Freitag , 23. Oktober 2020
Jan Effinger vor einer Tafel auf dem Zentralfriedhof, wo 839 Kriegstote und Opfer der NS-Gewaltherrschaft beerdigt sind. (Foto: kre)

Die Toten der Weltkriege mahnen zum Frieden

Lüneburg. Für die wohl meisten Menschen sind Friedhöfe ein Ort der Ruhe, der Trauer und des Erinnerns. Für Jan Effinger sind Friedhöfe mehr: Der studierte Historiker und Geschäftsführer des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VdK) arbeitet viele Grabstätten wissenschaftlich auf – die der Kriegstoten aus beiden Weltkriegen. „Mehr als 1300 Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft haben ihre letzte Ruhestätte auf den Lüneburger Friedhöfen gefunden“, berichtet Effinger. Dabei handle es sich keineswegs ausschließlich um gefallene Soldaten – „ein Großteil der Opfer waren Zivilpersonen“, sagt Effinger. Wer waren diese Toten? Was lässt sich aus ihren Schicksalen für die Gegenwart und die Zukunft lernen? Viele Fragen, auf die Effinger Interessierten am Sonnabend, 5. Mai, von 13 bis 17 Uhr Antworten geben möchte.

Start mit Vortrag in der Volkshochschule

Die Veranstaltung beginnt mit einem Vortrag in den Räumen der Volkshochschule, Haagestraße 4. Anschließend besuchen die Teilnehmer gemeinsam mit Effinger die Kriegsgräberanlagen auf dem Lüneburger Zentralfriedhof.

Dort stehen zur Erklärung „Geschichts- und Erinnerungstafeln“ – ein Projekt der Stiftung Gedenken und Frieden des Volksbundes und der Wilhelm-Raabe-Schule. 21 Schülerinnen und Schüler eines Geschichtskurses hatten dafür lange, unter anderem im Stadtarchiv, geforscht, damit die Geschichte der Toten nicht in Vergessenheit gerät.

„Dass auch viele Bombenopfer aus Hamburg auf dem Zen­tralfriedhof beigesetzt wurden, wissen viele gar nicht“, glaubt Effinger. Auf dem Gräberfeld IV ruhen 97 zivile Opfer des Luftkrieges, darunter acht Kinder und Jugendliche. Die meisten starben infolge der schweren Luftangriffe auf Hamburg vom 25. Juli bis zum 3. August 1943. Die Angriffe der Alliierten fanden unter dem Codenamen „Operation Gomorrha“ statt.

Die Zerstörungen in Hamburg waren gewaltig: Insgesamt wurden 277 330 Wohnungen, 580 Industriebetriebe, 2632 gewerbliche Betriebe, 80 Wehrmachtsanlagen, 277 Schulen, 58 Kirchen und 24 Krankenhäuser zerstört. Die vielen Verletzten mussten auf Krankenhäuser und Lazarette im Umland und in nahe gelegene Städte verteilt werden.

So kamen viele auch nach Lüneburg. „Jene, die ihren Verletzungen erlagen, wurden in der Regel auch hier bestattet“, berichtet Effinger.

Kriegstote aus Hollenstedt 1958 umgebettet

Bestattet sind auf dem Gräberfeld auch Kriegstote, die auf dem Friedhof Hollenstedt (Kreis Harburg) beerdigt waren, erst 1958 nach Lüneburg umgebettet wurden. Wieso sich die Behörden damals dazu entschlossen, weiß auch Effinger nicht: „In Wenzendorf bei Hollenstedt hatte es zu Kriegszeiten eine Flugzeugwerft gegeben, die ebenfalls Ziel alliierter Luftangriffe war,“ berichtet der VdK-Geschäftsführer. Die verkehrlich bessere Erreichbarkeit der Stadt Lüneburg im Vergleich zu Hollenstedt könnte damals womöglich ein Grund für die Umbettung gewesen sein. „Die getöteten Rüstungsarbeiter kamen zum Teil von weither“, erklärt Effinger und mutmaßt: „Vielleicht wollte man ihren Angehörigen den Besuch der Gräber erleichtern.“

Allein auf dem Lüneburger Zentralfriedhof befinden sich die Gräber von 839 Kriegstoten und Opfern der NS-Gewaltherrschaft – ihre letzte Ruhestätte wird geschützt durch das „Gesetz über die Erhaltung der Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ – kurz: Gräbergesetz. Effinger erläutert: „Es dient dazu, der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in besonderer Weise zu gedenken und für zukünftige Generationen die Erinnerung daran wach zu halten.“ Die zahlreichen Kriegsgräberstätten werden von den jeweiligen Friedhofs­trägern gepflegt und unterhalten. Die entstehenden Kosten ersetzt der Bund.

Von Klaus Reschke