Mittwoch , 23. September 2020

Ein Trio auf Rache-Tour in Kaltenmoor

Lüneburg. Im als Szene-Treff für Süchtige bekannten Clamartpark begannn die Geschichte am 19. Juli 2017, als ein inzwischen als Bauhelfer arbeitender Schornsteinfeger eine Frau kennenlernte, die er abends auf ein paar Drinks in seine Wohnung an der Hinrich-Wilhelm-Kopf-Straße einlud. Sie kam auch – und zwei Tage später standen drei Männer vor seiner Tür, ein 28- und ein 37-Jähriger gingen brutal auf ihn los, derweil schnappte sich ein 31-Jähriger zwei Handys, einen Laptop, eine Spielkonsole und einen Flachbildfernseher und verschwand mit der Beute.

Am Dienstag zog die 2. große Strafkammer einen Schlussstrich unter die Geschichte und verurteilte das Trio unter anderem wegen Raubes und gefährlicher Körperverletzung zu Strafen von zwei Jahren und neun Monaten bis zu drei Jahren und drei Monaten. Für zwei drogenabhängige Angeklagte wurde zudem die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt angeordnet.

„Selbstjustiz und Rache üben“

Der Vorsitzende Richter Thomas Wolter bezog sich in seiner Urteilsbegründung beim Tathergang auf die ausführliche Darstellung von Staatsanwalt Konstantin Paus in dessen Plädoyer. Die Frau hatte am Tag nach ihrem Besuch in der Kaltenmoorer Wohnung die Angeklagten im Clamartpark getroffen und ihnen erzählt, der Mann habe sie vergewaltigen wollen, sie nicht aus der Wohnung gelassen und sie aufs Bett geschmissen. Paus: „Die Angeklagten wollten den Mann zur Rede stellen, Selbstjustiz und Rache üben.“

So klingelten sie dann am 21. Juli an der Wohnungstür im elften Stock. Vor Gericht hatten sie gestanden, dass zwei von ihnen ihr Opfer schlugen und traten, es auf den Balkon drängten und gegen die Brüstung drängten. Sie drohten damit, den Mann in den Tod zu stürzen, falls er ihnen nicht binnen zwei Wochen 2500 Euro zahle. Danach drückten sie ihm im Schlafzimmer ein Kissen aufs Gesicht. Andreas Chlosta, Rechtsanwalt des Opfers, sagte am Dienstag: „Der Mann hatte Todesangst. Auch noch lange nach der Tat. Er konnte seine Wohnung nicht mehr betreten. Die Polizei musste ihm im Rahmen von so etwas wie einem Zeugenschutzprogramm eine Unterkunft suchen.“

„Von der Beute wollte er sich Drogen beschaffen“

Die drei Täter, die alle aus ehemaligen GUS-Staaten kommen und in Lüneburg leben, hatten sich im Prozess bei ihrem Opfer entschuldigt und sich mit ihm geeinigt, dass der Mann von jedem von ihnen 1000 Euro erhält – wenn es ihnen wirtschaftlich besser gehe. Bei der Strafzumessung folgten die Richter mit einer Ausnahme den Forderungen von Staatsanwalt und Verteidigern.

Bei dem 31-Jährigen sah die Kammer zwar einen Hang zu Drogen, der aber stand bei ihm nicht in direktem Zusammenhang mit dem Raubüberfall. Er hatte vor, seinen Teil der Beute zu behalten und ihn nicht etwa in Drogen umzutauschen – er muss ins Gefängnis. Anders die Situation bei dem 28-Jährigen, Richter Wolter: „Von der Beute wollte er sich Drogen beschaffen.“ Diesem Mann gab der Richter einen aufmunternden Satz mit in die Therape: „In Ihnen steckt mehr drin als nur abhängen und absaufen im Clamartpark.“

„Wir glauben an ein Wunder“

Bei dem dritten Angeklagten hatten der psychiatrische Gutachter und der Ankläger eine Unterbringung verneint, hier entschied das Gericht anders, Wolter zu dem 37-Jährigen: „Der Sachverständige hatte geäußert, man müsse schon an ein Wunder glauben, wenn eine Therapie bei Ihnen Erfolg haben sollte. Wir glauben an ein Wunder und glauben, dass sie tatsächlich eine Therapie wollen. Nun kommt es auf Sie an.“

Ob übrigens die Geschichte der Frau mit der versuchten Vergewaltigung in der Wohnung des späteren Opfers stimmt, die Anlass für den Raubüberfall war, bleibt unklar. Zu denken gibt dem Staatsanwalt, dass die Frau am Tag nach dem angeblichen Übergriff mit dem mutmaßlichen Sex-Täter in einem Handy-Laden erschien und der Mann zwei Handy-Verträge auf ihren Namen abschloss.

Von Rainer Schubert