn komplett selbst versorgen kann sich die Familie noch nicht. Auf einige Dinge wollen sie schlichtweg nicht verzichten. Deshalb produziert Robbin hin und wieder Imagefilme für lokale Firmen. Er würde sich gern ganz auf den eigenen Anbau konzentrieren. Doch auch die bezahlten Jobs macht er jetzt mit einem anderen Gefühl, denn er verdient Geld für das, was er sich wirklich leisten will. Das kommt seinem Prinzip von Freiheit schon sehr nahe.

von Katja Grundmann und Marcus Robbin