Freitag , 23. Oktober 2020
Ob Zimmer oder ganzes Haus: Auf der Plattform Airbnb wächst das Angebot an Unterkünften in Lüneburg ständig. Foto: t&w

Urlauber verdrängen Mieter

Lüneburg. Es sind längst nicht mehr nur die Hotels, die um Touristen buhlen. Ferienwohnungen und Privatunterkünfte für Urlauber sind in Lüneburg in den vergangenen Jahren geradezu wie Pilze aus dem Boden geschossen. Das freut jene, die vom Touristen-Boom profitieren, doch angesichts des angespannten Wohnungsmarktes betrachten viele diese Entwicklung auch mit Sorge. Denn Unterkünfte, in denen Urlauber nächtigen, fehlen als Mietwohnungen.

Über spezielle Plattformen kann im Prinzip jeder seine Wohnzimmercouch oder ein ganzes Haus als Übernachtungsmöglichkeit für Touristen oder Geschäftsreisende anbieten. Die bekannteste Plattform ist Airbnb. Das Unternehmen kassiert von den Anbietern eine Provision. Die Idee: Gäste sollen in der Fremde wie Einheimische wohnen und zahlen dafür meistens auch weniger als im Hotel. Wer selbst eine große Wohnung hat, kann ein Bett oder eine Couch unkompliziert vermieten und so etwas Geld verdienen.

Angebot bei Airbnb für Lüneburg wächst rasant

Im Geschäftsjahr 2017 schrieb Airbnb zum ersten Mal seit der Gründung 2008 schwarze Zahlen. Laut Financial Times stiegen die Buchungen im vergangenen Jahr um 150 Prozent. Auch in Lüneburg und Umgebung wird der Service immer mehr genutzt. „Wir stellen uns eine Welt vor, in der jeder von uns überall zu Hause sein kann“, skizziert Airbnb-Gründer Brian Chesky seine Geschäftsidee. Das Prinzip scheint auch in der Region zu fruchten, Ende 2017 gab es in der Lüneburger Heide mit 700 Unterkünften 200 mehr als noch im Vorjahr. Wer direkt in der Hansestadt nächtigen will, findet mehr als 200 Domizile – vom kleinen WG-Zimmer mit Bett für 15 Euro am Kreideberg bis zum „Hexenhaus“ direkt im Zentrum für bis zu 10 Personen für 156 Euro die Nacht.

Die Stadt sieht die zunehmende Flut an reinen Touristenwohnungen mit Sorge angesichts fehlender Mietwohnungen, die Handhabe jedoch, die Flut einzudämmen, ist begrenzt. Über den Bebauungsplan kann sie gewerblich genutzte Ferienwohnungen, die also dauerhaft und regelmäßig für die Vermietung an Touristen genutzt werden, ausschließen, verdeutlicht Pressesprecherin Suzanne Moenck. Für den Ebensberg sei dieser Ausschluss auch schon rechtskräftig umgesetzt, für den Wilhelm-Hänel-Weg soll das ähnlich laufen. Moenck sagt klar: „Wenn wir gefragt werden, was wir lieber sehen möchten, neue Ferienwohnungen – darunter fällt ja auch Airbnb – oder dauerhaft zu nutzende Wohnungen, dann liegt die Antwort auf der Hand.“

„Wenn wir gefragt werden, was wir lieber sehen möchten, neue Ferienwohnungen oder dauerhaft zu nutzende Wohnungen, dann liegt die Antwort auf der Hand.“ – Suzanne Moenck, Pressesprecherin Stadt Lüneburg

Mehr Einflussmöglichkeiten böte ein Zweckentfremdungsverbot, das es in anderen Bundesländern schon gibt. Das verhindert die Umwandlung von privatem Wohnraum in Ferienwohnungen und könnte von der Stadt als kommunale Satzung beschlossen werden. „Dazu müsste aber das Land Niedersachsen die Städte zuvor per Gesetz ermächtigen. Oberbürgermeister Ulrich Mädge setzt sich dafür ein“, sagt Suzanne Moenck – bislang aber ohne Erfolg.

Trotz des Booms – die Bedeutung von Airbnb für den Lüneburger Tourismus insgesamt schätzt Svenja Heuer von der Lüneburg Marketing GmbH als „noch nicht allzu groß“ ein. Dabei sind laut Airbnb die Gastankünfte, die über diese Plattform vermittelt wurden, von 10 000 (2016) auf 18 000 (2017) gestiegen. Doch es scheinen zusätzliche Buchungen zu sein, die Zahlen in der Logisvermittlung des Marketings seien laut Heuer stabil, das Stadtmarketing könne sich in Sachen Unterkunftsvermittlung gegen die Portale behaupten. Und angesichts von mehr als 330 000 Übernachtungen pro Jahr (2016) insgesamt wirken die Airbnb-Zahlen dann auch schon wieder winzig.

Weltreisende mit 75 Jahren

Gäste aus der ganzen Welt konnte Andreas Ueberhorst in seinen Ferienwohnungen schon begrüßen. Die Hälfte seiner ungenutzten Räumlichkeiten vermietet er dauerhaft an Lüneburger, die andere Hälfte stellt er Urlaubern zur Verfügung, seit drei Jahren auch über Airbnb. Seine Erfahrungen sind positiv. Besonders im Gedächtnis geblieben ist ihm ein Ehepaar aus Freiburg. Die beiden 75-Jährigen hatten ihren gesamten Besitz verkauft, um sich die Welt anzusehen. Nun verbrachten sie den Winter in Australien und fuhren im Sommer auf ihren Fahrrädern durch Deutschland. „Und zwar nicht auf E-Bikes“, betont Ueberhorst. Der Urlaub abseits großer Hotels in der Privatunterkunft bietet eben auch ein bisschen familiäre Atmosphäre. Das schätzen viele Airbnb-Nutzer – Touristen wie Gastgeber gleichermaßen.

von Leonie Habisch