Donnerstag , 22. Oktober 2020
Die Ausbeute aus einer Tonne: Viele Lebensmittel sind eingeschweißt, das meiste noch essbar. Viel zu schade für den Müll, findet Finn Peters. (Foto: fr)

Auf den Tisch kommt, was die Tonne hergibt

Lüneburg. Dienstagabend im Lüneburger Stadtteil Mittelfeld: Finn Peters schiebt sein Rad durch die eisige Kälte, einen schwarzen Rucksack hat er sich auf den Rücken geschnallt. Ein Blick auf die Uhr: 22.57 Uhr. Für den 20-jährigen Studenten die ideale Uhrzeit, um sich auf den Weg Richtung Supermarkt zu machen. Der hat längst geschlossen, aber genau darum geht es: Peters holt nachts Lebensmittel aus dem Müll von Supermärkten.

„Die meisten Sachen, die weggeschmissen werden, sind essbar. Es ist ja nicht so, dass die Sachen ab dem Moment, wo sie in der Mülltonne liegen, ungenießbar sind.“
Finn Peters, Mülltaucher

Containern heißt diese Art der Lebensmittelbeschaffung. Manche sagen auch Mülltauchen oder Dumpstern dazu. Legal ist das nicht, denn in Deutschland gehört der Müll bis zur Abholung denen, die ihn wegwerfen, also in diesem Fall den Supermärkten. Trotzdem ziehen vor allem in den Großstädten, aber auch in Lüneburg regelmäßig Menschen los, um Genießbares aus den Tonnen zu fischen. Peters containert ein- bis zweimal die Woche. Manchmal alleine, aber meistens mit ein paar Freunden aus der Uni. Umweltwissenschaftsstudenten wie Peters. Die Eroberungen der Nacht werden meistens untereinander geteilt. „Wenn wir ganz viel haben, verteilen wir das auch im Studiengang“, sagt Peters und schiebt hinterher: „Damit es dann auch wegkommt, darum geht es ja.“

Wer Essen aus dem Abfall nimmt, macht sich strafbar

Auf dem Gelände des Supermarktes angekommen, schlendert er zielsicher auf die Ladezone des Discounters zu. Auf einer Erhöhung stehen zwei kleine, grüne Mülltonnen. Sie sind einfach zu erreichen, weder ein Zaun noch ein Schloss schützen sie. Ein Bewegungsmelder geht an, irgendwas surrt laut. Peters schlägt die Tonnen unbeirrt auf. Ein erster fachmännischer Blick hinein – eine schwache Ausbeute, findet der Student. Er beugt sich tief hinunter, ein muffig-süßlicher Geruch kommt ihm entgegen. Trotzdem bugsiert er dann einiges aus den beiden Tonnen heraus: Eingeschweißtes wie Mini-Frikadellen, einen Gemüsesalat, aber hauptsächlich Frisches. Fünf Birnen, ein Netz Bio-Orangen, eine Packung spanische Erdbeeren, eine Zucchini, ein Netz Blutorangen.

„Die meisten Sachen, die weggeschmissen werden, sind essbar. Es ist ja nicht so, dass die Sachen ab dem Moment, wo sie in der Mülltonne liegen, ungenießbar sind. Meistens sind sie eingeschweißt“, sagt Peters. „Ob Du es jetzt aus dem Regal nimmst oder aus der Mülltonne holst – da ist kein Unterschied.“ Mit dem Containern wolle er eine gesellschaftliche Entwicklung in Gang setzen – gegen Verschwendung von Lebensmitteln. „Ich versuche, das meiste aufzuessen, was ich da finde. Fleisch ist an sich schon in der Herstellung eine Energieverschwendung. Das dann auch noch wegzuschmeißen – das geht nicht in meinen Kopf rein.“ Er lacht kurz auf, wenn er das sagt. Es ist ein ironisches Lachen.

Auf dem Parkplatz und in der Wohngegend gegenüber dem Discounter ist niemand zu sehen. Erwischt zu werden, daran verschwendet Peters nur selten einen Gedanken. Der Sicherheitsmann des Discounters sei „ganz entspannt“, habe er von Freunden gehört. Er selbst sei bisher weder mit Sicherheitspersonal noch mit der Polizei in Kontakt gekommen. Aber Peters containert auch nur dort, wo Mülltonnen frei zugänglich sind. Das wäre immer noch einfacher Diebstahl und Hausfriedensbruch, aber eben kein schwerer Diebstahl, wie wenn Hindernisse überwunden oder sogar Mülltonnen von den Lebensmittelrettern aufgebrochen werden.

Deutschland und seine Wegwerfgesellschaft

Peters lässt den Deckel der zweiten Tonne geräuschvoll zufallen. „Normalerweise ist da mehr drin“, sagt er nochmal. Die Menge der zusammengefischten Lebensmittel hänge oft davon ab, wie gut ein Supermarkt im Vorfeld kalkuliert, sagt Peters. „Einmal haben wir vier Kilogramm Currywurst gefunden. Da stand noch auf der Mülltonne alles voll mit Essbarem.“ Insgesamt 18 Millionen Tonnen Lebensmittel landen pro Jahr in Deutschland im Mülleimer, besagt die WWF-Studie „Das große Wegschmeißen“ aus dem Jahr 2015. Viele Supermarktketten starteten in den vergangenen Jahren Nachhaltigkeitskampagnen. Sie beliefern regelmäßig die Tafeln oder kooperieren mit Foodsharing-Initiativen. Trotzdem gehen 14 Prozent der Lebensmittelverluste pro Jahr in Deutschland immer noch auf das Konto des Groß- und Einzelhandels. Das meiste aber werfen Privathaushalte weg.

Zurück in seiner kleinen WG-Küche, macht Peters eine Bestandsaufnahme. Er lässt sich auf einen Stuhl plumpsen, packt die Beute der Nacht aus. Ein paar Birnen und Orangen haben braune Stellen, der Großteil der Erdbeeren hat seine besten Tage hinter sich. Peters sortiert die schlechten aus und gönnt sich einen Mitternachtssnack. Ob sie ein Müll-Aroma angenommen haben? Er schüttelt die blonden Haare, während er eine anscheinend noch essbare Erdbeere kaut. „Nee, aber bei Radieschen ist das krass. Das ist mir aufgefallen.“

Wenn Finn Peters über das Containern spricht, ist das für ihn keine große Sache. Er ist kein Moralapostel, der andere belehren will, sondern ein entspannter Typ in Jogginghose und Kapuzenpulli mit einem nüchternen Blick auf die Dinge. Klar, gebe es Menschen, die dafür kein Verständnis hätten, die meinen, dass Containern gesellschaftlich nicht akzeptabel sei. „Es gibt auch Leute, die haben erstmal die Grundeinstellung, dass Containern komisch ist. Aber wenn sie dann darüber nachdenken, sehen sie, dass das sinnvoll ist. Man muss erstmal an den Punkt kommen, an dem die Leute da­rüber nachdenken.“ Lebensmittelverschwendung ist für ihn nicht nachvollziehbar, ein Unding. Containern ist sein stiller Protest.

Von Franziska Krämer