Freitag , 25. September 2020
Rabiat wie hier gingen Einbrecher beim Haus einer Mittfünfzigerin aus dem Landkreis vor. Sie richteten nicht nur erheblichen Sachschaden an, die Frau leidet heute noch psychisch unter der Tat. (Foto: A/phs)

Das lange Leiden nach der Tat

Lüneburg. Die Einbrecher gehen mit brachialer Gewalt vor, zerstören ein Fenster, um ins Gebäude zu kommen. Im Haus gehen Türrahmen zu Bruch. Die ungebetenen Besucher durchsuchen alle Räume und mehrere Schränke, stecken sich Schmuck und andere Dinge ein, die nicht teuer waren, aber für die Hausbesitzerin einen ideellen Wert haben. Als die Täter bemerken, dass die Mittfünfzigerin nach Hause kommt, türmen sie. Für die Frau aus dem Landkreis Lüneburg bedeutet der Vorfall nicht nur einen materiellen Schaden, sie fühlt sich in ihrem Haus nicht mehr sicher, hat Angst – vor allem bei Dunkelheit. Hilfe findet sie beim Weißen Ring in Lüneburg.

Anlässlich des Tages der Kriminalitätsopfer zieht die Organisation eine Bilanz für 2017. Wurden 2016 noch 43 Opfer in Lüneburg betreut und 13 700 Euro als Sofort- und Opferhilfen ausgezahlt, sank die Zahl der Fälle im vergangenen Jahr auf 27, die Auszahlungen allerdings stiegen auf 16 373 Euro. Dazu wurden in 15 Fällen Beratungsschecks für Rechtsanwälte im Gesamtwert von 2250 Euro ausgegeben.

Organisation braucht ehrenamtliche Mitarbeiter

Die sinkende Fallzahl hat auch damit zu tun, dass der Weiße Ring nach Querelen in Lüneburg nur noch mit Heinz Chudziak vertreten ist. Er hatte die Lüneburger Außenstelle vor 22 Jahren gegründet, übergab das Amt 2008 – aus Altersgründen – dem neuen Leiter Gerhard Hoene, wirkte selbst nur noch als Stellvertreter. Doch zwischen Hoene und dem Landesbüro Niedersachsen kam es zum Streit, das Büro drängte ihn zum Rücktritt, Hoene legte sein Amt im Sommer 2017 nieder. So übernahm die Uelzener Außenstelle die Arbeit für Lüneburg mit, allerdings starb der dortige Leiter. So kümmert sich der 85-jährige Chudziak wieder um Fälle, die ihm vom Landesbüro übermittelt werden. Er sagt: „Wir suchen neue Mitarbeiter, Vo­raussetzung ist die Bereitschaft zur ehrenamtlichen Mitarbeit im sozialen Bereich.“

Dabei sind es nicht immer die spektakulären Fälle, in denen der einzige bundesweit tätige Opferhilfeverein mit rund 3200 Ehrenamtlichen in 420 Außenstellen Betroffene unterstützt. Das zeigt ein Fall aus Oedeme: Da stand der Weiße Ring der Witwe des 51-jährigen Lüneburgers zur Seite, der von einem Zeitungsboten ermordet wurde. Durch den Tod geriet sie in finanzielle Prob­leme, der Ring gab ihr Geld und sorgte dafür, dass ein Leasingvertrag für ein Auto aufgelöst wurde, den sie nicht mehr bezahlen konnte.

Schnelle Hilfe für bestohlene Mutter

Manchmal reichen schon kleine Hilfen. Chudziak: „Beispielsweise für die Lüneburgerin, die ihren Kinderwagen samt Kleinkind und Tasche durch einen Supermarkt schob. Ihr anderes Kind blieb stehen, also ging sie einige Meter ohne Wagen zurück, holte es. Als sie dann an der Kasse stand, war ihr Portemonnaie weg – gestohlen.“ Für Überbrückungen finanzieller, durch Straftaten entstandener Probleme kann der Weiße Ring Soforthilfen gewähren – bis zu 300 Euro.

Auch Fälle von sogenanntem Romance-Scamming gibt es in der Region. Die Täter suchen ihre Opfer auf Online-Partnerbörsen oder in sozialen Netzwerken, gaukeln ihnen Liebe vor und ergaunern sich durch erlogene Geschichten Geld, das die Opfer ins Ausland überweisen sollen. Hier hat Heinz Chudziak einen Tipp für jene parat, die sich aus Scham noch nicht gemeldet haben: „Einige der Überweisungen sind über die Firma Western Union gelaufen, die will Kunden, die Opfer von Betrugsdelikten geworden sind, mit insgesamt 586 Millionen Dollar entschädigen. Dies gilt für Taten aus der Zeit vom 1. Januar 2004 bis 19. Januar 2017, geltend gemacht werden können die Ansprüche bis zum 31. Mai 2018. Wer seinen Überweisungsbeleg nicht mehr hat, kann eine Kopie anfordern unter Deutsche Postbank AG – Western Union Service, Eckenheimer Landstraße 242, 60320 Frankfurt.“

Der Weiße Ring finanziert sich über Mitgliedsbeiträge (2,50 Euro monatlich), Spenden, Geldauflagen der Gerichte und testamentarische Verfügungen. Den Kontakt zur Außenstelle Lüneburg gibt es über das Landesbüro in Hannover unter der Telefonnummer (0511) 799997.

Verbrechen im Internet

Die Internetkriminalität rückt der Weiße Ring zum Tag der Kriminalitätsopfer in den Fokus. Nach einer Studie des Digitalverbandes Bitkom wurden bereits 49 Prozent der deutschen Internetnutzer Opfer. Die Maschen der Täter, die im Netz ihre Identität verschleiern können, sind vielseitig: Sie infizieren Computer mit Schadprogrammen, betrügen bei Online-Geschäften, greifen Bankdaten ab, erpressen mit hochgeladenen Bildern.

Die psychischen Belastungen, unter denen Opfer leiden, dürften nicht vergessen werden, sagt Heinz Chudziak. Betroffene fühlten sich Tätern schutzlos ausgeliefert, hinzu komme die Scham, auf Betrüger hereingefallen zu sein. Der Weiße Ring empfiehlt Schutzmaßnahmen: Er rät, aktuelle Virenscanner und zusätzliche Sicherheitssoftware zu nutzen, Betriebssysteme der Rechner, Smartphones und Tablets sollten stets mit neuen Updates des Herstellers versehen sein. Für einzelne Zugänge sollte man auch verschiedene Passwörter verwenden und regelmäßig wechseln. Mit eigenen Daten und Fotos sollte man generell vorsichtig umgehen.

Von Rainer Schubert