Sonntag , 27. September 2020
Sie stehen an der Spitze des Niedersächsischen Städtetages (v.l.): Salzgitters Oberbürgermeister Frank Klingebiel, Lüneburgs Oberbürgermeister Ulrich Mädge und Hauptgeschäftsführer Dr. Jan Arnding. Foto: sp

Wer für die kostenfreie Kita zahlt

Lüneburg. „Was uns am meisten unter den Nägeln brennt, sind die Realisierung der kostenfreien Kita und eine attraktivere Ausbildung für Erzieherinnen und Erzieh er.“ Das sagte Lüneburgs Oberbürgermeister Ulrich Mädge, Präsident des Niedersächsischen Städtetages (NST), bei einer Pressekonferenz zum Abschluss der NST-Präsidiumssitzung gestern in Lüneburg: „Wir sind mit dem von den Regierungsfraktionen vorgelegten Kita-Gesetz noch nicht zufrieden. Es ist aber der Startschusss für weitere intensive Verhandlungen mit dem Land. Unser Ziel ist, dass Eltern ab August 2018 keine Kita-Beiträge zu entrichten haben – aber nicht auf Kosten der Kommunen.“

Der Städtetag moniert unter anderem, dass der Entwurf keine Härtefallregel vorsieht, Mädge nennt ein regionales Beispiel: „Auf dem Dorf sind die Elternbeiträge stärker als in der Stadt, in Lüneburg beispielsweise zahlen 40 Prozent der Eltern keine Beiträge.“ Nach dem jetzigen Plan des Landes müsste die Hansestadt, ausgehend von der Berechnung für 2017, jährlich rund 300 000 Euro selbst übernehmen – das ist die Differenz zwischen den Elternbeiträgen und dem, was das Land zahlt.“ Hier sei man in Gesprächen mit dem Land: „Wer die Musik bestellt, muss sie auch bezahlen. Und alle wissen: Das kostet sehr, sehr viel Geld.“ Die Forderung des Städtetages laut Mädge: „Das Land muss zwei Drittel der Kita-Vollkosten übernehmen. Davon sind wir weit entfernt. Lüneburg bringt etwa 50 Prozent der Kosten auf.“ Wichtig sei den Kommunen auch, dass die Tagespflege mit den Kita-Plätzen gleichgestellt werde.

Ausbildung muss attraktiver werden

„Die Erzieher-Ausbildung muss attraktiver werden“, fordert der NST-Vizepräsident Frank Klingebiel, Oberbürgermeister in Salzgitter. Gefordert werde eine dualisierte Ausbildung mit Ausbildungsvertrag und Vergütung für angehende Erzieherinnen und Erzieher: „Nur so können wir junge Menschen bewegen, sich für diesen sehr interessanten und wichtigen Beruf zu entscheiden.“ Mädge spricht von einer Reformierung der Ausbildung unter anderem bei der Bezahlung („Wer sich heute ausbilden lässt, bekommt nichts, muss noch Geld mitbringen“) und der Inhalte. An den Berufsbildenden Schulen fehlten Lehrkräfte für diese Ausbildung. Auch müsse Seiteneinsteigern der Zugang zu dem Beruf ermöglicht werden. Bessere Ausbildungsbedingungen würden auch mehr männliche Bewerber locken. Für die Hansestadt selbst geht Mädge bis 2021 von einem zusätzlichen Bedarf an 200 neuen Erziehern aus, die Stadt sei starkes Zuzugsgebiet und auch die Flüchtlingswelle spiele eine Rolle: „Wir haben 150 Flüchtlingskinder mehr in den Kitas, als prognostiziert wurden.“

Bei der Präsidiumssitzung ging es auch um Personalien: Dr. Jan Arning, bereits im Dezember 2017 zum neuen Hauptgeschäftsführer gewählt, wird nun unterstützt vom neuen Geschäftsführer Dirk-Ulrich Mende.

Hintergrund

Fehlbedarf in den Kitas

Eine Umfrage zum Fehlbedarf in den Kitas hat der Niedersächsische Städtetag durchgeführt, der 123 Kommunen vertritt. Das Ergebnis, laut Hauptgeschäftsführer Dr. Jan Arning: 68 Kommunen mit 1700 Kitas, also einem Drittel aller Kitas im Land, machten mit. Die Kommunen sehen einen zusätzlichen Fachkräftebedarf von 4500 Stellen, macht hochgerechnet auf alle Kitas 13 650 zusätzliche Stellen. Der aktuelle Fehlbedarf liegt bei 370 Erziehern, hochgerechnet bei 1100. Und 38 Gruppen mussten geschlossen oder konnten nicht eingerichtet werde, weil das Personal fehlt.

von Rainer Schubert