Donnerstag , 29. Oktober 2020
Henning J. Claassen besuchte in Begleitung von Rayapu Reddy Witwen und ihre Kinder, die dank seiner Unterstützung nun eine Milchkuh haben. Das Tier ermöglicht den Frauen nun einen auskömmlichen Lebensunterhalt. (Foto: privat)

Hilfe für die Ärmsten in Indien

Lüneburg. Er ist erfolgreicher Unternehmer, und seinem Engagement ist es zu verdanken, dass das Wasserviertel zu einem Juwel wurde. Vor einem Jahr wurde Henning J. Claassen die Ehrenbürgerwürde Lüneburgs verliehen, auch weil er sich vorbildlich im Sinne eines hansischen Kaufmanns seit Jahrzehnten sozial mit seiner Initiative „Schützt die Opfer“ engagiert. Im Fokus stehen dabei Projekte für Kinder und Frauen. „Wenn man Glück hat im Leben, ist das auch Verpflichtung, anderSen, denen es nicht gut geht, zu helfen“, sagt Claassen, der gerade von einer Reise aus Südindien zurückgekehrt ist. Mit seiner Initiative unterstützt er nun in der Region Guntur Frauen und Kinder, die in bitterster Armut leben.

Der indische Subkontinent verzeichnet seit Jahren enorme Wachstumsraten, doch nur ein kleiner Teil der Bevölkerung profitiert von dem wirtschaftlichen Boom. Viele leben in großer Armut – besonders in den ländlichen Gebieten. Durch Medienberichte wird Claassen darauf aufmerksam, dass es eine hohe Selbstmordrate unter Kleinbauern gibt, weil sie sich verschuldet haben, um auf dem Markt bestehen zu können und die Schulden nicht zurückzahlen können. Sie hinterlassen Witwen und Kinder, die ums Überleben kämpfen und von der Dorfgemeinschaft ausgegrenzt werden.

Not in den Dörfern ist unvorstellbar groß

Claassen hatte zu dem Zeitpunkt eigentlich ein Häuserbau-Projekt für Erdbebenopfer in Nepal stärker unterstützen wollen. Es ist nicht das einzige Projekt im Ausland, das über seine Initiative in den vergangenen Jahren gefördet wurde. Elf Jahre lang waren darüber auch laufende Kosten für ein Waisenhaus für Tsunami-Opfer in Indien übernommen worden. Doch dann erreichte ihn ein Schreiben der katholischen Organisation „The Guntur Diocese Social Service and Welfare Society“ (Guntur Diözese Sozialdienst und Wohlfahrtsgesellschaft), in der auf die „unvorstellbare Not der Frauen und ihrer Kinder“ hingewiesen und über Hilfsprojekte informiert wurde.

Der Lüneburger entschied sich zu einer Reise in die Region Guntur, besuchte unter anderem das Dorf Rentachintala. Dass es in Indien viele arme Menschen gibt, dass Bettler an den Straßen vegetierten, hatte er schon bei seinen Geschäftsreisen erfahren müssen. „Aber die Not in den Dörfern, die ich nun besuchte, war unvergleichbar größer.“ Besonders betroffen habe ihn die Situation der Witwen gemacht: „Sie arbeiten auf dem Feld für umgerechnet einen Euro pro Tag. Davon müssen sie sich und ihre Kinder ernähren. Sie leben in Verschlägen mit einem Wellblechdach, meist müssen sie auf dem Boden schlafen. Bei Monsunregen steht die Hütte unter Wasser.“ Staatliche Hilfe gibt es nicht. Und die, die zu den Wohlhabenden in Indien zählen, würden sich nicht zur Unterstützung der niederen Kasten verpflichtet sehen, berichtet Claassen.

Kühe sollen den Frauen ein Einkommen bescheren

In Rentachintala und umliegenden Dörfern leben 630 Witwen, denen die katholische Organisation hilft. Hilfe zur Selbsthilfe kommt nun vom Lüneburger Unternehmer. Seine Initiative „Schützt die Opfer“ finanzierte die Anschaffung von 20 Milchkühen für 20 Witwen. „Ein Teil der Milch dient der Ernährung der Kinder, der überwiegende Teil kann verkauft werden, so dass die Frauen ein kleines, regelmäßiges Einkommen erzielen.“ Das wiederum ermöglicht, dass das Schulgeld der Kinder finanziert werden kann. Ebenfalls zum Lebenserwerb der Witwen soll Geld für die Anschaffung von Nähmaschinen fließen.

Gut angelegtes Geld, ist Claassen überzeugt. Er vertraut der Organisation, die ausschließlich aus Spendengeld und durch den Einsatz von Schwestern im Ausland den Bau von Kinder-, Seniorenheimen sowie einer Molkerei auf den Weg gebracht hat. Mehr als tausend Kilometer hat der Lüneburger bei seiner Rundreise durch die Dörfer zurückgelegt, begleitet von Rayapu Reddy, einem Rechtsanwalt, der Priester wurde und für die katholische Organisation arbeitet. „In der Region gibt es einfache Fischerhütten, die beim Monsun weggeschwemmt wurden. Die Organisation hat für Neubauten gesorgt. Die Kosten für zehn weitere werde ich übernehmen.“

Schwer berührt hat den Lüneburger auch das Schicksal Polio-Betroffener. Zwar sei die Impfung in Indien seit Jahren Pflicht, doch die sei nicht in jedem Fall korrekt verlaufen. Die Folge: Manch Erkrankter leidet an schwerwiegenden Lähmungen – wie die junge Frau, die Claassen in einem Dorf kennenlernte. „Sie konnte sich nicht bewegen, kauerte am Boden einer Hütte, wo sie für ihre Schwester und deren Kinder kochte. So sicherte sie ihren kargen Lebensunterhalt. Ich habe gedacht: Was ist das für eine Lebensperspektive?“ Um diese und andere Betroffene mobil zu machen und ihnen ein Stück Selbstständigkeit zu ermöglichen, sollen dreirädrige Roller angeschafft werden.

Beim Spielplatz hofft er auf Unterstützung

Auch ein Heim für zum Teil schwerbehinderte Kinder war ein Ziel auf seiner Reise. Vor dem Gebäude eine Geröllhalde mit dem Ausmaß eines Fußballfelds. Claassen ist erschüttert. Kein Platz zum Spielen für die, die keine Möglichkeit zur Teilhabe haben. Sein Entschluss: „Ich möchte einen Spielplatz errichten. Das ist ein Großprojekt, das wiede­rum Unterstützung braucht. Die würde ich mir von Lüneburger Bürgern wünschen“, sagt er mit dem ihm eigenen Lächeln, das auch die Überzeugung ausstrahlt: Das schaffen wir schon.

Weitere Infos und Kontakt gibt es auf www.schuetzt­dieopfer.de.

Von Antje Schäfer