Dienstag , 29. September 2020
Wahrhaftig kein schöner Anblick: Windeln stapeln sich in dieser Telefonzelle am Thorner Markt. (Foto: Hans-Peter Gienke)

Hilflose Behörden

Lüneburg. Es ist unappetitlich, doch hinter der Geschichte scheint mehr zu stecken: Seit Wochen finden Passanten benutzte Windeln, unter anderem in Telefonzellen. Nach LZ-Informationen ist inzwischen klar, wer dafür verantwortlich ist. Der Mann soll in einer sozialen Einrichtung in Lüneburg leben und selbst um Hilfe gebeten haben. Denn Grund für dieses Verhalten soll eine sexuelle Störung sein.

Kolleginnen aus Kitas erzählen, dass sich die Erzieherinnen untereinander warnen: Der Mann hat sich die Windeln in Kitas in der Stadt besorgt. Zeitweilig war es wohl nur ein Fall fürs Umweltamt, das scheint sich geändert zu haben.

Im Rathaus gibt sich Sprecherin Suzanne Moenck zugeknöpft: „Nach Hinweisen auf Windeln in Parkanlagen und auf eine Person, haben sich die zuständigen Stellen miteinander in Verbindung gesetzt. Es wurden entsprechende Maßnahmen getroffen, die möglich und notwendig sind. Es wird dabei auch berücksichtigt, dass hier möglicherweise ein Mensch Unterstützung benötigt. Wir sehen keinen Anlass zur Panikmache. Soweit es um den wilden Müll geht, kümmern wir uns darum, dass dieser schnell beseitigt wird. Wenn die Beweislage ausreicht für ein Ordnungswidrigkeiten-Verwahren, dann können wir ein Bußgeld androhen – im Moment reichen die Beweise nicht.“

Kinderpornografisches Material gefunden

Dem Betreffenden zu helfen und gleichzeitig Kitas vor ungebetenen Besuchen zu schützen, stellt das soziale System offensichtlich vor Probleme. Der Leiter der Einrichtung, in der der Mann betreut wird, will aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nichts zum konkreten Fall sagen. So antwortet er auf Fragen der LZ hypothetisch: „Wichtig ist, dass alle Beteiligten zusammenkommen und gucken, was möglich ist. Das meint: Betreuer, Ärzte, Polizei und eben der Betroffene selbst. Der muss aber gesprächsbereit sein.“ Unterstützung könne nur greifen, wenn derjenige mitmache. So lange alles vage und strafrechtlich kaum zu fassen sei, bleibe nur der Versuch, den Klienten noch engmaschiger zu betreuen.

Auch die Polizei ist inzwischen eingebunden. Dort lief der Fall wegen der illegalen Müllentsorgung zunächst im Umweltbereich, doch inzwischen soll auch das Kommissariat für Sexualdelikte eingeschaltet sein. Dort ist der Mann nicht unbekannt, ihm werden verschiedene Delikte zur Last gelegt, auch einige mit sexuellem Hintergrund. Unter der Hand war zu erfahren, dass Ermittler in der Vergangenheit bei dem Mann kinderpornografisches Material gefunden hätten: „Aber es sind keinerlei Übergriffe bekannt.“

Polizei sieht Stadt in der Verantwortung

Steffen Grimme, Chef der Kriminalpolizei, will das nicht kommentieren. Er sagt nur: „Wenn der Mann um eine ärztliche Unterredung gebeten hat, wird das aufs Wärmste von der Polizei begrüßt.“ Es liege eine Strafanzeige wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr vor, da Windeln auf der Straße lagen. Dies rechtlich zu bewerten, sei Sache der Staatsanwaltschaft. Die Polizei gehe aber eher von einer Ordnungswidrigkeit aus. Dem nachzugehen, sei allerdings die Aufgabe der Stadt.

von Carlo Eggeling

Mehr dazu:

https://www.landeszeitung.de/a/35094-neuer-windel-tatort-am-graalwall